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14. Dezember 2010, 15:21 Uhr

Donnersmarck-Film "The Tourist"

Putzig mit Popo

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Ein deutscher Adeliger in Hollywood, ein Film wie aus den Fünfzigern: Florian Henckel von Donnersmarcks "The Tourist" ist Gute-Laune-Kino der altmeisterlichen Art - und ein Star-Vehikel für Angelina Jolie und Johnny Depp. Liebhaben kann man ihn trotzdem.

Dürfen wir erst mal alle kurz stolz und dankbar sein? Da hat es nun endlich wieder ein Top-Sympath des deutschen Adels ins Zentrum des Weltglamours geschafft, wie vor ihm zuletzt Ernst August von Hannover. Diesmal nicht bloß an den Fürstenhof von Monaco, sondern richtig nach Hollywood! Hurra! Florian Henckel von Donnersmarck ist eine Lichtgestalt, die anheimelnd und oft von Goethe und von "Ehre" und "Anstand" spricht. Er hat mal einen Film über die unanständige und ehrlose und Goethe-ignorante DDR-Staatssicherheit gemacht und ist damit berühmt geworden. Jetzt lebt er seit schon vielen Monaten in Los Angeles und bringt seinen ersten echten Hollywood-Film in die Kinos.

Der Film heißt "The Tourist", doch trotz dieses Titels und obwohl Florian Henckel von Donnersmarck viel am Drehbuch mitgeschrieben hat, erzählt der Film nicht von Florian Henckel von Donnersmarck und seinen Abenteuern in Amerika.

"The Tourist" handelt ganz im Gegenteil von einem Amerikaner, der sich nach Europa verirrt hat und dort in eine tollkühne Affäre verwickelt wird. Der Amerikaner sieht aus wie ein leicht aufgedunsener und fusselhaariger Johnny-Depp-Lookalike und wird gespielt von Johnny Depp. Die Affäre sieht aus wie eine abgehungerte und scharfkantige Angelina-Jolie-Doppelgängerin und wird natürlich gespielt von Angelina Jolie. Europa sieht erst aus wie Paris und dann wie Venedig und ist ungerechterweise viel toller angezogen als die anderen beiden Hauptdarsteller.

Aufgekratzter Klamauk in altmeisterlicher Manier

"The Tourist" läuft am Donnerstag in Deutschlands Kinos an und hat sich in den USA seit dem Start vergangene Woche bei miesen Kritiken ziemlich respektabel geschlagen. Der Film schaffte Platz zwei der Kinocharts und 17 Millionen Dollar Einspielergebnis am ersten Wochenende. Das ist genau genommen sogar sensationell für einen Film aus den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren. Genau so sieht "The Tourist" nämlich aus. Als hätte irgendwer Johnny Depp und Angelina Jolie in die Kulissen von "Über den Dächern von Nizza" und "Charade" gezappt.

Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck, unser deutscher Graf in Amerikas Traumfabrik, hat sich nämlich vorgenommen, uns einen Film mit dem gewissen Hitchcock-Touch (und Stanley-Donen-Schmelz) zu schenken. Er sehnt sich nach Eleganz und Charme, und er serviert das, was er dafür hält, mit einem Augenzwinkern, das er zumindest selbst als absolut unwiderstehlich bezeichnen würde.

So sehen wir erst mal ins Innere eines geheimdienstlichen Abhörwagens (es grüßt "Das Leben der Anderen") und dann auf den Popo von Angelina Jolie, der durch die Straßen von Paris schwingt. Wie in jedem guten alten Agentenfilm von Bond bis Bourne werden die Namen von Stadt und Land eingeblendet, Frau Jolie nimmt in einem Café Platz und wird uns als geheimnisvolle, von vielen Agentenkameras beobachtete Figur vorgestellt. Ein Fahrradkurier bringt ihr eine Nachricht, die sie sogleich verbrennt. Wir Kinozuschauer aber wissen, was drinsteht im Kassiber: Sie wird in einem Zug nach Süden einen x-beliebigen Fremden, bei dem nur die Statur stimmen muss, anbaggern, um ihre Jäger auf eine falsche Fährte zu locken.

Hier ist ein Kuss noch ein Knüller

"The Tourist" erzählt diese Story als aufgekratzten Klamauk. Warum eigentlich? Weil der Regisseur des Films nicht Spannung inszeniert, sondern Gute-Laune-Kino nach merkwürdig altmeisterlicher Art. Frau Jolie hat sich seit ihrer letzten, erst einige Monate alten Thrillerrolle in "Salt" einen ausgesprochen gouvernantenhaften Zug in beiden Mundwinkeln zugelegt. Der Johnny Depp, zu dem sie sich im sonnenlichtdurchfluteten Zug an den Tisch setzt, ist angeblich Mathematiklehrer in der US-amerikanischen Pampa, hat einen tranigen Blick und ordentlich Speck an Backen und Gesäß. Was für ein Paar! Gleich im ersten Augenblick sieht man ihnen an: Wie viel Spaß auch immer wir mit diesen beiden blitzsauberen Witzfiguren noch haben werden, zu so etwas Schmutzigem wie dem Berühren der Figuren wird es in diesem Film niemals kommen.

Muss ja nicht. "The Tourist" spielt in einer Welt, in der ein Kuss zwischen Mann und Frau noch ein echter Knüller ist. Dieser Kuss bringt Johnny Depps Mathelehrer bald in die Bredouille und lässt ihn im Schlafanzug über venezianische Dächer stolpern wie ein Bruder des seligen Quatschkopfs Louis de Funès. Es folgen pittoreske Begegnungen mit trotteligen Polizisten, Verfolgungsjagden auf den Kanälen von Venedig, der Auftritt eines mörderischen Oberschurken und die eine oder andere Enthüllung über die wahre Identität unserer Helden. Und wer nicht ganz und gar verbiestert im Kino sitzt oder voller sozialneidischem Hass auf den deutschen Adel, der wird auch hin und wieder lachen über den total putzigen Humor, den der Film seinen Helden gestattet.

"The Tourist" ist also wirklich kein böser Film. Er ist Unterhaltungskunsthandwerk, dem jeder Hochmut fern ist und jeder Überwältigungswille auch - oder was man sonst Gemeines unseren deutschen Männern von Adel so gerne unterstellt. Wenn man sich anstrengt, kann man "The Tourist" sogar ein kleines bisschen liebhaben. Weil dieser Film, der ein Star-Vehikel für zwei leider uninspirierte Stars sein sollte, so ehrenhaft und anständig in der venezianischen Lagune verplätschert. Und weil wir bitte trotzdem weiter froh sein sollten, dass wir einen echten Weltstarregisseur haben, in ihm, unserem sympathischen, strahlenden Florian Henckel von Donnersmarck. Der adelige Geheimrat Goethe hat übrigens mal gesagt. "Undank ist immer eine Art Schwäche."

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