Zum Tod von Doris Day Der Zauber der Sauberfrau

Drei Jahrzehnte lang war Doris Day zuckersüß und allgegenwärtig als Everybody's Darling - dass sie viel mehr konnte, sahen nur wenige. Nachruf auf eine Frau, die aus der Zeit fiel.

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In den letzten Jahren hat sie sich nur selten gezeigt, aber ab und an ließ sie es sich nicht nehmen: An ihrem 93. Geburtstag, dem 3. April 2015, suchte Doris Day medienwirksam den Kontakt mit ihren Fans. Von denen hatten sich einige unter dem Balkon ihres Hauses in Los Angeles versammelt, um ihr ein Ständchen zu singen. Sie stand dort, dirigierte und nahm die Huldigung entgegen. Auf der Nase eine große Sonnenbrille, auf dem Kopf ein großer, gelber Hut. "Gefällt der euch?" rief sie und erntete Lacher. So war Doris Day.

Jetzt ist Day verstorben, rund einen Monat nach ihrem 97. Geburtstag. Aber schon 2015 überraschte es viele, dass sie überhaupt noch da war. Im Entertainment war sie über rund 35 Jahre fast allgegenwärtig, um dann vor 40 Jahren abrupt aus der Öffentlichkeit zu verschwinden.

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Doris Days Leben: Sauber, aber nicht immer einfach

Als Doris Mary Ann von Kappelhoff, die sich später Day nennen sollte, 1939 ihre Karriere als Sängerin begann, bereitete Hitler gerade den Angriff auf Polen vor. Als sie zur Schauspielerin wurde, hungerte die Welt nach gerade überstandenem Krieg vor allem nach unschuldiger Unterhaltung: Day bediente das mit komödiantischem und musikalischem Talent.

Doris, das Allroundtalent, eroberte die Entertainment-Bühne im Sturm. Als sie Ende der Vierziger ihren ersten Filmvertrag unterschrieb, hatte sie bereits ein Dutzend Jahre im Scheinwerferlicht und zwei Ehen hinter sich. Was sie vor sich hatte, war eine Transformation, eine Art zweite Geburt.

Pop pur: Das immer natürliche Kunstprodukt

1951 hatte sie Martin Melcher geheiratet, der auch zu ihrem Agenten und Produzenten wurde. Er sollte auch ihr Erfinder werden: Binnen weniger Jahre stilisierte er Day zur sauberen US-amerikanischen Idealfrau der Fünfzigerjahre. Day war blond und schlank, pausbäckig und sommersprossig. Immer patent und nett, fröhlich und adrett, selbstbewusst und keck, aber auch tugendhaft und keusch und mit der "richtigen" Orientierung im Leben.

"Alles was ich tue, ist mit meinem Kissen zu reden", singt sie im Titelsong von "Bettgeflüster" (1959), "ich rede über den Jungen, den ich einst heiraten werde". Das ist sehr romantisch und mädchenhaft, wenn auch ein wenig seltsam - für eine damals wahrscheinlich 37-Jährige.

Aber genau das war eben ihre Rolle, in 39 Kinofilmen zwischen 1948 und 1968. Sie spielte das begehrenswerte, jugendlich-unschuldige Wesen, das nur mit Trauring zu haben war: Day war auf saubere, fast desinfiziert keimfreie Weise attraktiv - eine Art Anti-Marilyn. Oder wie Thomas C. Breuer in der satirischen "Wahrheit"-Kolumne der "taz" gehässig schrieb: Wie das "missing link zwischen Frivolität, Sterilität und Senilität".

Zäsur: Von der Modellfrau zum Auslaufmodell

Solcher Spott war ihr schon auf dem Höhepunkt ihres Ruhms sicher. Wie eine Helene Fischer der Leinwand wurde sie vom Publikum geliebt und von den Kritikern als "älteste Jungfrau der Welt" verspottet. Zwei Jahrzehnte lang schadete es ihr nicht.

Für die Generation Petticoat verkörperte sie die moderne Frau, später aber galt sie als abschreckendes Beispiel: Kaum ein Star steht so stellvertretend für eine Zeit und kulturelle Phase wie Doris Day.

Der Niedergang ihrer Karriere kam plötzlich. In der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre griffen ihre alten Erfolgsrezepte nicht mehr. Der kommerzielle Erfolg ihrer Filme ließ nach, der Verkauf ihrer Schallplatten ebenso. Es war, als passte sie auf einmal nicht mehr in die Zeit.

Denn die erlebte eine kulturelle Zäsur. Der Frauentyp, den sie so lang geprägt hatte, galt als altbacken, langweilig und überholt. Day wurde von der Popkultur verstoßen, obwohl sie selbst durch und durch ihr Produkt war - nur eben einer nun vergangenen Popwelt. Schmutzig war jetzt in, doch Day war die Inkarnation der Sauberkeit.

Ihre Art Musik fand fast nur noch auf den Showbühnen von Vegas statt, wo die Sänger des Rat Pack für eine Weile noch die Zeit einfroren, während Beatles, Stones, The Who und Co. die Welt auf den Kopf stellten. Als Frank Sinatra 1968 seinen vorerst letzten Welthit landete, war das wohl kaum zufällig die Abschiedshymne "My Way". "And now", sang er, "the end is near..." Im gleichen Jahr verschwand Doris Day von der Leinwand.

Sie beendete ihre Filmkarriere ohne Ansage. Für eine Weile noch sah man sie im Fernsehen, in der mäßig erfolgreichen, ganz auf sie zugeschnittenen "Doris Day Show" - eine Heile-Welt-Familien-Soap, die wie eine Zeitkapsel der Fünfzigerjahre wirkte. Es war wie ein Fade-out, das leiser werdende Echo einer großen Karriere. Und dann: nichts mehr.

Abtauchen: Die Tragödien der Doris Day

Außer Schlagzeilen ganz anderer Natur. Denn für das Verschwinden der Doris Day gab es bittere persönliche Gründe. Aus dem Tritt geriet sie, als ihr Mann, Manager und Produzent Martin Melcher 1968 starb. Was aber ihrem Sohn Terry passierte, trieb die Familie auf Jahre in die Isolation.

Terry Melcher, ein erfolgreicher Musikproduzent, lernte 1968 einen ambitionierten Folksänger kennen. Der entpuppte sich als gefährlich manisch, als Melcher ihm nach Probeaufnahmen davon abriet, eine Karriere als Musiker zu verfolgen. Der Mann, der auch Kopf einer zunehmend fanatischen Öko-Hippie-Sekte war, begann, Melcher in dessen Haus zu belästigen. Sein Name sollte in die US-Geschichte eingehen: Charles Manson.

Kurz nachdem Terry entnervt auszog und die Immobilie von Regisseur Roman Polanski übernommen wurde, schickte der irre Möchtegern-Sänger am 9. August 1969 seine Jünger aus, dort Terror zu verbreiten. In einem Massaker, das die Welt schockierte, metzelten Charles Mansons fanatisierte Adepten Polanskis schwangere Ehefrau Sharon Tate und vier anwesende Freunde nieder.

Terry Melcher glaubte, dass eigentlich er gemeint gewesen war und zog sich für Jahre aus der Öffentlichkeit zurück. Zutiefst schockiert, aber wohl auch, weil er sich und seine Mutter als potenzielle Ziele der noch für Jahre aktiven Terrortruppe "Manson Family" sah. Sie tauchten gemeinsam ab.

Als Doris Day den Weg zurück an die Öffentlichkeit suchte, tat sie das als Lobbyistin: Sie gründete eine Tierschutzorganisation und widmete Jahrzehnte ihres Lebens vor allem ihren Hunden. Ihr vierter Ehemann Barry Comden ließ sich von ihr scheiden, als Day ihn angeblich aus dem Ehebett vertrieb, um mehr Platz für ihre vierbeinigen Lieblinge zu haben. Im kalifornischen Carmel betrieb sie bis zuletzt ein kleines, aber sehr feines Hotel, das neben menschlichen auch hündische Gäste willkommen heißt.

2011 veröffentlichte sie sogar noch einmal ein Album: "My Heart" umfasst zwölf seltsam aus der Zeit gefallene Titel, auf denen Doris Day noch einmal klang wie eh und je - ewig jung. Mitte April 2015 erschien zudem die "Essential Collection" ihrer "15 meistgeliebten Filme", und auch die feiern ihr Image als ewige Jungfrau. Was darin fehlte, ist zum Beispiel "Der Mann, der zu viel wusste" von Alfred Hitchcock - einer ihrer besten Filme, zu dem sie auch den Welthit "Que sera, sera" beisteuerte.

Auch das gehört zur Geschichte der Doris Day: An ihr Sauber-Image wird man sich ewig erinnern. Dass sie weit mehr konnte, wird zu oft vergessen.



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josho 13.05.2019
1. Ja, sie konnte weit mehr.!
.Man sollte erwähnenm, dass sie in Vorkriegs-und Kriegszeiten auch eine ausgezeichnete Jazz-Sängerin war!
retterdernation 13.05.2019
2. Doris Day ...
hat eine ganze Generation geprägt und ihr in erster Linie musikalisch etwas gegeben. Doch auch ihr Schauspiel wusste einzubinden. In eine heile Welt. Die es heute so nicht mehr gibt. Doris Day stand für das reine Leben ohne Sorgen. Dabei sprach die Entertainerin jung und alt an. Es ist dieser besondere Vibe - der Doris Day umgab. Diese bezaubernde Gini des Mittelstands. Die alles bediente - was Kinder - und Männer sich damals (heute dürfen wir nicht mehr) unter einer Frau und Mutter vorstellten. Für viele Frauen ein Vorbild. Als sich die Zeiten änderten - zog sich Doris Day zurück. Wild und haltlos war nicht so ihres. Somit bleibt die Sängerin und Schauspielerin in einer Engels gleichen Erinnerung.
ManRai 13.05.2019
3. Gerade vor ein paar Tagen
"Der Mann der zuviel wusste" gesehen - danke and RIP
hann.overaner 13.05.2019
4. Kleine Anmerkung
Sicher war "que sera, sera" so etwas Doris Days Erkennungsmelodie. Berühmt und unsterblich wurde Sie aber mit der Originalaufnahme von "Sentimental Journey"
chrismuc2011 13.05.2019
5. RIP Doris Day
Möge Sie im Himmel auch so ein Paradies vorfinden, wie Sie es in Ihren Filmen darstellt. Zeitlebens stellten sich mir die NAckenhaare auf, wenn ich Doris Day hörte oder sah. Ausnahme: Che sera.
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