Film über chinesische Einkindpolitik Vergiss die Vergangenheit nicht

In seinem mitreißenden Drama "Bis dann, mein Sohn" lässt Regisseur Wang Xiaoshuai zwei Paare die großen Umbrüche Chinas im Privaten durchleben. Auf der Berlinale gab es dafür gleich zwei Silberne Bären.

Piffl Medien

Von Sven von Reden


Weit entfernt, fast am Horizont, findet das entscheidende Ereignis statt, das "Bis dann, mein Sohn" überschattet. In einem Panoramablick zeigt Regisseur Wang Xiaoshuai eine Seelandschaft. Auf einer Sandbank lassen sich mehrere Erwachsene erahnen, die um einen am Boden liegenden Jungen versammelt sind. Nur die Tonspur bringt die Tragik des Moments ganz nahe: Zu hören sind Eltern, die ihr einziges Kind beweinen.

Es ist einer der wenigen Momente in diesem berührenden Dreistundenepos, in dem starke Gefühle - wenn auch in großer Distanz - ganz offen ausgedrückt werden. Was jedoch typisch ist, ist die Spannung zwischen Groß und Klein, Nah und Fern, die eigentlich jede Szene von "Bis dann, mein Sohn" bestimmt. Denn Wang versucht nicht weniger, als den unvorstellbar rasanten Wandel des Riesenreichs China in den letzten vier Jahrzehnten anhand von zwei ganz gewöhnlichen Familien fassbar zu machen, die der Schicksalsschlag auf tragische Weise verbindet.

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"Bis dann, mein Sohn": Kampf ums Kind

Die befreundeten Ehepaare Lijun und Yaojun und Haiyan und Yingming arbeiten beide in einer Metallfabrik im Norden Chinas. Ihre Söhne Xing und Haohao wurden am selben Tag geboren. Es sind die mittleren Achtzigerjahre, noch machen sich die Reformen Deng Xiaopings, die China den Weg in den Turbokapitalismus weisen werden, wenig bemerkbar. Anders ist es mit der 1979 eingeführten Einkindpolitik, die Einzelkinder zur Norm machte und - bis auf wenige Ausnahmen - jedes weitere Kind sanktionierte.

Diese Strafen trafen nicht nur die Familien, zeigt "Bis dann, mein Sohn" eindrücklich. Als Arbeiterin Lijun ein zweites Mal schwanger wird, wird sie von der leitenden Angestellten Haiyan zur Abtreibung gedrängt, um die ihrem Betrieb zugeteilte Geburtenquote halten zu können - bei Überschreitung hätten alle Mitarbeiter haften müssen. Als Belohnung bekommen Lijun und Yaojun in einer demütigenden Zeremonie vor der gesamten Betriebsversammlung einen Preis für Familienplanung verliehen.

Umso tragischer ist dann der Tod des jungen Xing wenige Jahre später für das Paar. Ein Tod, bei dem Haohao eine Rolle spielt - deren genaues Ausmaß erst das Ende des Films enthüllt, das im Jahr 2011 spielt. Wang erzählt die Zeitspanne mithilfe von Editor Lee Chatametikool nicht linear, so als habe das traumatische Ereignis zu Beginn die Kraft, selbst den Lauf der Zeit zu zerstören. Das macht die Orientierung in der Erzählung nicht leicht, ermöglicht es Wang aber, Ursachen und langfristige Wirkungen direkt nebeneinanderzustellen und die Änderungen in der chinesischen Gesellschaft pointierter hervorzuheben.


"Bis dann, mein Sohn"
China 2019

Regie: Wang Xiaoshuai
Drehbuch: Ah Mei, Wang Xiaoshuai
Darsteller: Wang Jingchun, Yong Mei, Qi Xi, Roy Wang
Verleih: Piffl Medien
Länge: 185 Minuten
FSK: ab 6 Jahren
Start: 14. November 2019


Wang selbst sieht seinen Film als Anregung zu einer Art chinesischer Version von "Vergangenheitsbewältigung". In einem Kommentar zu "Bis dann, mein Sohn" schreibt er: "Ein chinesisches Sprichwort sagt: 'Schau nach vorne und vergiss die Vergangenheit.' Dieses Motto sollte in den Anfangstagen der Wirtschaftsreform die Gesellschaft motivieren, überholte Werte abzulegen und auf wirtschaftlichen Wohlstand hinzuarbeiten. Aber die Vergangenheit einer kritischen Analyse und Untersuchung zu unterziehen, ist unabdingbar, um nicht schon einmal gemachte Fehler zu wiederholen und die Zukunft aufs Spiel zu setzen."

Was Wang nicht direkt schreibt: Vergangenheitsbewältigung setzt Demokratisierung voraus. Aber man kann seinen Film, in dem seine Protagonisten hilflos den vom Parteibüro beschlossenen Marschlinien für Wirtschaft und Gesellschaft ausgeliefert sind, als indirektes Plädoyer für mehr Teilhabe an politischen Prozessen lesen. So wie er auf privater Ebene fordert, Rechenschaft abzulegen für seine Taten.

Wang hat seine Systemkritik so geschickt verpackt, dass der Film im Gegensatz zu Zhang Yimous neuem Film eine offizielle Ausfuhrgenehmigung Chinas bekommen hat und im Wettbewerb der Berlinale laufen konnte. Dort wurden die beiden Hauptdarsteller Yong Mei und Wang Jingchun mit Silbernen Bären ausgezeichnet.

Im Video: Der Trailer zu "Bis dann, mein Sohn"

Piffl Medien

Aber natürlich ist Vergangenheitsbewältigung ein ambivalenter Begriff: Das Ende von "Bis dann, mein Sohn" suggeriert, dass eine Bewältigung historischer Traumata zumindest im privaten Bereich möglich ist. Wobei die Hauptfiguren des Films ein geradezu übermenschliches Duldungsvermögen und viel guten Willen aufbringen. Wie es gesamtgesellschaftlich und mit weniger einsichtigen Akteuren aussieht, lässt Wang allerdings offen.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
pvonwerther 14.11.2019
1. Chinas 1-Kind Politk...
Durch die verordnete Geburtenkontrolle des kommunistischen Staates konnte China im Gegensatz zu Indien das Problem der Über-Bevölkerung eindämmen und beherrschen , leider mit gesellschaftliche Verwerfungen die nun heute zu Tage treten !Durch die verordnete 1 Kind Politik ,nur die nationalen Minderheiten waren davon ausgenommen , kamen meist nur Söhne zur Welt und so ist das Geschlechter Verhältnis in manchen Regionen 3:1 , also auf 3 Männer kommt 1 Frau ! So ist der illegale Heiratsmarkt ein Milliarden Geschäft , denn der Frauenüberschuß von den nationalen Minderheiten wird mit teils mafiösen Methoden bedient und es werden oft Unsummen für diese Bräute geboten - ein moderner Frauenhandel innerchinesisch versucht das Manko an nötigen Bräuten zu beheben! Die versteckten , illegal-geborenen Kinder leben meist bei Verwandten auf dem Lande ,ohne jede offizielle Existenz !
domino3116 14.11.2019
2. In wenigen Jahren wird in China noch ein weiteres Problem kommen.
Zitat von pvonwertherDurch die verordnete Geburtenkontrolle des kommunistischen Staates konnte China im Gegensatz zu Indien das Problem der Über-Bevölkerung eindämmen und beherrschen , leider mit gesellschaftliche Verwerfungen die nun heute zu Tage treten !Durch die verordnete 1 Kind Politik ,nur die nationalen Minderheiten waren davon ausgenommen , kamen meist nur Söhne zur Welt und so ist das Geschlechter Verhältnis in manchen Regionen 3:1 , also auf 3 Männer kommt 1 Frau ! So ist der illegale Heiratsmarkt ein Milliarden Geschäft , denn der Frauenüberschuß von den nationalen Minderheiten wird mit teils mafiösen Methoden bedient und es werden oft Unsummen für diese Bräute geboten - ein moderner Frauenhandel innerchinesisch versucht das Manko an nötigen Bräuten zu beheben! Die versteckten , illegal-geborenen Kinder leben meist bei Verwandten auf dem Lande ,ohne jede offizielle Existenz !
Es wird einen Überhang an alten Menschen geben, die versorgt werden wollen. (Rente, Gesundheitsversorgung) . Ich weiß beim besten Willen nicht, wie die das stemmen wollen.
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