Drama "Import Export" Parcours der Demütigungen

Wenn die Würde zur Währung wird: In seinem Ostwest-Drama "Import Export" zeichnet Regisseur Ulrich Seidl radikal den Elendstransfer zwischen der Ukraine und Österreich nach und propagiert dabei einen düsteren Humanismus.

Gelobt sei das Internet. Die Technik macht es möglich, dass man einen Menschen tausende Kilometer entfernt vom eigenen Wohnort demütigen kann, ohne sich eine Unterhose anziehen zu müssen. So jedenfalls sieht es wohl Ulrich Seidl, der große Sozialreporter und Gesellschaftsanalyst des österreichischen Kinos, der in fast jedem kommunikativen Akt nur ein Mittel der Verletzung sieht.

Sein neuester Film "Import Export" spielt unter anderem in einer Internetsex-Agentur in der Ukraine, in der einheimische Frauen nach den telefonischen Anweisungen österreichischer Kunden ihre Körperöffnungen vor der Webcam präsentieren. Auch die junge Mutter Olga (Ekateryna Rak) hat hier einen Job ergattert und freut sich darüber in zweierlei Hinsicht: Endlich kommt wieder Geld in die Kasse, nachdem der alte Arbeitgeber der Krankenschwester einfach die Lohnzahlung eingestellt hat. Und außerdem lernt sie gleich ein paar Brocken Deutsch, die ihr den Sprung nach Westeuropa erleichtern sollen. Aber wie weit kommt man mit einem Vokabular, das sich lediglich aus unflätigen Synonymen für das weibliche Geschlechtsorgan speist?

Europa rückt zusammen, die Grenzen werden durchlässiger. Für Seidl, der in Filmen wie "Hundstage" mit quasi-dokumentarischer Schärfe bislang vor allem innerhalb Österreichs Abhängigkeitsverhältnisse der unterschiedlichsten Art beleuchtete, ist das kein Grund zum Optimismus: Wo die Grenzen fallen, bricht sich der Demütigungswille der Menschen nur umso leichter Bahn.

Nichts als Elend

So wird der Trip der jungen Ukrainerin ins winterlich-unwirtliche Wien eine Studienreise in Sachen moderner Lohnsklaverei. Erst putzt Olga bei einer reichen Familie, wo sie die Hausherrin willkürlich rausschmeißt, weil sie sich mit den Kindern angefreundet hat. Später arbeitet sie als Reinigungskraft in einem Pflegeheim. Dort darf die gelernte Krankenschwester zwar die vollen Windeln vom Boden aufsammeln, die Patienten aber aus arbeitsrechtlichen Gründen nicht berühren.

Die Osterweiterung sieht Ulrich Seidl (und seine Co-Autorin Veronika Franz) also pragmatisch-pessimistisch: Wenn die Grenzen am Rande Europas wegfallen, werden eben woanders wieder welche gezogen. Olga hat zwar den Sprung nach Österreich geschafft, aber die gesellschaftlichen Demarkationslinien im Land selbst, die oben von unten trennen, bleiben für sie unüberwindbar.

Auch der junge Wiener Pauli (Paul Hofmann) müht sich vergeblich um irgendeine Art von Aufstieg. Er trainiert vor dem Spiegel martialische Posen und lässt sich auf einem Acker paramilitärisch drillen, doch als er endlich eine Anstellung bei einem privaten Wachdienst bekommt, wird er beim nächtlichen Rundgang von einer Türkengang überfallen. Seine Uniform hilft da wenig; Pauli muss seine Klamotten ausziehen, wird nackt der Lächerlichkeit preisgegeben.

Wie für Olga ist auch für Pauli das Leben nichts anderes als ein Parcours der Demütigungen. In der U-Bahn muss er vor Schuldnern flüchten, zuhause ranzt ihn der Stiefvater an, und als er einmal stolz mit einem neuen Kampfhund bei seiner Freundin aufläuft, schickt die ihn umgehend in die Wüste, weil die Töle das Wohnzimmer verwüstet. Nicht einmal der Hund hört auf Pauli.

Dann jedoch nimmt ihn sein Stiefvater mit auf große Tour: In Osteuropa stellt der gerissene Gossen-Entrepreneur alte Kaugummi- und Spielautomaten auf. So kurven die beiden Männer bald auch durch die Ukraine. Der Junge wird als Vorhut in die düstersten Ecken morbider Plattenbausiedlungen geschickt, der Alte macht sich derweil für ein paar Euros die weibliche Einwohnerschaft gefügig.

Zaghafte Momente des Glücks

Was für ein Markt sich doch mit der Erweiterung Europas auftut. Aber was genau verschiebt man da eigentlich? Für Seidl ist die Antwort klar – nichts als Elend wird da transferiert! Eine gewagte Spiegelung nimmt der Regisseur in "Import Export" auf diese Weise vor: Ob in den sozialen Trümmerfeldern des ehemaligen Ostblocklandes oder in der gewienerten Tristesse Österreichs, hier wie dort blüht ein archaischer Handel. Menschen lassen sich kaufen, mit Haut, Haaren und Seele. Dabei scheint es aus Sicht Seidls keinen großen Unterschied zu machen, ob seine tapfere ukrainische Heldin von geilen Internet-Usern Befehle entgegen nehmen muss oder ob sie von Wiener Großbürgerinnen als eine Art Leibeigene gehalten wird. Die Würde ist hier wie dort die Währung, in der bezahlt wird.

Weil er sich stets die traurigsten Ecken der Gesellschaft für seine anthropologischen Recherchen raussucht und dann effektsicher mit der Kamera auf seine Studienobjekte draufhält, wird Seidel oft als "Sozialpornograph" gescholten. Ein Vorwurf, der diesmal noch nahe liegender zu sein scheint. Quälend explizit zeigt "Import Export" zum Beispiel die Unterwerfung der osteuropäischen Frauen durch westeuropäische Männer. Und in den Szenen auf der Geriatrie-Abteilung, gedreht mit authentischen Pflegepatienten, setzt Seidl das Dahindämmern der Alten so krass wie konkret ins Bild.

Da übersieht man leicht, dass es in dieser gut zweistündigen Elends-Tour-de-Force auch zaghafte Momente des Glücks gibt. Etwa wenn sich Pauli - statt mit seinem Stiefvater eine Prostituierte zu erniedrigen - alleine auf der Tanzfläche einer Ostdisco stampfendem Techno hingibt. Oder wenn Olga im Keller des Pflegeheims mit einem Dahinsiechenden ein paar Tanzschritte wagt.

Denn das ist ja die Kernfrage, um die sich der düstere Humanismus á la Ulrich Seidl dreht: Wie bewahrt man sich die Würde, wenn um einen herum die ganze Welt im Dreck versinkt?

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