Dreharbeiten mit Ang Lee Der mit dem Drachen tanzt

Zwischen Stürmen und Sprachproblemen: Für den Geniestreich "Tiger and Dragon" riskierten Regisseur Ang Lee und sein Team Knochen und Nerven.
Von Rüdiger Sturm

Wer ein Meisterwerk drehen will, sollte einfach seine Gesundheit vergessen. Francis Ford Coppola geriet mit "Apocalypse Now" in einen Taifun, John Huston und sein "African Queen"-Team verteidigten sich gegen Ameisenattacken und Marilyn Monroe bescherte Billy Wilder bei "Manche mögen's heiß" einen Nervenzusammenbruch.

Auch Regisseur Ang Lee, 46, singt von seinem Kung-Fu-Epos "Tiger and Dragon" ein Lied des Leidens. Nach fünf Monaten Produktionsstress rund um die Uhr konnte er kaum noch atmen. "Ich dachte, ich kriege einen Herzinfarkt. In meinem Alter werde ich mich wahrscheinlich nie mehr davon erholen." Zum zermürbenden Zeitplan kamen die Tücken der Schauplätze. Einmal verirrte sich das Filmteam nachts in der Wüste Gobi. Und als am nächsten Tag endlich die Kameras rollen sollten, schlug ein Sandsturm zu. Dann regnete es wieder in Strömen.

Hauptgrund für diese Strapazen war aber Lee selbst. Als Kind und Jugendlicher war der gebürtige Taiwaner süchtig nach Filmen und Büchern des "Wu Xia"-Genres, der klassischen chinesischen Ritterabenteuer. Als Regisseur, der sich mit präzisen Gesellschaftsporträts wie "Das Hochzeitsbankett" oder "Sinn und Sinnlichkeit" einen Namen gemacht hatte, wollte er die alten Erzählmuster mit moderner Perspektive ausgestalten. "Ich konnte keinen reinen Actionfilm machen", sagt er, "ich musste menschliches Drama hineinbringen."

Seine Drehbuchautoren James S hamus, Wang Hui Ling und Tsai Kuo Jung destillierten aus einem mehr als 1000 Seiten dicken Roman eine Geschichte mit einem für das Genre völlig neuen psychologischen Ansatz heraus. Das kostete seinen Schauspieler gleich doppelte Anstrengungen. Während sich die Kampfszenen traditioneller Hongkong-Filme auf die pure Physis beschränken, verlangte Lee auch hier darstellerische Leistung. Doch bei so spektakulären Actionsequenzen wie in "Tiger and Dragon" baut ein Akteur von Take zu Take körperlich ab.

Szene für Szene mussten Lee und seine Stars, Michelle Yeoh, Chow Yun Fat und Zhang Ziyi die Grenzen des Machbaren austesten. Stuntleute durften nur ran, wenn's wirklich knifflig wurde. Prompt holte sich Yeoh einen Kreuzbandriss und musste einen Monat pausieren. Doch bei den Kampfsport-Kunststücken war Lee nur selten zu Kompromissen bereit. Nicht nur, dass er die Kampfszenen in langen, komplizierten Einstellungen drehte, sein Action-Choreograf Yuen Wo Ping, der schon für Jackie Chans "Drunken Master" und für "The Matrix" verantwortlich zeichnete, musste auch noch einen Schwertkampf auf Bambus-Wipfeln hinkriegen.

Schon in King Hus Kung-Fu-Klassiker "Ein Hauch von Zen" schlugen sich die Helden zwischen den Bäumen. Doch Lee wollte sein Vorbild noch übertreffen: "Es war verrückt, sexy. Aber jeder hielt es für unmöglich, und deshalb wollte ich es tun." Prompt gingen die ersten drei Drehtage für die Szene im Chaos unter. Selbst als es dann doch klappte, stockte der Crew der Atem: Chow Yun Fat und Zhang Ziyi duellierten sich 25 Meter über dem Boden, nur mit Drahtseilen an einem Kran befestigt. "Es war schon gefährlich", gibt Lee heute zu. "Ich würde es nicht wieder machen."

Eine der schlimmsten Aufgaben für die Besetzung war zugleich die unscheinbarste. Denn alle Dialoge waren auf Mandarin verfasst - das außer Zhang Ziyi niemand beherrschte. Chow Yun-Fat und Michelle Yeoh durften deshalb Crashkurse belegen. Doch das bewahrte sie nicht vor Frustrationen. Am ersten Drehtag brauchte Chow für eine Szene wegen Intonationsproblemen 28 Takes; seine Partnerin musste einmal ein 16 Zeilen langes Dialogstück wiederholen, weil sie eine einzige Silbe nicht richtig ausgesprochen hatte.

Doch in der zeitlichen Distanz ist aller Ärger unverhohlener Bewunderung für den Monomanen Lee gewichen. Mit gutem Grund. Seit Cannes 2000 sorgt "Tiger and Dragon" bei Kritik und Publikum für Euphorie. Nach phänomenalen Erfolgen in Asien ist der Film nun auch auf der Startrampe zum internationalen Blockbuster. In Frankreich hatte er über eine Million Zuschauer; in den Vereinigten Staaten spielte er bisher mit weniger als 200 Kopien rund 18 Millionen Dollar ein, trotz Untertitel. Jetzt wartet der Oscar...

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