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Wolfgang Kohlhaase: Alles, nur keine Bestimmer!

Foto: ddp images/ DEFA-Stiftung

Drehbuch-Großmeister Kohlhaase Berlinerin, ick hör dir singen

Berlin und die Frauen: Beide wirken bei Wolfgang Kohlhaase wunderbar schroff und stolz - wie in "Sommer vorm Balkon" und "Solo Sunny". Pünktlich zum 80. erhält der große Kiezpoet des deutschen Kinos jetzt die Lola für sein Lebenswerk. Ein Hausbesuch im brandenburgischen Gehölz.

Die Straßen sind hier nicht mehr geteert, auf sandiger Piste geht's durchs Gehölz. Das Navi weiß nicht weiter, also den Forstarbeiter da vorne fragen, ob denn am Ende der Strecke noch ein paar Häuser stehen. "Weeß ick och nich", sagt der freundlich und fuhrwerkelt weiter mit seiner Raupe an ein paar Baumstämmen rum.

Irgendwann ist man dann doch angekommen in Wolfgang Kohlhaases Refugium eine knappe Autostunde entfernt von der Hauptstadt - und freut sich über die Ironie, dass der Mann, der über ein halbes Jahrhundert lang die Drehbücher für die traurigsten und aufregendsten Berlin-Filme aller Zeiten geschrieben hat, ausgerechnet in der Brandenburgischen Wallachei zu finden ist.

Kohlhaase scheint sich ebenfalls über diese Ironie zu freuen. Jedenfalls steht er, die Hände salopp in den Hosentaschen, lächelnd in seinem weitläufigen Garten und schweigt genüsslich. Man hört gemeinsam den Vögeln beim Zwitschern zu, der Besuch aus der Stadt kriegt das so ungefiltert ja nicht oft zu hören. Hübsch, aber wie wenig inspirierend, denkt man. Braucht der Drehbuch-Altmeister, der auch kurz nach seinem 80. Geburtstag an drei Filmideen parallel bastelt, denn nicht den Sound der Großstadt?

Nö. "Berlin kann man auch hier hören, diese Tonlagen", sagt Kohlhaase später auf der verführerisch weichen Couch im Wohnzimmer seiner Kate. "Ich meine keine modischen Redensarten, sondern die Großstadtsprache, die übertreibt und untertreibt und in der die Gegensätze leben; Sprechen als Art des Denkens. Das findet man nicht als Rechercheur. Das ist Lebensstoff. Das, was ich sowieso weiß."

Alles eine Frage der Herkunft, nicht des Handwerks. Kohlhaase, der zur Zeit der deutschen Teilung für die Defa gearbeitet hat und nach der Wiedervereinigung als einer der wenigen gestandenen Ost-Filmemacher Anschluss an den Kinobetrieb halten konnte, spricht an diesem Nachmittag viel von seinen frühen Jahren. Von dem Mut seiner Eltern (der Vater war ein einfacher Schlosser), und von der Solidarität jener, die ihn in den Zeiten des Umbruchs in die richtige Richtung getrieben haben. Die Stunde Null, die Teilung Deutschlands, die Wende - immer wieder stieß er auf die richtigen Leute.

Das Pathos aber, das man bei Männern seines Alters oft findet, ist ihm fremd. Wie in seinen Filmen mit ihrem ganz eigenen leichtfüßigen Groove und ihrer lakonischen Poesie leuchtet er menschliche Abgründe aus, um unmittelbar auf die Freuden des Lebens zu kommen. Ein Widerspruch? Nicht wirklich, eher das Leben in seiner ganzen Pracht und Niedertracht.

Kamera schnappen, Kunst machen

Kohlhaase, inzwischen fast vollkommen in seinem Sofa verschwunden, erzählt von den Paradoxien seines Lebens. Wie er in den letzten Kriegstagen im brennenden Berlin 45 die ersten Toten gesehen hat - wie dann aber jemand am nächsten Tag auf einmal Tiger-Rag-Platten mitgebracht hat und man versucht hat, danach zu tanzen. Wie er einerseits immer wieder bei der Defa mit Leuten zu kämpfen hatte, die ihm in seine Bücher reinreden wollten - wie man ihm und Regisseur Gerhard Klein aber auch 1956 die Ausrüstung in die Hand gedrückt hat, auf dass sie mal einen Film über die jungen Leute von Ost-Berlin drehen: "Wir schnappten uns die Kamera und gingen auf die Straße. Die großen Neorealisten blieben unerreichte Vorbilder, aber wir schafften es, ein Stück wirkliches Berlin zu zeigen."

"Berlin, Ecke Schönhauser" hieß der fertige Film, der auch heute noch in seiner schroffen Schönheit in den Bann zieht - und die Überlegenheit der ostdeutschen Filmindustrie gegenüber der westdeutschen verdeutlicht. Drehte man, Ausnahmen bestätigten die Regel, in der BRD eine Schnulze nach der anderen, gab es in der in der DDR einen enormen ästhetischen Gestaltungswillen. Allerdings eben auch einen grausamen politischen Druck. Ein Widerspruch, den der Autor im Gespräch in einer dieser typischen Kohlhaase-Sentenzen herausstellt: "Von Kunst wurde in der DDR viel erhofft - und zugleich viel befürchtet."

Wie kam er als Fein- und Freigeist über die Runden zwischen all den Apparatschiks, die sich in Babelsberg rumtrieben? "Es gab bei der Defa eher die Zensur in Form einer permanenten Bedenklichkeit", so Kohlhaase. "Es gab lange Diskussionen, angefangen mit den Drehbüchern, aber niemand schnitt einfach irgendwelche Szenen aus deinen Arbeiten heraus. Die oft versuchte Belehrung des Künstlers schloss Respekt nicht aus."

Klingt relativ knorke, war es aber natürlich überhaupt nicht. Als beim berüchtigten 11. Plenum des ZK 1965 fast ein ganzer Jahrgang an Filmen weggeschlossen wurde, bekam auch Kohlhaase die Brutalität des Systems zu spüren. Neben Frank Beyers später zum Programmkinohit avancierten "Spur der Steine" wurde auch Kohlhaases "Berlin um die Ecke" für Jahrzehnte im Giftschrank verstaut.

Kampf um guten Sex und echte Würde

Berlin blieb trotzdem Kohlhaases großes Thema. Bis heute. Das Erstaunliche ist, wie zeitlos seine Kiez-Dramen in ihren Dialogen wirken - und wie sehr sie doch stets objektives Dokument jener Zeit sind, in der sie entstanden.

Die Teilung der Stadt war vielleicht in keinem anderen Film so präsent wie in "Berlin, Ecke Schönhauser" 1956, wo die jungen Menschen die Selbstfindung in einer Metropole übten, die gerade ihre Mitte verlor. Nie wurde die poetische Tristesse der Mauerstadt pointierter in Szene gesetzt als in dem Musikerdrama "Solo Sunny" (Regie: Konrad Wolf), das 1980 auf der Berlinale den Silbernen Bären gewann. Und die Prenzlauer-Berg-Ballade "Sommer vorm Balkon" (Regie: Andreas Dresen) von 2006 ist vielleicht der einzige Film, der richtig ernst macht mit der Wiedervereinigung, weil er eine Ost- und West-Frau auf ganz unspektakuläre Weise im Kampf um guten Sex und echte Würde zusammenbringt.

Ach so, Herr Kohlhaase, Thema Frauen: Finden Sie Männer als Filmpersonal eher langweilig? "Äh, wieso?" fragt der Künstler zurück und zieht sich das Sofakissen schützend auf die Brust. Naja, Sie erzählen Ihre Geschichten meist aus weiblicher Perspektive, und die stärksten Dialog-Parts haben die Frauen bei Ihnen sowieso. Man nehme nur die Szene aus "Solo Sunny", in der die Heldin am Morgen ihren One-Night-Stand abserviert: "Ist ohne Frühstück", sagt sie. Als der Mann irgendwas zu erwidern versucht, schiebt sie nach: "Ist auch ohne Diskussionen."

Schwul? "Halb Berlin weeß et besser"

Kohlhaase windet sich aus aus den tiefen Kissen heraus - hinein in eine einleuchtende Erklärung: "Frauen sind nun mal das interessantere Geschlecht. Und das schönere ja sowieso. Bei den Männern hat sich in den letzten 50 Jahren nichts Wesentliches getan, aber die Frauen haben sich entwickelt."

Er lauscht den Sätzen nach - und merkt wohl, dass das jetzt ein bisschen zu frauenbewegt klingt. Nee, so einer ist er ja nun auch nicht. Im Gegenteil, der Herr hat einen Ruf zu verteidigen. Zu frühen Defa-Zeiten galt Kohlhaase, der seit 1968 mit der ungarischen Balletttänzerin Emöke Pöstenyi liiert ist, als größter Casanova von Babelsberg. Unvergessen die Anekdote, die aus den frühen Defa-Jahren über ihn kursiert: Da kam er mit Nelke im Revers an den Set und ein Techniker fragte, ob er jetzt schwul geworden sei. Kohlhaases Antwort: "Halb Berlin weeß et besser."

So bemüht er sich jetzt auch im Gespräch schnell, dem Eindruck entgegenzuwirken, er sei ein "Frauenversteher": "Das Wort klingt ja schon fürchterlich, wenn es aus dem Mund raus ist. Und eigentlich verstehe ich die Frauen gar nicht." Das sei aber ein guter Grund, sich mit ihnen zu beschäftigen. Und genüsslich lächelnd fügt er hinzu: "Ich könnte den ganzen Tag damit verbringen, über sie nachzudenken."

Zwischen Prenzlberg und Friedrichshain

Starke Frauen und Durchschnitts-Heinis, das sind die ewigen Themen im Werk und im Leben des Wolfgang Kohlhaase. Er erzählt von Hartz-IV-Empfängern oder Lastwagenfahrern, ohne dass es nach angestrengter Milieu-Studie ausschaut. Bei Erwähnung des M-Wortes verzieht der freundliche Herr sowieso säuerlich das Gesicht. Andere Leute zu studieren - das hält ein Kiezpoet wie Kohlhaase für eine Frechheit: "Ich bin groß geworden unter diesen Menschen, ich wollte nie woanders sein. Ich denke oft an meine Eltern, in der letzten Zeit sogar immer häufiger. Sie hatten nicht viele Möglichkeiten sich zu entscheiden, die Dinge sind über ihren Kopf weg geschehen. Mich berührt rückblickend ihre tägliche Tapferkeit."

Sein nächster Film handelt auch von einer starken mittellosen Heldin. "I Phone You" (ab Mai im Kino) erzählt von einem chinesischen Blumenmädchen, das einem deutschen Geschäftsmann in dessen Heimat folgt. Es ist das Regiedebüt der chinesisch-stämmigen Filmstudentin Dan Tang, die nach Angaben von Kohlhaase vom Alter her seine Enkelin sein könnte. Es geht um I-Phones, Langstreckenflüge und Globalisierung, aber in Wirklichkeit geht es nur um das wunderbare Kohlhaase-Thema, das er seit über 50 Jahren immer wieder behandelt: Eine Frau kämpft zwischen Prenzlberg und Friedrichshain um die Selbstbehauptung.

Natürlich ist "I Phone You" ein Berlin-Film geworden, was denn sonst? Und natürlich ist es ein Film über Menschen geworden, die man in Fernsehredaktionen immer etwas gönnerhaft als "kleine Leute" einsortiert. Aber so ein Begriff bringt den unendlich sanft wirkenden Kohlhaase nun wirklich auf die Palme, es kommt einem sogar so vor, als schwiegen draußen andächtig die Vögel.

Ganz gerade sitzt Kohlhaase jetzt auf der Kante seines Sofas, es gilt da offensichtlich etwas klar zu stellen: "Mir sind die, die ins Leben geworfen worden, näher als die Bestimmer. Und warum sollen sich die, die unten vor der Leinwand sitzen, nicht auch mal oben auf der Leinwand sehen?"

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