Drehbuchautoren in Hollywood Die Armut der Architekten

Hollywoods Drehbuchautoren haben es schwer: Die Architekten der erfolgreichen Filmstoffe plagen sich mit endlosen Entwürfen und kreativen Blockaden oder müssen Vergewaltigungen ihres Stoffes hinnehmen. Nur wenige schaffen den Sprung in die Top-Liga. Einer von ihnen hat aus dem Leid der Autoren einen Film gemacht.

Von Helmut Sorge, Los Angeles


Kinofilm "Adaptation", Hauptdarsteller Cage: Von Orchideen in die Krise gestürzt
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Er trägt seinen Notizblock bei Wanderungen stets in der Tasche. Zuweilen verharrt er. Eine Szene ist ihm eingefallen, ein Dialog. Aufschreiben.

So war's über Jahre. Er schrieb und schrieb, und was er zusammendichtete, lasen einige Freunde, die sich an einen Klassenkameraden erinnerten, der mit einer Frau verheiratet ist, die im Vorzimmer eines Hollywood-Anwalts das Telefon abnimmt. Und die wird das Manuskript weiterreichen, versprochen.

Jeder Kontakt bedeutet neue Hoffnung. Jede Ablehnung neue Depressionen. Charlie Kaufman, 44, hat sich über Jahre hinweg als Fernsehautor gequält, an angepassten Geschichten gearbeitet, die Quoten hochtreiben sollten, mehr nicht. Seine eigenen Ideen wurden als zu absurd, zu riskant verworfen. So war es auch mit seinem Drehbuch "Being John Malkovich", eine Art Psychokomödie: Ablehnung folgte auf Ablehnung. Dann, fünf Jahre später, ein Zufall. Die Entdeckung seines Manuskripts, die Nominierung für einen Oscar. Seitdem ist Kaufman eines der "hottest talents" in Hollywood, zumal sein eben angelaufener zweiter Film "Adaptation" von nationalen Gazetten als der "beste", "phantasievollste" und "gewagteste" Film des Jahres 2002 gepriesen wird.

"Adaptation" ist eine Geschichte über ihren Autor und über Hollywood. Kaufmann symbolisiert eine Zunft, die - offiziell - 8500 Mitglieder zählt: Drehbuchschreiber. Einige wenige sind ausgebucht, wie Frank Darabont, der derzeit aus Ray Bradburys Roman "Fahrenheit 451" ein neues Drehbuch erarbeitet und die vierte Folge von "Indiana Jones" schreiben soll. William Monohan hat für die 20th Century Fox das historische Werk "Tripoli" verfasst (Kinostart 2004), alsbald soll er die Dinosaurier aus dem "Jurassic Park" wieder auferstehen lassen.

Erfolgsteam Damon, Affleck (r.): Als Schauspieler der Anonymität entkommen
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Die Mehrheit der Schreiber lebt - wie die Schauspieler - häufig am Rande des Existenzminimums, nicht selten sind sie im Nebenjob Taxichauffeur oder Nachtportier, Lehrer oder Computerprogrammierer. Drehbücher schreiben, weiß Autor Dale Laúner ("My Cousin Vinnie") ist so entmutigend, als "würde man Kinder für die Adoption aufziehen": Die schmerzhafte Ablehnung des Manuskripts, das über Jahre, Nacht um Nacht, erarbeitet wurde. Oder das andere Drama: Der Blick auf das weiße Papier. Kein Gedanke. Der Griff in die Tasten. Keine Idee. Der "writer's block", die kreative Blockade. Nervenkrise. Existenzangst. Verunsicherungen, die die Lähmung und den Selbstzweifel verstärken.

Auch Charlie Kaufman, nach eigener Aussage von Samuel Beckett und Franz Kafka beeinflusst, musste diese kreative Krise verarbeiten: Er hatte von Sony Pictures einen Auftrag akzeptiert: die Umsetzung eines Bestsellers, den die "New Yorker"-Autorin Susan Orlean geschrieben hat. "The Orchid Thief" erzählt die wahre Geschichte eines Orchideenzüchters in Florida, der die perfekte Blume sucht. Kaufman schätzt eine Thematik, "die Risiken enthält" und ihn fordert, notfalls sogar in Depressionen stürzt. So wie die Ochideen. Obwohl die schön sind, machten sie ihn krank: Totale Blockade. Letztlich findet er eine Lösung, die für ihn die Kapitulation bedeutet: Er schreibt seine eigene Leidensgeschichte in das Drehbuch und wird (dargestellt von Nicolas Cage) Hauptdarsteller und Drehbuchautor zugleich.

Filmplakat von "Adaptation": der "beste", "gewagteste" und "phantasievollste" Film des Jahres

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Er wolle durch die Adaption das Werk der Autorin (im Film: Meryl Streep) "nicht ruinieren, indem ich ein Hollywood-Ding daraus mache", lässt der reale Drehbuchautor seinen fiktiven Stellvertreter im Film sagen, deshalb wolle er "weder Sex, Waffen noch Verfolgungsjagden einbauen. Oder Charaktere, die tiefe Lebensweisheiten erlernen. Das Buch ist nicht so, das Leben auch nicht". Kaufman bleibt auch im richtigen Leben diskret. Er redet nicht über sich und seine Erfolge. Er lebt nicht in Hollywood, sondern in Pasadena. Kein Kino-Fan würde ihn erkennen, wenn er mit seinem Laptop-Computer vor einem Starbuck's hocken, und an einem seiner anderen "development deals" arbeiten würde, an "Confessions Of A Dangerous Mind" beispielsweise, den er für Warner Bros. erarbeiten soll.

Sein Drehbuch zu "Adaptation" macht deutlich, warum Autoren in Hollywood leiden. Sicher, oscarnominierte Drehbuchverfasser unserer Zeit wie Woody Allen ("Hannah und ihre Schwestern"), Francis Ford Coppola ("Der Pate"), Oliver Stone ("Midnight Express"), Quentin Tarantino ("Pulp Fiction"), Ben Affleck und Matt Damon ("Good Will Hunting") oder Billy Bob Thornton ("Sling Blade") sind für ihre Drehbücher ausgezeichnet worden, aber letztlich erst als Schauspieler oder Regisseure der Anonymität entkommen. Wem unter den Kinogängern ist Ron Shusett vertraut, der Spielbergs "Minority Report" und Verhoevens "Total Recall" verfasste, wer könnte Randall Wallace identifizieren, der "Pearl Harbor" in nur acht Wochen schrieb, oder David Benioff, der für eines seiner jüngsten Manuskripte, den Thriller "Stay", 1,8 Millionen Dollar einsteckte.

"Titanic"-Regisseur Cameron: Produzent, Regisseur und Autor in Personalunion
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Wie Kaufman musste auch Benioff mit dem Frust leben, die Ablehnung hinnehmen, ohne sich in den "writer's block" treiben zu lassen. Einmal, so erinnert Benioff, hat er eine Kurzgeschichte über einen Computer-Virus geschrieben und an den Chefredakteur eines angesehenen Literaturmagazins geschickt. Die Antwort: "Sie haben sicher eine Zukunft - bei Microsoft". Der Autor konnte über derartige Briefe nicht lachen - seinen ersten Roman schickte er an keinen einzigen Literaturagenten, sein zweites Buchmanuskript wurde von 34 Verlagen abgelehnt. Der Autor, der an einer irischen Universität seine These über Samuel Beckett schrieb, im New Yorker Brooklyn als Lehrer, in Wyoming als Discjockey und in San Francisco als Türsteher jobbte, ließ sich nicht beirren - nach 14 Absagen seines Buches "The 25th Hour" verkaufte er die Rechte endlich für 7500 Dollar. Spike Lee, der afro-amerikanische Filmemacher, sicherte sich den Stoff: Ein wegen Drogendealerei zu sieben Jahren Haft verurteilter Mann verbringt die letzten Stunden vor der Inhaftierung mit seinen zwei besten Freunden und seiner Freundin und denkt dabei über seine Vergangenheit nach. Am 19. Dezember ist Premiere.

In den zweieinhalb Jahren seit der 32-jährige Benioff seinen Stoff an Disney verkaufte, ist der Autor nicht nur aus der Nachbarschaft eines Heims für psychisch gestörte Männer in Santa Monica in den eleganten Benedict Canyon von Beverly Hills umgezogen, sondern entwickelt derzeit für einige der angesehensten Regisseure Hollywoods fünf Projekte, darunter für Wolfgang Petersen die Homer-Saga "Troja". "Unglaublich, was dieser Mann kann", lobte der nicht eben zu Euphorie neigende Norddeutsche. Das von Benioff erarbeitete Drehbuch sei "einfach sensationell". Finanziell unabhängig ist der Autor inzwischen auch. Kein Wunder, dass "People" ihn zu einem der 50 begehrtesten Junggesellen Amerikas ernannte. Der Erfolg des Jungtalents, mutmaßte die "L.A.Times", wird nun einmal mehr die kreativen Träume der Kollegen auf Hochtouren treiben, und nicht nur die "Screen Writers Guild"-Mitglieder, sondern vor allem jene Autoren ermutigen, die für einen über das Internet ausgeschriebenen "Script"-Wettbewerb insgesamt 7000 Drehbücher einreichten.

Kinospektakel "Pearl Harbor": "Das geht nie ohne Kampf"
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Bücher wie "Screenwriters", in dem beispielsweise Robert Benigni ("Das Leben ist schön") oder Anthony Minghella ("Der englische Patient") über ihre Schreibarbeiten berichten, klettern die Bestsellerlisten hinauf, an den Universitäten sind die "Scriptwriting"-Kurse oft überbelegt. Die Autorenarbeit fasziniert, eben weil auch die Hausfrau in einem Kaff bei Santa Fé oder ein Zuchthäusler in seiner Zelle in San Quentin seine Phantasien in ein Drehbuch umsetzen kann. Vielleicht, so der Traum, zahlt ihnen ein Hollywoodproduzent Millionen. Die Chance besteht. Denn Drehbuchautoren sind die wirklichen Architekten der Szenen, der Dialoge, an denen sich die Regisseure orientieren können.

Nicht selten jedoch werden die entwickelten Drehbücher verworfen und neue Schreiber engagiert, zuweilen sogar ein halbes Dutzend nacheinander. "Braveheart"-Autor Randall Wallace beispielsweise, der für Michael Bay "Pearl Harbor" entwickelte, geriet mit dem Regisseur aneinander, weil der die Dialoge und Szenen fundamental ändern wollte. Der Schreiber, der die Zusammenarbeit aufkündigte, weiß: "Das geht nie ohne Kampf ab". Die Verantwortlichen der Filmstudios haben ihre Vorstellungen, der Regisseur, die Produzenten und letztlich natürlich auch die Drehbuchschreiber.

Letztlich können Autoren ihren Einfluss, ihre Dialoge, die Bilder, die sie im Drehbuch gezeichnet haben, wohl nur sichern, wenn sie sich an James Cameron ein Beispiel nehmen. Der war nicht nur Regisseur und einer der Produzenten des Welterfolgs "Titanic", sondern auch der Autor.



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