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13. Mai 2010, 11:21 Uhr

DVD-Serie "True Blood"

Coming-out der Vampire

Von Jörg Böckem

Die TV-Serie "True Blood" nutzt den Vampirmythos zur klugen Gesellschaftsbetrachtung und unterhält dabei prächtig. Jetzt liegt die erste Staffel endlich auf DVD vor.

Zugegeben, dass Hollywood-Sternchen Lindsay Lohan, nicht unbedingt für Geschmackssicherheit oder auch nur geistige Stabilität berühmt, bekennender Fan von "True Blood" ist und auf ihrer Web-Seite mit Fangzähnen posiert, spricht nicht unbedingt für die TV-Serie. Dass die englische Zeitung "Daily Mail" "True Blood" etwas pikiert für "Verdorbenheit, expliziten Sex an der Grenze zur Pornografie und vulgäre Sprache" schmäht, dagegen schon eher. Und Auszeichnungen gab es schon: Die Serie wurde mit einem Emmy und einem Golden Globe ausgezeichnet und war in Deutschland nur im Bezahlsender 13th Street zu sehen. Jetzt liegt die erste "True Blood"-Staffel auf DVD vor.

Es geht also um - Vampire. Projektionsfläche für das Triebhafte und Animalische, für menschliche Urängste und Sehnsüchte, schon klar - Thanatos, Eros, ewiges Leben und so weiter. Spätestens seit Stephenie Meyer auch eher zahnlos-zahme Posterjungs für pubertierende Mädchen. Vor allem ein von ideenarmen Schriftstellern, TV- und Kinomachern in den vergangenen Jahren bis zur Blutleere ausgelutschtes Konzept.

Umso erfreulicher, dass Autor Alan Ball, Drehbuchautor von "American Beauty" und kreativer Kopf hinter "Six Feet Under", der facettenreichen und tiefgründigen Serie um eine Bestatterfamilie und damit Fachkraft für das Grenzgebiet zwischen Leben und Tod, mit "True Blood" tatsächlich eine überzeugende und vielschichtige Vampirserie geglückt ist, die traditionelle und bewährte Muster mit frischen, zeitgemäßen Ideen, Originalität und komplexen Charakteren verbindet.

In "True Blood" sind die Vampire nach Jahrhunderten, in denen sie sich in den Schatten verborgen haben, an die Öffentlichkeit getreten, sie ringen um Integration in die Gesellschaft und fordern ihre Bürgerrechte ein. Seit eine japanische Firma das Kunstblut "True Blood" erfunden hat, sind die Blutsauger nicht mehr auf menschliche Nahrungsquellen angewiesen.

Sex, Blut und knackige Dialoge

Vor diesem Hintergrund erzählt die Serie, basierend auf den Büchern der Autorin Charlaine Harris, von Sookie Stakehouse, einer jungen Kellnerin in der Südstaaten-Kleinstadt Bon Temps. Sookie, großartig gespielt von der bezaubernden Anna Paquin, ist eine Außenseiterin - sie kann Gedanken lesen. Ein Fluch, die Köpfe ihrer Gäste und manchmal auch ihrer Kollegen und Freunde sind nicht selten angefüllt mit Hass und Häme, Sexismus und Aggression, Angst und Schuld, Komplexen und Neurosen. Dagegen erscheinen die Blutsauger beinahe harmlos. Als sich Sookie in den Vampir Bill Compton verliebt und in der Kleinstadt reihenweise junge Frauen ermordet werden, die sexuellen Umgang mit Untoten pflegten, wird ihre Situation nicht eben einfacher.

Neben der romantischen Liebesgeschichte und dem klassischen Gothic-Horror, angereichert mit einer Menge Sex, Blut und knackiger Dialoge, ist "True Blood" auch ein vielschichtiges Sittengemälde, ein abgründiges Gesellschaftsdrama gespickt mit Popkultur-Referenzen und aktuellen Bezügen - Angelina Jolie adoptiert ein Vampirbaby, ein schwuler, süchtiger Politiker wettert gegen Schwule und Drogensüchtige, und der Slogan der religiös-fundamentalistischen Anti-Vampir-Bewegung "God hates Fangs" ist an "God hates Fags" angelehnt, eine Kampagne der ultrarechten Baptisten in den USA gegen die Gleichstellung Homosexueller.

Nicht zuletzt verhandelt "True Blood" auch den Umgang der Gesellschaft mit Minderheiten, es geht um Fremdenhass und Vorurteile, Homophobie und Bigotterie, um Parallelgesellschaften und Kulturkämpfe. Und es geht um Abhängigkeit, in so ziemlich jeder Spielart: von Religion, Sex, Drogen und natürlich Blut - in "True Blood" mutieren auch Sterbliche zu Blutsaugern, nachdem sie die berauschende Wirkung von Vampirblut entdeckt haben.

Die DVD enthält zum Glück den englischen Originalton, denn die Serie hat unter der Synchronisation ziemlich gelitten. Als besonderes Extra gibt es eine launig-fiktive TV-Dokumentation, die das internationale Coming-out der Vampire und die Anpassungsschwierigkeiten der amerikanischen Gesellschaft beschreibt.


DVD "True Blood - Die komplette erste Staffel"

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