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18. September 2008, 11:49 Uhr

Eichingers "Baader-Meinhof-Komplex"

Die Terror-Illustrierte

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Eventkino ohne Impetus: Bernd Eichingers Großproduktion "Der Baader-Meinhof-Komplex" besticht durch gute Darsteller und eine detailgetreue Rekonstruktion des deutschen RAF-Traumas. Doch hinter Action und Filmfinesse verbirgt sich eine Historienlektion ohne Haltung.

Der FKK-Strand von Sylt, zwei nackte Kinder im Wasser, die Mutter, ebenfalls nackt, sitzt mit einer Zeitung im Strandkorb und ermahnt die Töchter, dass nun aber genug geplantscht sei. So harmlos beginnt "Der Baader-Meinhof-Komplex", der wichtigste deutsche Film des Jahres - zumindest wenn man dem sorgsam orchestrierten Medienbuhei glaubt, das Produzent und Constantin-Chef Bernd Eichinger um die neueste filmische Aufarbeitung eines deutschen Traumas herum inszeniert hat.

Nach Hitlers "Untergang" wird nun also der deutsche Terrorismus "vereichingert". Das bedeutet: Man nehme alle irgendwie angesagten Gesichter der deutschen Kinolandschaft und stecke sie in einen millionenschweren Film voll beeindruckender Schauwerte, der dem Publikum mit krassen Bildern und schönen Farben vorgaukelt: Ja, so könnte es gewesen sein, damals.

Und wenn die Presse mitspielt und ordentlich Beifall klatscht für diese Art Doku-Fiktion im Spielfilmformat, dann klappt's auch an der Kinokasse. Das ging beim Führerbunkerdrama gut, und auch beim "Baader-Meinhof-Komplex", der von Regisseur Uli Edel durchgeführten Verfilmung des gleichnamigen Standardwerks von Stefan Aust, scheint die Rechnung schon jetzt, knapp eine Woche vor dem offiziellen Filmstart, aufzugehen.

Schon wird geraunt, der Film habe "womöglich die Kraft, die gesamte RAF-Rezeption auf eine neue Grundlage zu stellen". Das ist natürlich eine gewagte These, denn wie soll ein Film das leisten, der sich in großen Teilen darauf beschränkt, Austs 1985 erstmals erschienenes Buch, eine bis heute beeindruckende und immer wieder ergänzte Faktensammlung, nahezu eins zu eins nachzuerzählen?

Denn genau bei diesem Stichwort, dem "Erzählen", beginnt das Scheitern dieser Mega-Eventproduktion: An eine Erzählung, ein Narrativ, das den Zuschauer an die Hand nimmt und ihn mitsamt einer Identifikationsfigur durch Erkenntnisse und Entwicklungen führt, trauen sich Eichinger und Edel nicht heran. Mit atemberaubender Genauigkeit und akribisch recherchierten Details rekonstruieren sie die Geschehnisse des dramatischsten deutschen Nachkriegsjahrzehnts von 1967 bis 1977 - und schaffen so eine visuell bestechende Illustration der Geschichte. Mehr nicht.

Oder, wie ein geschätzter Kollege nach der Pressevorführung am Mittwoch in Hamburg nur halb im Scherz sagte: "Du, ich bin eine halbe Stunde vor Schluss gegangen, man wusste ja, wie's enden würde." Ein bitteres Urteil, aber wiewohl man sich in knapp zweieinhalb Stunden "Baader-Meinhof-Komplex" wirklich nicht langweilt, bleibt am Ende tatsächlich ein leichtes Achselzucken zurück: Baader, Ensslin, Raspe tot, Schleyer und viele andere Opfer tot - so weit, so schlimm, so weit die Fakten. Aber was ist mit der Erkenntnis, der Lehre aus den Ereignissen 30 Jahre später?

Die Frau im Strandkorb, die zu dieser Zeit noch ein geordnetes Leben als Journalistin in der bürgerlichen Intellektuellenszene Hamburgs führt, ist natürlich Ulrike Meinhof. Sie wird sich 1970 selbst zu weit vorwagen, als sie nach der Befreiung Andreas Baaders aus dem Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen in Berlin mit einem beherzten Satz aus dem Fenster in den terroristischen Untergrund springt.

An Meinhof, sensibel gespielt von Martina Gedeck, kristallisiert sich in der ersten Hälfte des Films so etwas wie eine dünne Erzählfährte. An ihrem Weg in die Radikalität wird dem Zuschauer verdeutlicht, wo die Verlockungen lagen, wo die Zwänge, wo die Hemmnisse. Kraftvoll und mit gebotener visueller Härte werden die Ereignisse des Schah-Besuchs in Berlin dokumentiert, der Mord an Benno Ohnesorg durch den Polizisten Karl-Heinz Kurras. Das Gezeigte entfaltet in diesen ersten 20 Minuten des Films eine Wucht, dass man meint, selbst zwischen Pflastersteinen und Schlagstöcken im Getümmel der Demonstrationen zu stehen. Einmal wird sogar ein Wasserwerfer auf die Kamera gehalten - Actionkino zum Anfassen.

Aber hier dient die Aktion der Plausibilisierung: Was treibt gebildete Pfarrerstöchter wie Gudrun Ensslin und bürgerliche Intellektuelle wie Ulrike Meinhof in die Verblendung des bewaffneten Kampfes? Die Angst vor dem Polizeistaat, das Misstrauen gegen korrupte Institutionen, eine Schutzmacht USA, die eben noch Care-Pakete über Berlin abwarf und nun in Vietnam zum Massenmord ansetzte.

Abklappern historischer Haltestellen

Uli Edel, der einst mit Eichinger "Christiane F." drehte, wollte, das sagte er der Nachrichtenagentur Reuters, einen Geschichtsfilm für seine beiden Söhne machen, beide Anfang 20, beide in den USA aufgewachsen, beide unbedarft gegenüber dem Thema RAF: "Normalerweise dreht man nicht für ein bestimmtes Publikum, aber diesmal war es anders. Ich wollte ihnen alles sagen und zeigen, was ich weiß und herausgefunden habe, so dass sie sich ein Urteil bilden können über das, was in dieser Zeit passiert ist und was ich als Zeitzeuge miterlebt habe."

Zu Beginn des Films löst Edel diese Aufgabe mit Bravour. Erst als Ulrike Meinhof sich in Stammheim umbringt, isoliert von Öffentlichkeit und Kampfgenossen, und damit auch der Film seine einzige Protagonistin verliert, beschränkt sich die Erzählung des "Baader-Meinhof-Komplexes" nur noch darauf, historische Haltestellen hastig abzuklappern, mit teils drastischen Szenen zu bebildern, aber ohne großen Effekt hinter sich zu lassen.

Gerade der junge Zuschauer, der Austs Buch nicht kennt und zu jung war, um die Zeit zu erleben, wird hier viele Dinge, die nur angedeutet werden, nicht mehr nachvollziehen können. Mal ganz abgesehen von dem in schneller Folge auf- und abtauchenden Personal, das Edel durch seinen Film hetzt. Ohne Geschichtsbuch auf dem Schoß verliert man da schon mal den Überblick.

Umso mehr muss der Film sich kraft seiner eigenen Erzählung tragen. Doch mit der Entscheidung, nur zu zeigen, aber nicht zu deuten, haben sich Eichinger und Edel viel verbaut. Als beispielsweise im letzten Drittel die zweite und dritte Generation der RAF das Ruder übernimmt, ist Brigitte Mohnhaupt (angemessen kühl: Nadja Uhl) die Anführerin. Eine Beziehung zu ihr baut man jedoch nicht auf, zu wenig Einführung und Charakterisierung wird ihrer Figur zugestanden. Teils wohl, weil man schlicht nicht mehr weiß, teils aber auch, weil die Interpretation, die Psychologisierung der Terroristen bewusst vermieden wird.

Frank Schirrmacher lobte den "Baader-Meinhof-Komplex" in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" dafür, dass er endlich mit dem "pathetischen Muff von dreißig Jahren", mit dem "Gefühlsterrorismus" linksromantischer Filmemacher und Ex-Sympathisanten aufräume, die seiner Meinung nach bis heute der Faszination RAF erliegen.

Das richtet sich gegen Regisseure wie Volker Schlöndorff ("Die verlorene Ehre der Katharina Blum"), diskursive, kollektive Filmcollagen wie "Deutschland im Herbst", die um 1977 herum entstanden. Aber auch gegen jüngere Filmemacher wie Christian Petzold, der sich 2001 in "Die innere Sicherheit" mit dem Seelenleben von Ex-Terroristen auseinandersetzte.

Tatsächlich gibt es im Genre des deutschen RAF-Dramas mehr Schatten, mehr Befindlichkeiten und Duseleien als Licht. Doch allein die Bereitschaft, sich hineinzudenken in diese zwielichtigen Charaktere, die Deutschland mit wirrer Ideologie und brutalen Taten terrorisierten, allein der Versuch, einen Sinn zu erkennen, eine Geschichte anzubieten, verdient Respekt.

Von Auseinandersetzung ist bei Edel und Eichinger nicht viel zu sehen. Im Gegenteil: Gerade in der Inszenierung Andreas Baaders lassen sie sich selbst hinreißen vom coolen Schillern des Terroristenmachos, der pistolenknallend mit dem Porsche durch die bundesrepublikanische Nacht rauschte. Als er dem jungen Peter-Jürgen Boock in einer Szene lässig seine Rocker-Lederjacke als Geschenk zuwirft, während der mit der nackten Gudrun Ensslin (katzenhaft: Johanna Wokalek) in der Wanne liegt, bedient der Film die Popstar-Klischees der RAF fast ebenso dumpf wie einst Christopher Roth in seinem missglückten Zeitgeistporträt "Baader". Und dabei ist Moritz Bleibtreu noch nicht einmal so schlecht besetzt, wie man befürchten musste.

Wie schon beim "Untergang" scheut sich das Eichinger-Team auch hier, eine Haltung zu vertreten. Beim Bunkerdrama drückte sich Regisseur Oliver Hirschbiegel darum herum, den Freitod des Führers zu zeigen, beim "Baader-Meinhof-Komplex" fehlt am Ende schlicht die moralische Einordnung, ein Urteil über den deutschen Herbst und seine Akteure.

Uli Edel stellt Staatsgewalt und Terroristengewalt gleichwertig nebeneinander und verteilt Sympathiepunkte nach beiden Seiten. Also haben irgendwie alle Recht? Die RAF mit ihrem außer Rand und Band geratenen Protest - und der Staat mit seinen hilflosen Repressalien?

Einem Film, der mit solchem Getöse in die deutschen Kinos stürmt und angeblich die Deutungshoheit über die RAF erobern will, hätte etwas weniger Wille zur Ästhetik, dafür aber mehr künstlerischer Wagemut gutgetan.

So wird das deutsche Terrortrauma letztgültig ahistorisiert: Befreit vom pädagogischen Impetus des Geschichtskinos ist die RAF nun frei für die Eingemeindung in den deutschen Entertainment-Mainstream. Nach dem Film zum Buch und dem Buch zum Film zum Buch warten wir gespannt auf die große Baader-Meinhof-Spielshow auf ProSieben.

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