Robert Redford als Gentleman-Gauner Der sanfte Anarchist

Immer Outlaw, immer ungreifbar: In "Ein Gauner & Gentleman" spielt Robert Redford einen notorischen Bankräuber. Es ist eine Paraderolle, die seine Karriere spiegelt und seinen angekündigten Abschied zelebriert.

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"Erzähl mir nicht, wie man eine Bank ausraubt. Ich weiß, wie man eine Bank ausraubt!", motzt Robert Redford seinen Film-Partner Paul Newman an. Das war 1969 in "Butch Cassidy & The Sundance Kid" - jener Outlaw-Ballade, die Redford endgültig zum Star machte. Der Bankraub in Bolivien scheitert dann leider kläglich an mangelnden Spanischkenntnissen der beiden Ganoven.

Fast genau 50 Jahre später ist Redford jetzt in "Ein Gauner & Gentleman" erneut als Bankräuber zu sehen. Allerdings als einer, der nun wirklich mit allen Wassern gewaschen zu sein scheint. Es ist eine späte Paraderolle für den 82-Jährigen, der durchblicken ließ, dass dies sein letzter Leinwand-Auftritt sein könnte.

Weil man das weiß, verschmelzen Redfords reale Person und die Rolle, die er hier spielt, fast schon zwangsläufig. Regisseur David Lowery ("A Ghost Story") tat viel dafür, diesen Effekt zu verstärken: "The Old Man & The Gun", wie der Film im Original heißt, spiegelt auf originelle, teils abenteuerliche Art und Weise die Karriere Redfords, während er gleichzeitig eine grandios entschleunigte Räuberpistole erzählt.

Diese basiert auf einer zumindest in Teilen wahren Geschichte, die der "New Yorker" 2003 veröffentlichte. Sie handelt von dem notorischen Ausbruchskünstler Forrest Tucker, der angeblich 18-mal aus dem Gefängnis türmte und zu Beginn der Achtzigerjahre im Rentenalter zum umtriebigen Bankräuber wurde. Tucker und seine ebenfalls greisen Komplizen wurden damals "Over-the-Hill Gang" genannt.

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"Ein Gauner & Gentleman": Der Junge von der Opa-Gang

Anders als sein "Sundance Kid" im Wilden Westen, trägt Redfords Tucker in den domestizierten Bürolandschaften von 1981, in denen die Handlung von "Ein Gauner & Gentleman" spielt, nur selten eine Kanone bei sich. Er tut nur so, als hätte er eine dabei. Um die verdutzten Bankangestellten zur Herausgabe des Geldes zu bewegen, reicht ihm zumeist ein bisschen freundliches Geplauder.

Bei diesen (fast) gewaltfreien Überfällen obsiegt sanfte Souveränität über Macho- oder Brutalo-Posen - auch das war oft ein Markenzeichen von Redfords Filmfiguren. Härte sah man, wenn überhaupt, in seinen Blicken, nicht in seinen Fäusten. Er habe irgendwie glücklich gewirkt, sagt eine der ausgeraubten Bankangestellten beinahe bewundernd, als sie von der Polizei verhört wird. Dieser Tucker hat so viel Charme und begeht seine Taten mit einer so gelassenen Selbstgewissheit - kaum zu glauben, dass er ein Verbrecher ist.

Zärtlicher Flirt

Das glaubt, bis ganz zum Schluss, übrigens auch die von Sissy Spacek gespielte Jewel nicht, die Tucker am Straßenrand aufsammelt, nachdem ihr Truck liegen geblieben ist. Man kann ja schließlich keine Dame in Not einfach so stehen lassen, selbst wenn man auf der Flucht ist.

Die dann folgende Szene in einem Diner, in der die beiden sich behutsam flirtend näherkommen, gehört zu den schönsten und zärtlichsten, die man in jüngster Zeit im Kino gesehen hat. Die Kamera tastet jede Runzel und Lebensfurche in den Gesichtern dieser zwei gealterten, aber nicht verbraucht wirkenden Stars ab. Selbst mit seinem kuriosen Knopf im Ohr, den Jewel irrtümlich für ein Hörgerät hält, strahlt Redford noch einen Rest jener jungenhaften Attraktivität aus, die ihn zu einem Sexsymbol der Siebzigerjahre machte.


Ein Gauner & Gentleman
USA 2018

Originaltitel: The Old Man & The Gun
Regie: David Lowery
Drehbuch: David Lowery, David Grann
Darsteller: Robert Redford, Sissy Spacek, Casey Affleck, Tom Waits, Danny Glover, Tika Sumpter
Produktion: Condé Nast, Endgame Entertainment, Identity Films, Sailor Bear, Wildwood Enterprises
Verleih: DCM
Länge: 93 Minuten
FSK: ab 6 Jahren
Start: 28. März 2019


Zwischen Tucker und der - erfundenen - Ranchbesitzerin und Pferdenärrin entsteht eine keusche Romanze. Doch zu fassen bekommt Jewel ihren galanten Beau nie wirklich. Wie Katharine Ross in "Butch Cassidy & The Sundance Kid" wird sie angesichts des immer auch rücksichtslosen Autonomie-Strebens ihres Lovers resignieren müssen. Und auch der auf die Opa-Gang angesetzte Polizist John Hunt (Casey Affleck) darf Tucker erst verhaften, nachdem das alte Schlitzohr ein freches Katz-und Maus-Spiel mit dem melancholischen Bullen gespielt hat. Das Pferd, das sich Tucker aus Jewels Stall ausleiht, bleibt auf offener Weide stehen - der "elektrische Reiter" (Redford, 1979) hat keinen Strom mehr. Aber das ist nicht das Ende des Films.

Altmodisch, aber nicht nostalgisch

Der Regisseur und sein Star legen viele Fährten in die Philosophie, das liberale Weltbild und die Vergangenheit Redfords in ihrem altmodischen, aber nicht nostalgischen Film. Am tollkühnsten ist die Rückblende auf eine wilde Verfolgungsjagd, in der Redford/Tucker einen mattgrauen Chevy von 1955 fährt, der eine Hauptrolle im Desperado- und Fluchtfilm "Two-Lane Blacktop" spielt. Eine Szene dieses B-Movie-Klassikers von 1971 ist später auch in einem Fernseher zu sehen, als sich Tucker mit seinen beiden Kumpanen (Tom Waits und Danny Glover) auf den nächsten Raub vorbereitet.

Ein Actionfilm ist "Ein Gauner & Gentleman" nicht, ganz im Gegenteil. Aber er folgt, getaktet von einem subversiv groovenden Jazz-Soundtrack, dem widerständigen Puls des alternativen Hollywoodkinos der Sechziger und Siebziger mit seinen Gangstern und Renegaten. Ein Bankräuber, zumal ein Wiederholungstäter, der den Raub, den Thrill und die Flucht auch als Lebensmotor betrachtet, ist immer auch Gegner eines durchökonomisierten Systems.

Robert Redford hat viele solcher implizit politischen Charaktere gespielt, die sich dem Establishment entweder entgegenstellen oder sich ihm mit sanfter Anarchie entziehen. Egal ob als "Sundance Kid", als Trapper, Gefängnisdirektor, Präsidentschaftskandidat, Watergate-Journalist oder CIA-Analyst, als Pferdeflüsterer oder - zuletzt - als stummer, sturer Rebell gegen die Regeln und Gewalten der Natur in "All is Lost". "Ein Gauner & Gentleman" wirkt oft wie ein entspannter Epilog zu diesem letzten großen Kraftakt des ewigen Solipsisten Robert Redford, der selbst in seinen magnetischsten Momenten immer bei sich selbst blieb. He just got away with it.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
spondk 28.03.2019
1.
Ja Herrn Redford ist schon in eine ganz besondern Liga; mit Herrn Eastwood!
Trollflüsterer 28.03.2019
2.
Danke Herr Redford für "Die Unbestechlichen", ein Film für die Ewigkeit, solange es Politik und Journalismus gibt. Und natürlich: "Der Clou" und "Die drei Tage des Condor". Linkshänder haben es eben drauf. ;-)
odenkirchener 28.03.2019
3. @spondk
So isset. Wobei mit geringem Abstand Poitier folgt und dann lange nichts. . .
teloudis 28.03.2019
4. Er kann es nicht lassen
bei über 80 Jahre alt, muss es nicht mehr sein. Ich dachte er hat es nicht mehr nötig. Habe heute morgen Ausschnitte vom Film gesehen, es war erschreckend, das schöne Redford Gesicht war nicht mehr da, die Mimik kaum vorhanden. Ja er tat mir Leid seine gealterte Maske zu sehen
vera gehlkiel 28.03.2019
5.
Redford war ja mal ein zum Umfallen schöner Mann. So schön, dass ich seine alten Filme immer nur sprachlos angestarrt habe, und seine neuen wegen dem Alterungsprozess des Gesichtes nicht ertrage. Ich weiß also nichts über ihn, ausser dass ich nach "Jenseits von Afrika" in Tränen aufgelöst aus einem Raum geführt werden musste, und es mir kein bisschen peinlich war, weil ja niemand geringeres als Filmgöttin Meryl Streep in dem eigentlich sonst ziemlich zähen Schinken um ihn trauerte. Robert Redford und Lemmy Kilmister: zwei Jungs, für die man die Feministin mal gut und gern für einen Abend zuhause lassen konnte. Frauenversteher plus Machos sind allerdings überextrem selten, also bitte keine falschen Rückschlüsse aus meinem Beitrag ziehen, liebe bloggende Männer...
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