"Ein verborgenes Leben" Sehet hin in Frieden

In Terrence Malicks hinreißend schönem, radikal pazifistischem Film "Ein verborgenes Leben" spielt August Diehl einen österreichischen Bauern, der sich Hitlers Krieg verweigerte.
Zenbuddhismus und Zupacken: August Diehl und Valerie Pachner in "Verborgenes Leben"

Zenbuddhismus und Zupacken: August Diehl und Valerie Pachner in "Verborgenes Leben"

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Pandora

Im Moment der Rebellion spricht der Held kein einziges Wort. Mit gerecktem Hals und ruhigem Blick steht der österreichische Bergbauer mit Namen Franz Jägerstätter, den der Schauspieler August Diehl verkörpert, inmitten einer Reihe von armfuchtelnden Männern. Im Hof einer Kaserne heben die anderen Kerle ihre Schwurhände zum Himmel und geloben ewige Treue gegenüber Führer und Vaterland. Jägerstetter strafft bloß die Schultern und lässt seine Arme an den Hüften baumeln. Als der Verweigerungsakt entdeckt wird, sieht man in den Gesichtern der Männer ringsum eher Verwunderung als Zorn. Wie von sehr weit weg erklingt ein christlicher Chorgesang, die Kamera scheint einen Augenblick zu taumeln. Dann legt man dem Widerständler Handschellen an.

Der berühmte Regisseur Terrence Malick ist 76 Jahre alt und war zuletzt ein Fall für Menschen, die zum Beten lieber ins Kino als in die Kirche gehen. Er hat mit Stars wie Natalie Portman, Cate Blanchett und Ryan Gosling Filme wie "Knight of Cups" und "Song to Song" gedreht, in denen er andächtig die Kamera schwenkte, Andachtsformeln murmeln ließ und bizarre Geschichten skizzierte, die vielleicht nicht einmal er selbst begriff. Das ist in seinem neuen Werk anders. In "Ein verborgenes Leben" schildert Malick in durchaus linearem Erzählfluss die weitgehend historisch verbürgte Story des Österreichers Franz Jägerstetter. Der lebte als Bauer im Dorf St. Radegund, wollte anders als seine Nachbarn nicht bei den Nazis mittun und verweigerte den Kriegsdienst. Wegen "Wehrkraftzersetzung" wurde er zum Tode verurteilt und im August 1943 in Brandenburg hingerichtet.

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"Ein verborgenes Leben"

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August Diehl spielt den Jägerstetter in "Ein verborgenes Leben" als sanften Sturkopf. Zwar scheint es so, als wolle er vor allem aus religiösen Gründen nicht mitwirken am Aufbruch in die angeblich neue Zeit, am Kampfgeschrei der Herrenmenschen und am großen Morden. Aber womöglich hat seine Bockigkeit weniger mit seinem Glauben als mit seinem beharrlichen Charakter, seinem Blick auf die Welt zu tun. Dass der Dorfpfarrer (Tobias Moretti) und der Bischof (Mikael Nyqvist) nicht offen zu ihm stehen wollen, schreibt der Held deren Angst vor Spionen und Verrätern zu. Den Überredungsversuchen des Dorfbürgermeisters (Karl Markovics) lauscht er mit freundlicher Neugier. Und als er einmal mit einem von Franz Rogowski gespielten Vertrauten über die Verwandlung vieler Mitmenschen unter der Herrschaft der Nationalsozialisten redet, sagt er: "Was ist aus dem Land geworden, das wir lieben?" Tatsächlich ist Malicks Film das Porträt eines Mannes, der von einer großen Liebe erfüllt ist – zu der Frau an seiner Seite, zur Natur und zu seiner Idee von Menschlichkeit.

"Was soll man tun, wenn Herrscher böse sind?"

Bei den Dreharbeiten hat der Regisseur seine Hauptdarsteller Englisch sprechen lassen, während viele der Nebenfiguren im akustischen Hintergrund munter Deutsch reden. Schon das schafft einen surrealen Kontrast. In geduldiger Nahaufnahme zeigt "Ein verborgenes Leben" die bäuerliche Arbeit, das Mähen von Gras, das Pflügen, die Aussaat; Kühe und Schafe trotten über Bergweiden vor grandiosen Gipfeln; Grillen zirpen und Kirchenglocken bimmeln; Menschen stapfen durch hüfthohen Schnee. Das Bergbauernleben wird hier gefeiert als fröhliches Rackern im Einklang mit dem Werden und Vergehen von Pflanzen und Tieren, fern der Zivilisation und fern der Kriege. Die Nazi-Anhänger, die in braunen Uniformen mit ihren Sammelbüchsen zum Bauernhof aufsteigen und von Jägerstetter abgewiesen werden, sind verkniffen dreinblickende Eindringlinge in einem Idyll. Auf seinem Hof fühlt sich der Held mit der Familie, seinen Tieren, seinem Gott geborgen. Immer wieder sieht man ihn mit seiner Frau und seinen Töchtern zärtlich balgen, im Heu oder auf der Wiese. Natürlich dürften Kenner des oft entbehrungsreichen Gebirgsdörflerdaseins solche Bilder extrem wirklichkeitsfern finden – als Beschwörung einer glücklichen, schöpfungsnahen Existenz sind sie im Kino trotzdem von hinreißender Kraft.

Filminfo "Ein verborgenes Leben"

USA 2019
Originaltitel: A Hidden Life
Buch und Regie: Terrence Malick
Darstellende: August Diehl, Valerie Pachner, Maria Simon, Tobias Moretti, Bruno Ganz, Matthias Schoenaerts, Karin Neuhäuser, Ulrich Matthes
Produktion: Studio Babelsberg
Verleih: Pandora
Freigeben: Ab 12 Jahren
Länge: 173 Minuten
Start: 30. Januar 2020

Gegen die genau betrachtet wohl mehr zenbuddhistische als katholische Gelassenheit, mit der Diehls Jägerstätter durch die Welt wandelt, setzt Valerie Pachner in der Rolle der Frau an seiner Seite eine kämpferische, zupackende, welt- und lebenskluge Lebendigkeit. Man merkt ihrer Jungbäuerin stets an, dass sie lieber die Konfrontation suchen würde als ihr zum strikten Nichthandeln entschlossener Gatte. Noch wenn sie den endgültig in die Kaserne abkommandierten Franz am Bahnhof verabschiedet, rennt sie endlos lang neben dem abfahrenden Zug her, als wollte sie ihn wirklich bis ans Ziel begleiten.

Der Regisseur Malick nimmt sich in diesem fast drei Stunden langen und doch erstaunlich kurzweiligen Werk viel Zeit dafür, die Verhöre und die Deportation seines Helden nach Berlin zu zeigen, die Gerichtsverhandlung und das Warten auf die Hinrichtung. Im Grunde bildet er die Arbeit des Apparats, der seinen Helden vernichtet, mit der gleichen lakonischen Zwangsläufigkeit ab wie die bäuerliche Plackerei auf dem Berg. "Dein Opfer wird niemandem nützen", bekommt der Waffenverweigerer Jägerstetter früh zu hören. "Ein verborgenes Leben" ist ein radikal pazifistischer Film. Aber eine Predigt, wie manche der Zuschauerinnen und Zuschauer behaupteten, die das Werk im vergangenen Mai in Cannes sahen, ist der Film nicht. "Was soll man tun, wenn Herrscher böse sind?", fragt der Held einen Kirchenmann. Terrence Malick tut nicht so, als wisse er drauf wirklich eine eindeutige Antwort. Er zeigt nur in allergrößter Ruhe, dass es sensationell mutig sein kann, manchmal schlicht nichts zu tun.

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