Ein Vierteljahr im Kino Die Saison der sanften Abstiege

Die Kinobranche ist im Umbruch. Nur passend also, dass viele Führungspositionen neu besetzt werden. Warum aber sind es fast ausschließlich Frauen, die sich aus der ersten in die zweite Reihe verabschieden?

Maria Köpf: Macht gegen Einfluss getauscht
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Maria Köpf: Macht gegen Einfluss getauscht

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  • Frédéric Jaeger ist Vorstandsmitglied im Verband der deutschen Filmkritik und Chefredakteur von critic.de. Als freier Autor schreibt er unter anderem für SPIEGEL ONLINE. 2015 hat er die parallel zur Berlinale stattfindende Woche der Kritik mitgegründet und als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen ein Jahr lang zu Filmpolitik gearbeitet. An dieser Stelle hält er vier Mal im Jahr Rückschau auf das vergangene Quartal in der Filmbranche.

Auf Facebook zeigt sie sich tatkräftig, mit Helm auf der Baustelle der Messe Berlin, wo der Deutsche Filmpreis am Freitagabend verliehen wird. Maria Köpf lässt sich nicht anmerken, dass sie mit ihrem Wechsel zur Deutschen Filmakademie Macht gegen Einfluss getauscht hat und gleich ein paar Stufen in der Hierarchie gefallen ist. Gerade einmal drei Jahre hat sie es als Chefin der Filmförderung von Hamburg und Schleswig-Holstein ausgehalten, dann verkündete sie, dass sie "ihren Vertrag nicht verlängern" werde.

Nun ist Köpf seit Anfang April nur noch eine von zwei Geschäftsführerinnen, unter einem Präsidenten und einem Vorstandsvorsitzenden. Ob sie gegangen wurde oder die Initiative zum Rückzug wirklich ihre war: Die Nicht-Verlängerung ist beispielhaft für den jüngsten Trend der geräuschlosen Rücktritte und sanften Abstiege von Frauen in Führungspositionen der deutschen Filmbranche.

Köpfs Fall dürfte dabei nicht allzu hart sein. Die Deutsche Filmakademie inszenierte sich in den vergangenen Jahren verstärkt als Ansprechpartner für die Politik und Sprachrohr der Filmschaffenden. Gut möglich, dass eine solche Position für eine langjährige Produzentin wie Köpf angenehmer, weil auch mit weniger Druck verbunden ist.

Gegenwind zu jeder Zeit

Viel dramatischer jedenfalls ist der Abstieg von Leena Pasanen, die noch bis Ende des Jahres das größte deutsche Dokumentarfilmfestival, das Dok.Leipzig, leitet. Auch sie "verlängert ihren Vertrag nicht" und wechselt zum Biografilm Festival in Bologna, einer international völlig unbekannten Veranstaltung. Karrieretechnisch ein deutlicher Rückschritt für Pasanen - und doch gibt es auch hier einen vergleichsweise geordneten Übergang, mit Vorlauf und rechtzeitiger Ankündigung, um eine Nachfolge zu finden.

Das ist alles andere als selbstverständlich, gerade wenn man bedenkt, dass das Dok.Leipzig erhebliche finanzielle Probleme hatte, die bis heute nicht ausgestanden sind. 2017 musste die Stadt sogar über 200.000 Euro nachschießen, um eine Insolvenz des Festivals zu vermeiden. Und doch: Ist ein Schelm, wer denkt, dass männliche Direktoren sehr viel höhere Verluste noch umgedeutet hätten zum Erfolgssymptom eines wachsenden Festivals? Oder ist es Zufall, dass männliche Direktoren so viel seltener nach nur einer Amtszeit und noch dazu so friedlich gehen?

Leena Pasanen
Hendrik Schmidt/ DPA

Leena Pasanen

Ähnlich wie Köpf, die von einer Rückkehr in ihre "Wahlheimat Berlin" spricht, betont Pasanen ihre "sowohl beruflich als auch privat (...) sehr enge Beziehung mit Italien". Das muss keine Ausrede sein für eine auf den ersten Blick merkwürdige Entscheidung. Vielleicht will sich Pasanen tatsächlich ein schöneres Leben im Süden ermöglichen?

Mit Macht über einen großen Etat zu wachen, ist schließlich nicht alles. Gerade dann nicht, wenn es mit so viel Gegenwind verbunden ist wie für Pasanen in Leipzig. Die Lokalpresse jedenfalls ließ zuletzt keine Gelegenheit aus, ihr gute wie schlechte Entscheidungen um die Ohren zu hauen und ein ums andere Mal daran zu erinnern, dass ihr Deutsch nicht gut genug sei.

Goodbye, Deutsche!

Nationalistische Klänge schlägt auch die überregionale Presse mitunter an, so zuletzt bei der Berufung der Auswahlkommission der Berlinale. "Von den sieben Mitgliedern des Komitees (zählt man Chatrian dazu, sind es acht) kommen nur noch zwei aus Deutschland", schreibt "Die Welt" süffisant. Davon abgesehen, dass in dieser Rechnung die Österreicherin Barbara Wurm wohl als Deutsche durchgeht, bleibt vor lauter Nationalitätenzählerei die vielleicht überraschendste Personalie unkommentiert: Paz Lázaro, erst seit 2017 Leiterin der Sektion "Panorama" bei der Berlinale, verliert nach nur zwei Jahren ihr Amt - oder sie gibt es freiwillig auf.

Zwar bleibt sie als Einzige weiterhin Mitglied der Auswahlkommission, doch ein Aufstieg ist dies nicht. Künftig beteiligt sie sich an Entscheidungen unter einem Künstlerischen Leiter und einem Programmleiter, bisher war sie die letzte Instanz.

Von der Förderung zur Lobbyarbeit

Drei Jahre, fünf Jahre, zwei Jahre - dass Führungspositionen der deutschen Filmbranche so schnell neu besetzt werden, ist die absolute Ausnahme. Christine Berg hat es etwas länger ausgehalten in ihrem Amt: Als Stellvertretender Vorstand der Filmförderungsanstalt (FFA) und Leiterin des gesamten Förderbereichs hat sie sieben Jahre lang eine zentrale Position für das deutsche Kinogeschäft eingenommen.

Im Vergleich mit den 15 Jahren (and counting) von Peter Dinges, dem Vorstand über ihr, ist das ein Klacks. Bemerkenswert ist ihr jüngst für den Sommer angekündigter Rückzug aber vor allem aus einem anderen Grund: Ähnlich wie Köpf wechselt auch sie von der Förderung in den Lobbyismus. Berg wird Vorstandsvorsitzende des Hauptverbands Deutscher Filmtheater (HdF), einem Zusammenschluss vieler großer Kinoketten und Einzelhäusern.

Im Gegensatz zur Deutschen Filmakademie aber ist der HdF nicht irgendwie nebenbei, sondern primär als Interessensvertretung da. Da wirft es durchaus Fragen auf, dass ausgerechnet Berg, die in den letzten Jahren auch die Förderung der Mitglieder dieses Verbands überwachte, zum HdF wechselt. Etwa: Wie hat sie den Kinos - vor allem den rein kommerziell ausgerichteten Unternehmen, die im Verein den Ton angeben - bisher gedient? Und: Braucht es zwischen Jobs in der Politik und in der Lobby keine Karenzzeit?

Zurück zum Ehrenamt

Fragen, die sich umso mehr stellen, weil auch dieser Wechsel alles andere als ein Karrieresprung ist. Und der Job gerade erst geschaffen wurde: Ihr Vorgänger als Vorstandsvorsitzender, Thomas Negele, hatte den Posten ehrenamtlich gemacht. Im Karussell der Neubesetzungen weckt das Erinnerungen. 2015 wurde schon einmal ein ehrenamtlicher Posten zu einem hauptamtlichen umgewandelt und zwar eigens für Alfred Holighaus, der zuvor Filmakademie-Co-Geschäftsführer war. Er wurde zum bezahlten Präsidenten der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO).

Die SPIO zeigt ganz gut an, wofür sich Mehrheiten in der deutschen Filmbranche finden lassen. Es ist ein Trauerspiel. Der Dachverband eines großen Teils der Filmwirtschaft, der eine vermittelnde Position einnehmen könnte, schlägt sich in aller Regel nämlich auf die Seite des Geldes (zuletzt etwa bei der Urheberrechtsreform, bei der die SPIO mehr die Verwerter- als die Urheberinteressen vertrat).

Alfred Holighaus
Becker&Bredel/ imago images

Alfred Holighaus

Vielleicht war Holighaus für diese Stelle zu moderat. Nach nur vier Jahren gab er den Posten in diesem Frühjahr schon wieder ab, oder um im Jargon zu bleiben: kündigte an, "nicht mehr (...) zu kandidieren".

Das Aberwitzige daran: Seit Ende März heißt der neue Präsident nun Thomas Negele. Nach fast 15 Jahren Vorstandsvorsitz beim Kinoverband HdF tauscht der Mann mit den Kinobeteiligungen das eine Amt gegen das nächste.

Es war auch nicht zu erwarten gewesen, dass die alte Garde einen Wandel der Kinobranche einfach so zulässt. Doch was gerade wegen Negeles strategischer Rolle bei der SPIO und seinen reaktionären Positionen wie ein Rollback wirken kann, dürfte eher ein kurzzeitiges Aufbäumen sein. Die Veränderungen der letzten Jahre im Kinogeschäft und in der Politik sind zu grundlegend, als dass die konservativen Kräfte viel länger damit durchkommen werden, die alten Muster ewiger Amtszeiten und autoritär-patriarchaler Strukturen nur leicht zu variieren. Die Gesellschaft ist bereit für Veränderungen. Es steht nur zu befürchten: Niemals wird es dabei so geräuschlos und sanft zugehen, wie wenn Frauen ihre Posten räumen.

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insgesamt 2 Beiträge
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hegoat 03.05.2019
1.
Filmförderung, Festivalveranstaltungen, alles mehrfach vorhanden und alles hochdotiert besetzt. Wenn wir für so einen Quatsch noch genug Steuergeld haben, dann geht's uns noch nicht schlecht genug. Kitas und Schwimmbäder werden trotzdem geschlossen.
konterspieler 04.05.2019
2. Der Autor stellt die falschen Fragen und gibt die falschen Antworten:
Die Fragen im deutschen Film sind nicht, wann welche Frau ein Amt abgibt oder wie lange ein Mann eine Machtposition besetzt hält, sondern warum es überhaupt in einem Sektor kultureller Produktion Pöstchen und Positionen gibt, die länger als drei Jahre (maximal 5 Jahre) von ein und derselben Person besetzt sind. Da gibt es z.B. eine "Filmförder-Intendantin" beim Medienboard Berlin-Brandenburg, die klebt inzwischen geschlagene 15 Jahre auf ihrer gut dotierten Position! Warum fällt dem Verfasser des Artikels dazu gar nichts ein? Der deutsche Film ist inhaltlich - vor allem aber in der Form - derartig innovationsarm, das doch viel mehr eine permanente Rotation auf allen Entscheider-Pöstchen gefordert werden müsste, denn eine Verfestigung vollkommen verkrusteter bürokratischer und personeller Strukturen, die den fantasielosen Deutschen "Beamten-Film" hervorgebracht haben!
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