Bewegendes Abtreibungsdrama "Weg mit den Gimmicks!"

Die US-Regisseurin Eliza Hittman erzählt realistisch und einfühlsam Geschichten über junge Menschen. Ihr neuer Film "Niemals Selten Manchmal Immer" gewann auf der Berlinale einen Preis und kommt jetzt ins Kino.
Ein Interview von Sven von Reden
Regisseurin Eliza Hittman bei der Berlinale 2020: "Denk nicht an das Skript!"

Regisseurin Eliza Hittman bei der Berlinale 2020: "Denk nicht an das Skript!"

Foto:

Clemens Bilan / Getty Images

SPIEGEL: Frau Hittman, Sie haben bisher drei Spielfilme gedreht, in allen dreien geht es um Jugendliche aus einem Arbeiterklassemilieu. Was interessiert Sie an dem Thema und dem Umfeld?

Hittman: Auf "Niemals Selten Manchmal Immer" trifft das sicher am meisten zu. Ich interessiere mich für Heranwachsende und für Menschen, die am Rande stehen. Ich möchte von Erfahrungen erzählen, die in anderen Coming-of-Age-Filmen häufig ausgelassen werden. In gewisser Weise sind meine Filme wie die herausgeschnittenen Teile aus diesen Filmen. Ich fokussiere auf private und schmerzhafte Dinge, auf die Traumata unserer Jugend, die bestimmen, wer wir sind, und wie wir die Welt sehen. 

SPIEGEL: Die schmerzhafte Erfahrung ist in diesem Fall ein Schwangerschaftsabbruch. Die 17-jährige Autumn muss von Pennsylvania nach New York reisen, um eine Abtreibung vornehmen lassen zu können. Können Sie den juristischen Hintergrund erklären? 

Hittman: Abtreibung ist legal in den USA, sie ist unser verfassungsmäßiges Recht. Aber es gibt in den einzelnen Bundesstaaten Verbote und Restriktionen, die es Frauen schwierig machen, ihre reproduktiven Rechte und medizinische Versorgung auch in Anspruch zu nehmen. In Pennsylvania dürfen Minderjährige nur mit Einwilligung der Eltern einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen. Alternativ können sie den Fall vor einen Richter bringen, der dann entscheidet, ob die junge Frau "reif genug" ist, selbst zu entscheiden - was absurd und grausam ist. Beide Möglichkeiten kommen für Autumn nicht in Betracht. Also reist sie mit ihrer Cousine Skylar nach New York. 

SPIEGEL: In der zentralen Sequenz ihres Films wird Autumn von der Mitarbeiterin einer Familienberatungs-Organisation in New York alle möglichen intimen Dinge gefragt. Die Szene ist sehr intensiv. Ihre Hauptdarstellerin Sidney Flanigan, die vorher noch nie als Schauspielerin gearbeitet hat, beeindruckt hier besonders. Wie haben Sie ihr diese Leistung entlockt? 

Fotostrecke

Film: "Niemals Selten Manchmal Immer"

Foto: Angal Field / Universal Pictures

Hittman: Ich habe ihr einfach gesagt, sie soll die Fragen so beantworten, wie sie es selbst für richtig hält. Denk nicht an das Skript! Außerdem haben wir mit zwei Kameras gedreht, die beide sehr nahe waren. Sie war ein bisschen wie gefangen, wie in einem Verhör. Auch dass wir mit analogem 16mm-Material gedreht haben, hat die Szene intensiviert. 16mm gibt einem das Gefühl von Spannung und Risiko. Wenn man dagegen digital dreht, gibt es nichts zu verlieren: Wenn was nicht gut war, löscht man die Aufnahme und macht sie noch mal. 

SPIEGEL: War es für Sie kein Problem, dass die analoge Ästhetik Ihres Films den Bilderfahrungen junger Menschen heute nicht entspricht? 

Hittman: Weil heute alles so digital und kalt ist? Nein, ich wollte von Anfang an auf 16mm drehen, auch um die aus der Zeit gefallene Atmosphäre in Pennsylvania einzufangen, wo der Film beginnt. 

SPIEGEL: Sie arbeiten immer mit Darstellern ohne Schauspielerfahrung zusammen, warum? 

Hittman: Ich mache gern Entdeckungen. Jemanden zu besetzen, der zehn andere Filme gedreht hat, um dann zu sehen, wie sie oder er etwas leicht anders macht, als in den Filmen zuvor, ist nicht so spannend. Ich will die Zuschauer wirklich in eine neue Geschichte und neue Figuren eintauchen lassen, die sie nie zuvor gesehen haben. Sidney Flanigan habe ich schon vor einigen Jahren getroffen, als sie 14 war und am Rande eines Filmdrehs meines Lebensgefährten auftauchte. Über die Jahre bin ich ihr bei Facebook gefolgt. Sie macht Musik und postet all diese Videos von sich, in denen sie Coverversionen allein in ihrem Schlafzimmer spielt. Ich fand sie sehr fesselnd. Als wir mit der Besetzung der Hauptrolle von "Niemals Selten Manchmal Immer" begonnen haben, habe ich Sidney gefragt, ob sie zum Casting kommt. 

SPIEGEL: Sie haben erneut mit der französischen Kamerafrau Hélène Louvart zusammengearbeitet, die unter anderem mit Wim Wenders, Agnès Varda und Alice Rohrwacher gedreht hat. Sehen Sie Ihre Filme eher in einer europäischen Tradition des filmischen Realismus? 

Hittman: Ich weiß nicht, es fällt mir schwer, meine Arbeit so zu betrachten. Vor "Niemals Selten Manchmal Immer" habe ich viel fürs Fernsehen gedreht. Da erwartet man eine sehr inszenierte Ästhetik mit Kamerakränen und so weiter. Ich wollte wieder minimalistischer arbeiten. Das war das Ziel: Weg mit den Gimmicks! 

SPIEGEL: In Ihrem Film erfahren wir nicht viel über den Hintergrund von Autumn oder darüber, wie es zu der ungewollten Schwangerschaft kam. Wollten Sie nicht über sie urteilen? 

Hittman: Nicht nur das. Die Geschichte handelt von den aktiven Schritten, die sie unternimmt, um ihre Jugend zurückzubekommen. Aber vielleicht fühlt sie sich zu machtlos, um das anzusprechen, was in der Vergangenheit passiert ist. 

SPIEGEL: Autumn kann selbst mit ihrer besten Freundin nicht wirklich über das reden, was sie belastet. 

Hittman: Weil diese Themen immer noch so stigmatisiert und schwer auszusprechen sind. Uns fehlt das Vokabular, und es gibt dieses Tabu. 

SPIEGEL: Focus Features, ein Teil des Hollywoodstudios Universal, hat Ihren Film gekauft und herausgebracht, trotz seines kontroversen Themas und seiner rigorosen Ästhetik. Glauben Sie, das wäre vor fünf Jahren schon möglich gewesen? 

Hittman: Ich weiß nicht. Es gab diese junge Managerin bei Focus, Rebecca Arzoian, die meine Arbeit kannte. Sie war wirklich leidenschaftlich bei dem Projekt dabei. Jedes Studio braucht eine Rebecca, die sagt: "Hey Jungs, lest mal das Drehbuch, das ist eine dringliche und schöne Geschichte." 

SPIEGEL: Wie schätzen Sie die rechtliche und politische Situation in den USA ein: Glauben Sie, dass die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs im Fall Roe vs. Wade, die den Schwangerschaftsabbruch in den USA rechtlich absichert, Bestand haben wird? 

Hittman: Ganz offensichtlich haben wir ja einen Präsidenten, der Frauenrechte nicht unterstützt, und einen Obersten Gerichtshof, der in eine wesentlich konservativere Richtung driftet. Ich hoffe natürlich nicht, dass Roe v. Wade fällt, dann wären Millionen von Frauen ohne Versorgung und Schutz.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.