Elizabeth I. als Filmheldin Die ewige Jungfrau

Gleich zwei Großproduktionen nähern sich der legendenumwobenen "Virgin Queen" Elizabeth I.: Helen Mirren gibt die Potentatin heute im TV-Zweiteiler als lustvolle Pragmatikerin, Cate Blanchett spielt sie im Kino-Epos als sanfte Märtyrerin. Ein Erlebnis - in beiden Fällen.

Diskretion ist eine Eigenschaft, die am königlichen Hofe wenig geschätzt wird. "Virgo intacta!" rufen die unabhängigen Gutachter durch den Palast, nachdem sie zwischen die gespreizten Beine geschaut haben. Der Umstand, dass die Jungfräulichkeit der 43-jährigen Regentin noch intakt ist, besitzt durchaus staatspolitische Bedeutung. Denn gerade wurde um ihre Hand angehalten vom Herzog von Anjou, der nur eine unberührte Frau als Gemahlin akzeptieren kann.

England im Jahr 1579: Eine Verbindung mit dem Königshaus von Frankreich würde Großbritannien innen- wie außenpolitisch von großem Nutzen sein. Denn zum einen wird es langsam Zeit, dass die protestantische Elizabeth I. einen Thronfolger gebärt, weil bereits die katholische Cousine, Königin Maria Stuart von Schottland, Anspruch für sich und ihren Sohn erhebt. Zum anderen stocken die Spanier ihre Armada auf, um zum Sturm aufs reformierte und kaum gerüstete England zu blasen.

Es ist also eine vertrackte Lage, mit der sich die Queen (Helen Mirren) am Anfang des 200-Minuten-Intrigantenstadl "Elizabeth I." konfrontiert sieht. Mit lustvollem Pragmatismus begutachtet die Potentatin den Ehekandidaten, wehrt nebenbei die Eifersuchtsattacken ihres langjährigen Vertrauten, des Earl of Leicester (Jeremy Irons), ab – und spielt dann noch wortgewandt unterschiedliche geopolitische Bündnisse durch: "Die Holländer? Bitte nicht! Die haben keine Kultur, die haben Käse." Am Ende verweigert sie sich jedoch allen diplomatischen Überlegungen: "Das arme England steht jetzt allein da!"

Wer war Elizabeth I., die das Inselreich zwischen 1558 und 1603, also fast ein halbes Jahrhundert regiert hat? Historiker und Psychoanalytiker arbeiten sich an ihr gleichermaßen ab. Machtbewusstsein und Toleranz, Pflichtgefühl und Kunstbeflissenheit, Verzicht und Lebenslust – von der Monarchin, die gerne Gedichte schrieb, sind ganz unterschiedliche Eigenschaften überliefert.

Zwei Schauspielerinnen - zwei Interpretationen

Nun wurde die "Virgin Queen" binnen kürzester Zeit gleich von zwei der größten englischsprachigen Schauspielerinnen verkörpert: In dem TV-Zweiteiler "Elizabeth I." ist es Helen Mirren, die bereits für ihre virtuos gedrosselte Darstellung von Elizabeth II. in Stephen Frears "The Queen" mit dem Oscar geehrt wurde. Für das demnächst anlaufende Kino-Epos "Elizabeth I. – Das goldene Zeitalter" indes stand Cate Blanchett vor der Kamera – jene Australierin, die bereits 1998 für das royalistische Drama "Elizabeth" die Herrscherin als kindliche Königin darstellte. Dafür war sie damals für den Oscar nominiert, 2008 könnte sie die Trophäe tatsächlich gewinnen.

So traumwandlerisch sicher beide Schauspielerinnen agieren – ihre Spielarten könnten nicht unterschiedlicher sein: Während Helen Mirren das Innenleben der Monarchin mit trockener Tragikomik ausleuchtet, erhebt Cate Blanchett ihre Figur mit poetischer Anmut zur Königin der Sublimation, die für ihr Volk auf fast sämtliche irdische Vergnügen verzichtet und ihre Regierungsarbeit in eine höhere Kunstform verwandelt.

So wird das Kino-Drama "Elizabeth I. – Das goldene Zeitalter", das wie Blanchetts erster königlicher Auftritt vom Genre-Spezialisten Shekhar Kapur inszeniert worden ist, zur Hymne auf die Herrscherin. Blanchett spielt mit sicherem Gespür für die Tragik der machtlosen Machtfrau. Um sie herum aber versinkt das Drama leider in lautem Pulverdampf und fahlem Kerzenflimmern.

Viel Phallus, wenig sexuelle Erfüllung

"Elizabeth I. – Das goldene Königreich" ist Ausstattungspomp pur - und dabei aufgeladen mit überhitzter Symbolik: Ein Seefahrer (Clive Owen) wirft der sanften Monarchin am Hofe glutvolle Blicke zu und jagt später vor der englischen Küste sein brennendes Schiff in die spanische Armada, um die eigentlich übermächtigen Feinde in die Flucht zu schlagen. Die Unberührbare schaut derweil in stolzer Eisenrüstung und hoch zu Ross von den Klippen zu. So viel Phallus und so wenig sexuelle Erfüllung sind selten in ein und derselben Szene zu sehen.

Der Fernsehzweiteiler "Elizabeth I" (Regie: Tom Hooper, Buch: Nigel Williams), der heute vom Bayerischen Rundfunk in einem Rutsch gesendet wird, setzt da weniger auf Bildgewalt denn auf psychologische Detailarbeit. Helen Mirren leuchtet gekonnt und gelegentlich auch mit grimmigem Witz die Paradoxien der jungfräulichen Potentatin aus. Ihre Elizabeth I. gibt sich ihrem Land hin – in späteren Jahren aber auch dem einen oder anderen hübschen Knaben.

Feinnervig spielt sie die Zerrissenheit der Queen aus, die im fortgeschrittenen Alter mit kalkweißer Gesichtsmaske sämtliche Spiegel aus ihren Gemächern verbannen lässt und durchaus ihren verpassten Liebeschancen hinter her trauert. Ihre Sehnsucht kleidet die alte Dame immer noch in poetische Sprache, sie weiß aber auch rustikale Unterhaltung wie illegale Schwertkämpfe zu schätzen und reibt den verletzten jungen Kerlen danach die Wunden genussvoll mit Alkohol ein.

Historische Rekonstruktion und psychologische Raffinesse wurden in der aufwendigen und mit acht Emmys ausgezeichneten Fernsehproduktion also in eine perfekte Balance gebracht: Ohne royalistische Gefühlsaufwallung gelingt es Helen Mirren das menschliche Antlitz hinter der königlichen Maske erstrahlen zu lassen.


Fernsehen: "Elizabeth I." (Teil eins und zwei): heute, 11. Dezember, 21.45 Uhr, BR

Kino: "Elizabeth I – Das goldene Königreich": Kinostart 20. Dezember

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