"Elling" Mamas Liebling plumpst ins pralle Leben

In Norwegen feierte Regisseur Petter Naess mit "Elling" grandiose Erfolge: Jeder Fünfte sah die Komödie mit dem kauzigen Titelhelden, der nach zwei Jahren in einer psychiatrischen Klinik zurück in die Normalität entlassen wird.
Von Cristina Moles Kaupp

"Ich war Mamas Liebling", gesteht eine Stimme. Schrill klingt sie, eine Spur zu hoch, gespannt wie eine Saite kurz vor dem Zerreißen. Dann zerren Polizisten einen schmächtigen Mann aus einem Kleiderschrank: Elling. Ihm gehört die Stimme, und der Schrank war wohl seit dem Tod der Mutter sein Versteck. Die Staatsschergen Norwegens haben den Verwirrten dennoch aufgespürt und ohne Zaudern in die Psychiatrie gekarrt. Dort fällt eine Tür ins Schloss.

Schnörkellos beginnt "Elling", der Film. Fans des norwegischen Autors Ingvar Ambjörnsen kennen "ihren" Elling schon länger. Schwadroniert der kauzige Kerl mittlerweile doch schon durch vier Romane, ohne dass Ambjörnsen Diagnosen stellt oder seine Figur als fremdes Wesen präsentiert. Wozu auch? Nur zarte Membrane trennen das "Normale" vom anderen Extrem. Wo fängt es an, wo hört es auf? Und wer kennt nicht das eine oder andere Problem, das Elling in Bedrängnis bringt? Der Gang durchs voll besetzte Restaurant etwa, Pinkeln neben einem Fremden, Einkaufen, Telefonieren, das übliche soziale Rauf und Runter, die tausend Codes der Kommunikation?

Verständlich, dass sich der kontaktscheue Elling vor Veränderungen gruselt und tausend Gründe nennt, keinen Schritt nach vorn zu tun. Am liebsten möchte der 40-Jährige in einem sicheren Kokon hausen, aus dem er seine Tiraden gegen die dumme, niederträchtige und verdorbene Welt hinausbellen könnte. Doch Mama ist nicht mehr. Und ihr Söhnchen muss langsam lernen, sein neurotisches Seelchen, sein nörgeliges Besserwissen, sein feiges Philosophieren in den Griff zu bekommen. Denn nach zwei Jahren setzt die Psychiatrie Elling und seinen impulsiven Zimmernachbarn wieder ins pralle Leben aus, in eine freundliche Wohnung mitten in Oslo.

Da steht er nun mit seinem hünenhaften Kjell Bjarne, der sich nur für Essen und Sex interessiert, ein gutmütiges Riesenbaby mit maßlosem Mutterhass. Immerhin eines merken die Freunde rasch: Ab jetzt müssen sie gut aufeinander aufpassen, denn ihr Sozialarbeiter will Erfolge sehen, und das bedeutet Frontalkontakt mit der Wirklichkeit.

"Elling ist bei uns inzwischen fast ein Volksheld geworden, weil wir letztlich alle ständig versuchen, unsere Grenzen zu überschreiten, und gegen unsere Phobien und Blockaden kämpfen", sagt Petter Naess. Zuvor hatte der norwegische Regisseur Ambjörnsens dritten Elling-Roman "Blutsbrüder" bereits als Theaterstück aufbereitet, das in Oslo über zwei Jahre erfolgreich lief. Dann keimte die Idee zum Film, den Naess nach anfänglichen Bedenken glücklicherweise ebenso wie das Theaterstück mit den großartigen Akteuren Per Christian Ellefsen (Elling) und Sven Nordin (Kjell Bjarne) besetzte. Was dann eintrat, sollte selbst Naess' kühnste Erwartungen übertreffen: 800.000 Landsleute, also knapp ein Fünftel der Gesamtbevölkerung, wollten "Elling", machten ihn zum erfolgsreichsten norwegischen Film seit langem. Und: Im März ist die Komödie nur haarscharf am Oscar für den "Besten ausländischen Film" vorbeigeschrammt.

"Elling" wirft einen erfrischend entspannten Blick auf psychische Probleme. "Ein Stück Elling steckt in jedem von uns", meint Naess, den die Popularität der Figur anfangs jedoch ins Schwitzen brachte: "Ich hatte Angst, dass der Film nicht jenen Elling zeigen könnte, in den sich das Publikum verliebt hatte. Und ich wollte nichts reproduzieren, das bereits im Theaterstück vorkam. Echt schwierig."

Neben dem 42-jährigen Regisseur sitzt entspannt sein Hauptdarsteller Per Christian Ellefsen - zwei, die sich ohne viele Worte gut verstehen. "Ich habe sofort das Ellingsche Element in mir gespürt und wollte unbedingt auch die Filmrolle", grinst Ellefsen verschmitzt, der zum Ensemble des Osloer Nationaltheaters zählt. Seine Sympathie gehört Verlierern und Leuten mit Identitätsproblemen: "Ich bin glücklich, dass ich ihnen als Elling ein Gesicht und eine Stimme geben kann."

Und was für ein Gesicht! Sein Elling ist ein Unscheinbarer mit abenteuerlichem Klamottengeschmack, der anfangs einfach umkippt, wenn ihn Situationen überfordern. Doch dann stolpert der sympathische Exzentriker weiter durch diesen herrlichen Film, der voll skurriler Wendungen steckt und feinem Spott. Der beginnt bereits mit den Photos der sozialdemokratischen Ikone und nationalen Hyper-Mutter Gro Brundtland (Norwegens ehemalige Ministerpräsidentin), die Elling eifrig an seine Wände pinnt, und setzt sich fort in seinen hochkomplizierten Gedankengängen. Aber immer, wenn sich Elling beinahe um Kopf und Kragen redet, rettet ihn Kjell Bjarne mit seiner schlichten praktischen Art. Bis der 120-Kilogramm-Mann selber nicht mehr weiter weiß: Ausgerechnet in die schwangere Nachbarin hat er sich verliebt, jetzt muss Elling ran. Und er lernt langsam über sich hinaus zu wachsen, will ein Underground-Lyriker werden, der Sauerkraut-Poet "E". Klar, dass er das schafft. Auch wenn seine Stimme gen Schluss immer noch ein bisschen schrill klingt, wenn er erleichtert resümiert: "Ich bin Mamas Liebling - eine anonyme Stimme aus den Straßen der Nacht."

"Elling". Norwegen 2001. Regie: Petter Naess; Buch: Axel Hellstenius; Darsteller: Per Christian Ellefsen, Sven Nordin, Per Christensen, Jorgen Langhelle, Marit Pia Jacobsen; Länge: 90 Minuten.

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