Filmerlebnis "Ema" Das Mädchen mit dem Flammenwerfer

Der ohnehin unberechenbare chilenische Regisseur Pablo Larraín legt seinen bislang wildesten Film vor: "Ema" ist eine leicht entzündbare Mischung aus Tanzfilm, Ehedrama und erotischer Fantasie - ein Erlebnis.
Newcomerin Mariana Di Girolamo als Tänzerin Ema

Newcomerin Mariana Di Girolamo als Tänzerin Ema

Foto: Koch Films

Die Nase von "Ema"-Hauptdarstellerin Mariana Di Girolamo richtet sich ein wenig nach rechts, so als sei das Organ von etwas außerhalb unseres Blickfelds abgelenkt. Vielleicht ist das aber auch Einbildung, weil alles andere im Film in so extremer Bewegung ist: natürlich die Körper - "Ema" ist ein Tanzfilm -, aber auch die Dialoge, die Beziehungen, die sexuellen Orientierungen, selbst die Familienverhältnisse.

Alles ist so dynamisiert, alles so für das Unerwartete geöffnet, dass eine Schulstunde in einem Kidnapping mündet und ein groß angelegter Verrat zu einem Baby führt. Dazwischen wird auch noch sehr viel Feuer gelegt und miteinander geschlafen.

Die Zusammenfassung, dass es in "Ema" um die Beziehung zwischen der jungen Tänzerin Ema (Di Girolamo) und dem älteren Choreografen Gastón (Gael García Bernal) sowie ihrem gescheiterten Versuch geht, eine Familie zu gründen, muss deshalb unbedingt als vorläufig verstanden werden.

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"Ema"

Foto: Koch Films

Inszeniert ist "Ema" von dem chilenischen Regisseur Pablo Larraín, der zusammen mit Guillermo Calderón und Alejandro Moreno auch das Drehbuch verfasst hat. "Ema" ist Larraíns achter Film und setzt einen einzigartigen Lauf fort: Jeder von Larraíns Filmen - ob die erbarmungslose Abrechnung mit der katholischen Kirche "El Club", die melancholische Reflexion "No" über Chile nach dem Referendum gegen Pinochet oder die zwei Filmporträts "Jackie" und "Neruda" über First Lady Jacqueline Kennedy beziehungsweise den Nationaldichter Pablo Neruda - ist bestechend gut. Er hat Dutzende von Preisen gewonnen, "Jackie" und "No" waren zudem für den Oscar nominiert.

Dass Larraín trotzdem nicht als einer der besten Regisseure der Welt gilt, liegt daran, dass seine Filme so gut wie nichts miteinander gemeinsam haben. Bildeten einzelne Perioden der Pinochet-Diktatur noch den vagen Hintergrund seiner ersten Filme, verbindet die folgenden Werke kein Sujet mehr, keine Tonalität, schon gar nicht eine bestimmte Machart. Larraín richtet seine Filmsprache am jeweiligen Stoff neu aus. Er erzählt mal realistisch, mal fantastisch, arbeitet mit der krisseligen Ästhetik von VHS-Material, wenn es sich wie bei dem in den Achtzigern angesiedelten "No" anbietet, oder imitiert den Hochglanz von "Life Magazine", wenn es wie bei "Jackie" passt.

Die cinephile Filmkritik, die gern in Werkzusammenhängen sichtet und bewertet, steht Larraín deshalb einigermaßen ratlos gegenüber. Müsste man nach einem Regisseur in der Filmgeschichte suchen, der ein ähnlich disparates, gleichwohl konstant starkes Oeuvre vorzuweisen hat, wäre das wohl Stanley Kubrick. Aber der brachte als Stilmittel zumindest immer ein Tableau mit Zentralperspektive unter, Larraín verzichtet selbst auf solche Kennzeichen.

Filminfo

"Ema"
Chile 2019
Regie: Pablo Larraín
Drehbuch: Guillermo Calderón, Pablo Larraín, Alejandro Moreno
Darstellende: Mariana Di Girolamo, Gael García Berenal, Santiago Cabrera, Paola Giannini
Produktion: Fabula
Verleih: Koch Films
Länge: 107 Minuten
FSK: keine Angabe
Start: 22. Oktober 2020

Was man aber in jedem seiner Filme findet: großartige Filmfiguren. Mit Seele, Körper und Begierden (auch den dunklen, nein, vor allem dunklen), den einen Tick larger than life, immer kurz vor ikonisch. Und unter diesen Figuren ist Ema seine bislang gelungenste Schöpfung. Wie für eine Tänzerin nur passend, reagiert man körperlich auf sie. Die Figuren im Film tun es exzessiv, sie begehren sie, sie finden sie abstoßend, sie empören sich selbst über Kleinigkeiten wie ihre weißblond gebleichten Haare.

Ihre Rolle als Projektionsfläche für andere nimmt Ema - und mit ihr Darstellerin Di Girolamo in ihrer ersten und gleich sensationellen Hauptrolle - mit stolzer Lakonie zur Kenntnis. Sie tanzt mit ihren Freundinnen aus der Tanzkompanie einfach weiter, ob bei den Proben fürs nächste Stück oder auf den Straßen der Hafenstadt Valparaíso, die die Frauen als Kulisse für ihre Reggaeton-Choreografien nutzen. (Originalmusik: Nicolas Jaar)

Reines Körperkino ist "Ema" trotzdem nicht, denn Larraín baut zwei Rätsel in seine Erzählung ein: was zwischen Ema und Gastón genau vorgefallen ist, das ihre Ehe so erschüttert hat, und was nun aus ihnen wird. Beides wird parallel erzählt, was dem Film zu einer nervösen Spannung verhilft.

Gleichzeitig gewinnt der Film an Wahrhaftigkeit, denn wie sich die Beziehung zwischen Ema und Gastón aufschlüsselt, legt sich auch das überzeugende Porträt eines Künstlerpaares dar. Ihre private Tragödie spielt in ihre Kunst mit hinein. Sobald sich ihr Verhältnis von junger Muse und älterem Macher wandelt, hat das wiederum Auswirkungen auf ihre Ehe.

Foto: Koch Films

Gael García Bernal spielt Gastón als müden Verführer, der in einer grandiosen Szene schließlich die Waffen streckt. Er mag nicht länger mit seiner jungen Frau streiten, kann nichts mit deren Lieblingsmusik Reggaeton anfangen und weiß generell nicht mehr, was seine Rolle im Leben noch sein soll. Man kann die Szene auch als Selbst-Persiflage von Larraín verstehen: Gemeinsam mit Gastón kapituliert er vor seiner eigenen Schöpfung Ema.

Aber die junge Frau übernimmt problemlos von den älteren Männern. Wo deren Zeugungskraft versagt, greift sie zum Flammenwerfer und schießt einen Feuerstrahl in die Nacht. Sie muss zerstören, um etwas zu schaffen. In ihren Weg sollte sich niemand stellen.

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