Romantische Komödie "Last Christmas" Was das Herz begehrt

Inspiriert vom Wham!-Dauerhit spinnt "Last Christmas" eine Schnurre über Liebe im weihnachtlichen London. Romantisch oder originell ist das nicht, als Zeitgeist-Diagnose taugt der Film aber schon.

Universal Pictures

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Wer ist dein Traummann? In welcher Stadt möchtest du mit ihm leben? Wie viel Geld braucht ihr zum Glücklichsein? Was macht ihr in eurer Freizeit am liebsten? In den Neunzigerjahren lauteten die Antworten: Hugh Grant, London, nicht zu wenig, Dinner-Partys!

Das ließ sich zumindest am Erfolg von romantischen Komödien wie "Vier Hochzeiten und ein Todesfall", "Bridget Jones" oder "Tatsächlich Liebe" ablesen. Für ein knappes Jahrzehnt schienen die Filme, alle aus Großbritannien und der Feder von Richard Curtis stammend, die Wünsche eines ziemlich großen Teils des westlichen Kinopublikums zu bündeln.

Dass ihr Zenit mit den Regierungszeiten von Tony Blair, Bill Clinton und Gerhard Schröder zusammenfiel, war dabei kein Zufall: Ihre Neue-Mitte-Parteien standen für die aufstiegsorientierten, multikulturellen Großstädter, die auch Curtis' Filme bevölkerten. Deren sozioökonomische Ambitionen transportierten die Filme neben den romantischen Begehrlichkeiten nämlich ebenso - deshalb etwa die Dinnerpartys, zu denen sich die neu-bürgerlichen Londoner an den großen Tischen von "Notting Hill" versammelten und bei denen sie den neuen Stellenwert von Esskultur demonstrierten. (Der Aufstieg von Jamie Oliver fiel natürlich auch in diese Zeit.)

Ganz verschwunden sind die romantischen Komödien - ähnlich wie Blair/Clinton/Schröder - in den vergangenen 15 Jahren nicht. Doch so nahtlos wie jetzt "Last Christmas" (Regie: Paul Feig, Drehbuch: Emma Thompson, Bryony Kimmings) hat bislang kaum ein Film an sie anzuschließen versucht. Und was er anders macht als sie, ist das mit Abstand Interessanteste an ihm (Viel interessanter als sein Bezug auf den Wham!-Songklassiker, der so sehr beim Wort genommen wird, dass jede weitere Erläuterung einem Spoiler gleich käme.)

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"Last Christmas": Gab ich dir mein Herz

Von Hugh Grant hat Henry Golding als romantic lead übernommen, globalkinokassen-erprobt durch die Erfolgskomödie "Crazy Rich". In ihn verliebt sich anstelle von Renée Zellweger nun Emilia Clarke, globaler TV-Star durch "Game of Thrones". Geblieben ist allein ein rausgeputztes London, das seinen Wandel zur globalen Finanzkapitale hinter viel Adventsheimeligkeit verstecken darf.

Clarkes Kate jobbt tagsüber in einem Geschäft für Weihnachtsdeko, abends versucht sie ihr Glück bei Musical-Castings. Da diese nie erfolgreich verlaufen, betrinkt sie sich regelmäßig im Pub. Die Nächte enden dann meist damit, dass sie im Bett eines Fremden landet, aber nie damit, dass ihr Makeup verschmiert oder ihr Haar fettig ist. "Eine Disney-fizierte Fleabag" hat der "Guardian" geschrieben.

Was genau Kates Probleme sein sollen, die zwischen ihr, beruflichem Erfolg und der Liebe stehen, lässt sich aufgrund von Clarkes beherztem Dauergrinsen und der generellen Kulissenhaftigkeit von "Last Christmas" schwer erkennen. In jedem Fall soll Goldings Tom die Lösung sein. Er taucht aus dem Nichts auf, lehrt sie, Prioritäten im Leben zu setzen, und verschwindet dann wieder im Nichts.


"Last Christmas"
UK/USA 2019
Regie:
Paul Feig
Drehbuch: Emma Thompson, Brynoy Kimmings
Darsteller: Emilia Clarke, Henry Golding, Michelle Yeoh, Emma Thompson, Peter Mygind
Produktion: Calamity Films, Feigco Entertainment et al.
Verleih: Universal
Länge: 103 Minuten
Start: 14. November 2019


Dass mit ihm etwas nicht stimmt, ist offensichtlich. Gleichzeitig ist er auch nicht unglaubwürdiger als die anderen Figuren, zum Beispiel Emma Thompson als Kates kroatisch-stämmige Mutter Petra, weshalb sich die Frage, was denn nun mit Tom nicht stimmt, nicht besonders dringlich stellt.

Stattdessen rücken die Zeitgeist-Signifikanten, mit denen Thompson, Kimmings und Feig operieren, in den Mittelpunkt. Multikulti-Optimismus ist Brexit-Hartherzigkeit gewichen, in den roten Doppeldecker-Bussen werden nun Touristen beschimpft. Für Dinner-Partys hat keiner mehr Zeit. Als Kate dann doch endlich mal zur Ruhe kommt, ist es ein Streetfood-Markt, auf den sie mit ihrer Mutter geht.

Im Video: Der Trailer zu "Last Christmas"

Universal Pictures

Auszeit vom prekären Leben bei Kimchi Burger und Craft-Likören - als Kassensturz der Zehnerjahre-Sehnsüchte funktioniert "Last Christmas" letztlich ziemlich gut. Nur als Film eben nicht. Aber vielleicht durfte man auch nie mehr von romantischen Komödien diesen Zuschnitts erwarten.



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