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Filmdrama "Kindeswohl": Kein Mal mit Gefühl

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Emma Thompson über ihre Karriere "Ich wollte nie irgendwas erreichen"

Emma Thompson hat klare Vorstellungen, wie wir die Welt ein wenig besser machen können. Die doppelte Oscar-Preisträgerin über männliche Übermacht, falsch verstandenen Ehrgeiz und den Reiz von feministischen Streitgesprächen.
Zur Person
Foto: Rich Polk/ Getty Images for IMDb

Emma Thompson, geboren 1959 in London, spielte schon während ihres Literaturstudiums in Oxford Theater. 1987 bekam sie ihre eigene TV-Sitcom "Thompson". Ihren Durchbruch im Kino erlebte sie mit der Literaturverfilmung "Wiedersehen in Howard's End" (1992), für den sie den Oscar als beste Hauptdarstellerin gewann. Für ihre Drehbuchadaption von "Sinn und Sinnlichkeit" erhielt sie 1995 ihren zweiten Oscar. "Kindeswohl" nach dem Roman von Ian McEwan mit Thompson in der Hauptrolle ist am 30. August in den deutschen Kinos angelaufen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Thompson, Sie sind seit 40 Jahren erfolgreich im Geschäft, haben einen Schauspiel-Oscar gewonnen und einen für das beste Drehbuch. Haben Sie als Künstlerin erreicht, was Sie erreichen wollten?

Thompson: Nein, überhaupt nicht. Ich wollte nie irgendwas erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie keinen Ehrgeiz? Nie?

Thompson: Das habe ich nicht gesagt. Ich habe nur nie einen Gedanken daran verschwendet, etwas Großartiges zu bewirken. So denke ich bis heute nicht. Ich hatte und habe keinen Plan.

SPIEGEL ONLINE: Wie macht man denn mit der Einstellung Karriere?

Thompson: Indem man sich in das hineinschmeißt, was gerade vor einem liegt. Ich habe als Komikerin angefangen. Mein ganzer Ehrgeiz bestand darin, die Leute zum Lachen zu bringen. Oder wenigstens zu verhindern, dass sie einen grausamen Langeweile-Tod sterben. An meinem 25. Geburtstag habe ich in einem Theater in Südlondon vor nicht mal 100 Leuten Witze erzählt, ein beträchtlicher Anteil davon waren Penis-Witze. Das war für mich ein unfassbarer Erfolg. Ich wollte nie den großen Sprung machen. Ein Schritt kam nach dem nächsten. Ich habe aber auch generell ein Problem mit diesem Konzept von "etwas erreichen wollen".

SPIEGEL ONLINE: Was ist so schlimm daran, etwas erreichen zu wollen?

Thompson: Nichts, aber mich stört die Wortwahl. Etwas erreichen oder bewirken zu wollen, Spuren zu hinterlassen - das sind doch sehr patriarchale Begriffe. Oder etwas, was wir mit Männlichkeit assoziieren. Ich finde, wir müssen diese ganzen Vorstellungen aufbrechen.

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Filmdrama "Kindeswohl": Kein Mal mit Gefühl

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SPIEGEL ONLINE: Sie gelten auch als leidenschaftliche Aktivistin für Umwelt und Menschenrechte. Geht es da nicht gerade darum, etwas bewirken und verändern zu wollen?

Thompson: Ich bin keine wirkliche Aktivistin. Ich bin einfach jemand mit politischem Interesse. Diese Welt bedeutet mir etwas, menschliche Entwicklung bedeutet mir etwas. Aber kein einziges Mal in meinem Leben habe ich gedacht: "Hiermit werde ich jetzt etwas verändern!" Es geht darum, an gesellschaftlichen Prozessen teilzunehmen, Menschen davon abzuhalten, sich gegenseitig zu hassen. Aber doch nicht um die eigenen Spuren.

SPIEGEL ONLINE: Und Frauen geht es generell weniger um die eigenen Spuren?

Thompson: Ich bin in einem System aufgewachsen, das nicht darauf besteht, dass Frauen Spuren hinterlassen. Es besteht darauf, dass sie gute Mädchen, Mütter und Ehefrauen sind - dass sie den Männern eine Welt ermöglichen, in der die ihre Spuren hinterlassen können. Ich ermutige gern jeden, sich von diesen veralteten Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit zu lösen.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie selbst haben sich schon davon lösen können?

Thompson: So einfach ist das ja nicht. Das wird uns seit Jahrhunderten eingeimpft. Aber kein Geschlecht hat doch auf irgendeine Eigenschaft ein angeborenes Vorrecht. Männer werden nicht mutiger geboren. Das suggeriert uns nur unsere Literatur, unsere Kunst. Weil die größtenteils von Männern stammt. Und die erzählen eben die eine Seite der Geschichte. Jetzt möchte ich gern die andere hören. Ich verstehe gar nicht, warum so viele Männer so defensiv darauf reagieren.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht haben die Männer Angst, ihre Stimme zu verlieren. Fühlen Sie mit ihnen?

Thompson: Klar, immerhin hören wir uns ihre Geschichten seit Ewigkeiten andächtig an. Nehmen wir Fußball. Da geht's um Männer, die etwas miteinander unternehmen, und andere Männer schauen begeistert zu. Stunden über Stunden unseres Fernsehprogramms werden dafür geopfert. Von Frauen wird erwartet, das hinzunehmen. Warum nicht mal Fernsehnachmittage mit stundenlangen feministischen Streitgesprächen. Ich bin gespannt, was passieren würde.

SPIEGEL ONLINE: Eine Menge empörter Zuschauerpost wahrscheinlich.

Thompson: Dann nehmen Sie dies als meinen Zuschauerbrief: Uns ist langweilig! Frauen möchten Teil der Unterhaltung sein. Es geht nicht darum, den Männern etwas wegzunehmen oder ihre Gebiete zu besetzen. Es ist eine Einladung, sich Dinge anzuhören, die ihnen bislang verborgen geblieben sind.

SPIEGEL ONLINE: Und dann interessieren sich auch Männer für feministische Streitgespräche?

Thompson: Ich will die ja gar nicht damit bombardieren. Aber es schadet sicher nicht, wenn sich Männer mal so etwas anhören. Überhaupt: zuhören. Das hilft immer! Ich lerne auch immer neue Dinge, und manches ist erst mal verwirrend. Was genau heißt transgender, was bedeutet cis-gender? In mir steckt ja auch das alte System. Aber diese Themen sind frisch, neu und wichtig. Und sie werden immer größer.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem scheint es fast überall in der westlichen Welt einen Rechtsruck zu geben. Wie erklären Sie sich den?

Thompson: Viele Menschen leben in der Vergangenheit und krallen sich daran fest. Donald Trump zum Beispiel. Der lebt in einer anderen Zeit und hat trotzdem extrem viel Macht. Beängstigend.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man ausrichten gegen jemanden, der so...

Thompson: ...primitiv ist? Trump schafft es, vergessene Bevölkerungsgruppen anzusprechen, so wie es bei uns in Großbritannien Nigel Farage tut. Sie haben doch auch so eine Partei in Deutschland. Das Einzige, was hilft, ist mitzureden. Ich habe in meinen 59 Jahren noch keine schlimmeren Zeiten erlebt als jetzt. Aber gleichzeitig findet die andere Seite mehr Gehör. Deswegen habe ich Hoffnung. Ich kann meine Stimme erheben und anderen helfen, gehört zu werden. Das ist mein Job.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt ist unsere Zeit um, und wir haben kaum über den Film gesprochen.

Thompson: Ach, finde ich nicht. In "Kindeswohl" stecken viele der Ideen, über die wir gerade geredet haben. Schließlich geht es um eine Frau, die in einem sehr alten, von Männern dominierten System ihren Weg geht. Die als Richterin von Berufswegen verpflichtet ist, dem Wohle der Menschen zu dienen. Ihr geht es auch nicht darum, irgendetwas zu erreichen. Sie will einfach das Richtige tun.