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09. November 2011, 09:12 Uhr

Emmerich-Film "Anonymus"

Das Spielbergle macht großes Skandaltheater

Von Jörg Schöning

War Shakespeare nur ein Depp? Mit "Anonymus" entflammt die Debatte um die Autorschaft seiner Werke neu. Spannender als der Streit darum ist jedoch der Krimi-Plot in Roland Emmerichs Mantel-und-Degen-Thriller - mit einer großartigen Vanessa Redgrave als Urmutter aller Queens.

Ein "neuer" Emmerich soll "Anonymus" sein. Doch in seinem Anspruch ist er der alte. Einmal mehr hat sich der populärwissenschaftlich versierte Filmemacher eine provokante Außenseiterposition zu eigen gemacht, mit der er nun ein Massenpublikum konfrontiert. Das zwingt zu Reaktionen; entweder die Fachwelt, oder doch mindestens die Medien.

Auf dem Höhepunkt der Debatten über die Erderwärmung hatte sich Emmerich - in "The Day After Tomorrow"(2004) - die Vereisung New Yorks ausgemalt. Das rief die Klimaforscher auf den Plan. In "2012" hat er desaströsen Tendenzen der Gegenwart Maya-Prophezeiungen untergeschoben. Das brachte den Tzolkin-Kalender bis in die "Tagesthemen". Nun lockt Emmerich Historiker und Literaturwissenschaftler aus der Reserve. Ihr Streit gilt einem Elisabethanischen Thriller, einem reißerischen Drei-Guineen-Roman.

Denn "Anonymus" ist großes Mantel-und-Degen-Kino (wohlgemerkt: made in Babelsberg), ein politisches Intrigendrama, das das London um 1600 in prachtvollen Kulissen und mit digitalen Effekten - wie der zugefrorenen Themse - plausibel wiederauferstehen lässt. Vor allem aber verfügt "Anonymus" über ein Zugpferd, das nach einem Aufgalopp bei der Buchmesse in Frankfurt nun einen Parforce-Ritt durch ausverkaufte Schulvorstellungen verspricht: William Shakespeare.

Shakespeare? Eine täppische Nebenfigur!

Nach Gott habe Shakespeare am meisten geschaffen, heißt es bei James Joyce. Wobei das Oeuvre Shakespeares wohl höher einzuschätzen ist. Denn Gott war schließlich Gott, Shakespeare nur der Sohn eines Handschuhmachers aus der englischen Kleinstadt Stratford-upon-Avon.

Schon deshalb gab es immer Menschen, die Shakespeares Autorschaft in Zweifel gezogen haben, zumal man über sein Leben so gar nichts weiß. Nicht wenige glauben, dass Shakespeares unsterbliche Werke nicht von ihm selbst stammen, sondern von einem unbekannten Autor gleichen Namens, wie George Bernard Shaw scherzhaft vermutet hat. Oder aber von Edward de Vere, dem 17. Earl von Oxford (1550-1604).

Für sein Buch "Der Mann, der Shakespeare erfand" hat der bekennende "Oxfordianer" Kurt Kreiler die Indizien, die für dessen Urheberschaft sprechen, zusammengetragen. "Anonymus" illustriert sie nicht nur, der Film schmückt sie aus. In ihm ist der "Schwan vom Avon", wie der Bühnenautor Ben Jonson seinen Konkurrenten Shakespeare nannte, nur eine täppische Nebenfigur, Jonson (Sebastian Armesto) hingegen Kronzeuge einer höfischen Verschwörung.

Sie wird vorangetrieben vom Finanzminister William Cecil (David Thewlis) und seinem missgestalteten Sohn, Staatssekretär Robert Cecil (Edward Hogg), die mit dem schottischen König Jakob VI. einen Sohn Maria Stuarts als Nachfolger der in die Jahre gekommenen Königin Elizabeth I. (Vanessa Redgrave) auf den englischen Thron hieven wollen.

Dafür kämen jedoch auch - aus einer familiären Perspektive betrachtet - gleich zwei illegitime Söhne (die Emmerich Elizabeth zuschreibt) in Betracht: der jugendliche Earl of Essex (Sam Reid) wie auch sein Freund Southampton (Xavier Samuel), dessen Vater hier der heimlich dichtende Edward de Vere (Rhys Ifans) ist, die große Jugendliebe der einstmals "jungfräulichen Königin". Und noch einen dritten Kandidaten zaubert die Fantasie des Drehbuchs herbei.

Damit werden aus den Tudors uns irgendwie vertraute "Royals" - eine schrecklich streitende Familie. Und aus einem staubtrockenen Anfangsverdacht - dass Shakespeare testamentarisch zwar über sein "zweitbestes Bett" verfügte, das er seiner Frau vermachte, nicht aber über sein Copyright - ist hier ein historischer Thriller geworden, der Elizabeths Regentschaft sexuell auflädt und die englische Geschichte stark skandalisiert.

Insofern jedenfalls ist "Anonymus" absolut Shakespearean. Schließlich macht der Film aus Shakespeare genau jenen Stoff, für den ihn sein Publikum zu Lebzeiten so liebte: Klatsch und Tratsch in prächtigen Gewändern.

Wenn "Anonymus" dennoch auch menschlich berührt, so liegt das an Vanessa Redgrave. Indem die grand old lady des britischen Kinos, einst Mitglied der Royal Shakespeare Company und engagierte Trotzkistin, hier als verhärmte Königin, erotisch bezauberte Greisin und noch als demente Alte aus dick aufgetragener Kinoschminke einen lebenswahren Charakter hervorbringt, adelt sie "Anonymus".

Deshalb wird man schon stutzig, wenn einem der Nachspann versichert, dass dies ein Film von Roland Emmerich sei. Wirklich von jenem Roland Emmerich, der seit "Independence Day" als Hollywoods größter Weltzerstörungsspezialist gilt? Sohn eines Mittelständlers aus der schwäbischen Stadt Sindelfingen-an-der-Schwippe? Den sie zu Hause "das Spielbergle" nennen? Schwer zu glauben. Eher wohl doch stammt "Anonymus" von einem unbekannten Filmemacher gleichen Namens.

Auf seine Enthüllung darf man gespannt sein!

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