Epos über schwule Polit-Legende Wie Milk zum Messias wurde

Harvey Milk war der erste offen homosexuelle Politiker der USA - vor 30 Jahren wurde er erschossen. Gus Van Sant hat dem schwulen Märtyrer jetzt ein filmisches Denkmal gesetzt, das perfekt zum Zeitgeist der Obama-Ära passt. Und für acht Oscars nominiert ist.

Wann dreht man schon mal den richtigen Film zur rechten Zeit? Gus Van Sant sieht zufrieden aus an diesem Morgen in seinem behaglichen Hotelzimmer mitten in Berlin. Am Vorabend hat er Klaus Wowereit die Hand geschüttelt. Der Regierende Bürgermeister von Berlin war zur Berlinale-Premiere von Van Sants Film "Milk" erschienen. "Leider hatte er nicht viel Zeit, aber er scheint ein netter Kerl zu sein", sagt der Regisseur und lächelt schüchtern.

Vielleicht wäre Wowereit gar nicht im Amt, hätte es den Mann nicht gegeben, von dem Van Sants Film handelt: Harvey Milk, der erste offen homosexuelle Politiker, der ein öffentliches Amt in den USA erlangte - und vor 30 Jahren von einem konservativen Kollegen erschossen wurde.

"Milk", so der schlichte Titel, ist für acht Oscars nominiert, unter anderem als bester Film, für das beste Drehbuch, den besten Hauptdarsteller und die beste Regie. Zwei Jahre nachdem "Brokeback Mountain", die Geschichte zweier schwuler Cowboys, beinahe zum besten Film erkoren worden wäre, ist erneut ein homosexuelles Thema Favorit für den wichtigsten Preis, den Hollywood zu vergeben hat. Und sollte "Milk" am kommenden Sonntag in der Königsdisziplin gegen "Benjamin Button" oder "Slumdog Millionaire" verlieren, könnte Van Sant immer noch den Regie-Oscar bekommen. Was er von der Oscar-Nacht erwartet? "Naja, ich schätze wir werden mindestens vier Stunden lang rumsitzen."

Gus Van Sant ist entspannt. Und warum auch nicht? In Berlin begleitet ihn der junge Drehbuchautor Dustin Lance Black, der dem 56-Jährigen offensichtlich nicht nur viel von seiner üblichen Medienscheu nimmt, sondern auch dafür verantwortlich ist, dass Harvey Milks Geschichte überhaupt zum Spielfilm wurde.

Black, 1974 geboren, sah Rob Epsteins 1984 gedrehte, vielfach preisgekrönte Dokumentation über Milks Ermordung und wollte mehr über den ungewöhnlichen Mann wissen, der vom Versicherungsvertreter zum Politiker und Bürgerrechtler und nach seinem Tod zum Märtyrer der Schwulenbewegung wurde. Er begann, sich mit ehemaligen Weggefährten Milks zu treffen, gewann deren Vertrauen und schrieb ein Drehbuch.

Über Freunde und Bekannte, aber keinesfalls zufällig, gelangte das Skript in die Hände Van Sants, der sich bereits Anfang der neunziger Jahre intensiv mit Harvey Milk beschäftigt hatte: "Damals gab es ein Drehbuch, das auf dem Buch 'The Mayor of Castro Street' von Randy Shilts basierte, und Oliver Stone wollte Regie führen". Doch der "JFK"-Regisseur sprang ab und empfahl den damals noch aufstrebenden Van Sant, der mit "My Own Private Idaho" und "Drugstore Cowboy" gerade eben anfing, in Hollywoods Independent-Szene Geld zu verdienen.

Auch Van Sant blieb nicht lange bei dem Projekt, sondern zog weiter, um kurz darauf seine größten kommerziellen Erfolge zu drehen: "Good Will Hunting" und "Finding Forrester". Ab 2000 wandte sich der seit Mitte der achtziger Jahre offen schwul lebende Regisseur allerdings wieder dem experimentellen Independent-Kino zu und drehte mit "Elephant" eine beklemmende Reflexion über das Highschool-Massaker von Columbine.

In "Last Days" rekapitulierte er - rein fiktiv - die letzten Tage des Rockmusikers Kurt Cobain vor dessen Selbstmord. In "Paranoid Park" erzählte er die Geschichte eines Teenagers, der versehentlich für den Tod eines Menschen verantwortlich wird. Der Schatten der Sterblichkeit ist ein Motiv, das sich durch viele seiner jüngsten Filme zieht. So markiert "Milk" zwar Gus Van Sants Rückkehr zum klassischen Erzählkino, dem versteckten Leitmotiv, der Chronik eines angekündigten Todes, bleibt er jedoch treu.

Denn Milks Geschichte wird aus dem Jenseits erzählt. Der reale Harvey Milk hatte Tonbänder mit Gedanken und letzten Wünschen hinterlassen, für den Fall, dass er einem Attentat zum Opfer fallen würde. Van Sants Film beginnt damit, wie Milk, gespielt von Sean Penn, diese Bänder bespricht. Erst dann rollt sich die faszinierende Geschichte des schillernden Charismatikers nach und nach auf.

Black ging es darum, "eine persönliche Herangehensweise zu finden", um Milks Geschichte nicht anhand der äußeren Umstände, sondern aus seinem Charakter heraus zu erzählen. Folglich steigt der Film in die Lebensgeschichte Milks mit einer Flirtszene zwischen dem damals noch als Vertreter beschäftigten Harvey und einem attraktiven jungen Mann (James Franco). Es sind die frühen Siebziger, und das schwule Leben ist zwar gesellschaftlich stigmatisiert, aber noch unbelastet von Aids. Nach ein paar verbalen Schlagfertigkeiten gehen die beiden Arm in Arm zusammen los, in Milks Apartment. Die nächste Szene zeigt die beiden im Bett, der Sex ist vorbei, aber die Zuneigung ist geblieben. Harvey hat Geburtstag, er wird 40 und es gibt eine kleine Torte. Der Jüngere, er heißt Scott, zieht ihn wegen seines Alters auf, dann küssen sich die beiden Männer zärtlich.

Glück in der Politik, Unglück in der Liebe

Mit dieser intimen Szene setzt Van Sant den Ton für den gesamten Film. Es ist ein buntes, lebhaftes, manchmal hektisches, oft spannendes Werk im Stil des Politkinos der Siebziger, das keinen Hehl aus seinen Sympathien macht: Milk mag am Ende sterben, doch sein Wirken als Bürgerrechtler, sein erfolgreicher Kampf für die Akzeptanz von Schwulen in der Öffentlichkeit, reicht weit über seinen Tod hinaus. Der Film zeigt mit dokumentarischer Akribie und beherzt inszenierter Fiktion, wie Milk zum Messias werden konnte.

Eine Schlüsselrolle spielt dabei Hauptdarsteller Sean Penn, der, kosmetisch zum Milk-Double verwandelt, die vielleicht beste Leistung in seiner Karriere abliefert. Der Über-Macho Penn, zumeist in kantigen, düsteren Rollen zu sehen, veränderte und lockerte seine komplette Körpersprache, um den lebensbejahenden Milk zu spielen - und trifft gleich doppelt ins Ziel: Der laut Black "beste Schauspieler, den es zurzeit gibt", lässt nicht nur das vibrierende, rastlose Charisma des Politikers aufleben, er setzt allein durch seine Rollenwahl ein wichtiges Zeichen: Wenn ein Männlichkeitssymbol wie Sean Penn einen Schwulen spielt, dann hat sich wirklich etwas getan an der Front der Geschlechterfragen.

Bald nach ihrem Kennenlernen ziehen Harvey und Scott zusammen nach San Francisco, dem Hort der Hippies und Liberalen, und siedeln sich mit einem kleinen Fotoladen in der Castro Street an, einer Gegend, die von der homosexuellen Szene frequentiert wird. Es ist die offensichtliche Schikane schwuler Geschäftsleute durch die lokale Verwaltung, die Milk dazu bringt, für die Sache der Homosexuellen einzutreten. Er entdeckt sein Talent, die Massen zu mobilisieren und wird zum Sprachrohr der Schwulen.

Schnell ersetzen schmucker Kurzhaarschnitt und eleganter Anzug die Hippie-Kluft der Haight-Ashbury-Szene; Milks Aufstieg scheint unaufhaltsam. Allerdings spart der Film auch nicht aus, wie sehr das Privatleben des aufstrebenden Polit-Missionars leidet. Die langjährige Beziehung zu Scott zerbricht, später endet auch die Affäre mit dem extrovertierten Jack (Diego Luna), als sich der labile junge Mann aus Einsamkeit erhängt.

Doch so sehr das Private zusammenbricht, desto erfolgreicher verläuft Milks Karriere: Die von konservativen Kräften ins Feld geführte Gesetzesvorlage, die es schwulen Lehrern in Kalifornien verbieten soll, Kinder zu unterrichten, kann Stadtrat Milk dank Unterstützung einer breiten Volksbewegung und dem liberal eingestellten Bürgermeister von San Francisco abschmettern.

Seine Nemesis findet er in seinem konservativen Politiker-Kollegen Dan White (Josh Brolin), der zunächst die Nähe des charmanten, mitreißenden Milk sucht, dann aber in Panik verfällt, als er feststellt, dass der Stadtrat plötzlich von Schwulen, Lesben und Schwarzen dominiert wird. Als er von seinem Amt suspendiert wird, läuft er im Rathaus Amok und erschießt zuerst Bürgermeister George Moscone, dann Harvey Milk.

Der Film suggeriert subtil, dass White mit seinen eigenen unterdrückten Neigungen zur Homosexualität nicht klarkommt und ausrastet, statt sich einzugestehen, schwul zu sein. Die Aufrechterhaltung der bürgerlichen Fassade ist alles, was für ihn zählt; der radikal liberale Milk wird zum Inbegriff all dessen, was gleichzeitig begehrens- und verdammenswert ist. Milk und White symbolisieren bei Gus Van Sant die beiden Pole der amerikanischen Gesellschaft: Hin- und hergerissen zwischen Freiheitsdrang und Moralzwang.

White kommt übrigens, diese bittere Pointe spart der Film aus, mit nur fünf Jahren Gefängnis davon: Die Verteidigung macht geltend, dass ihn seine ungesunde Fast-Food-Ernährung zur Wahnsinnstat getrieben habe.

Seit diesen dunklen Zeiten ist die Schwulenbewegung weit gekommen, das wissen auch Gus Van Sant und Dustin Lance Black. Und doch staunen beide darüber, wie aktuell ihr Porträt des schwulen Vorkämpfers gerade jetzt wieder ist. "Und zwar auf mehreren Ebenen", erklärt der Drehbuchautor, den Barack Obamas Betonung des Wortes Hoffnung im Wahlkampf zu der Theorie geführt hat, dass der damalige Präsidentschaftskandidat sich von einer berühmt gewordenen Rede Milks inspiriert haben lassen könnte. "Die Ähnlichkeiten mit Harveys Welt und unserer fielen uns eigentlich erst auf, als wir schon im Schneideraum waren. Plötzlich gab es in Kalifornien die Proposition 8 gegen die Schwulenehe, und Sarah Palin erinnerte frappierend an Anita Bryant, die konservative Sängerin, die zu Harveys Zeiten Kampagnen gegen Schwule anführte."

Und so steht "Milk", ein Film über einen Mann aus einer Minderheit, der die Massen bewegte, plötzlich im Mittelpunkt des Zeitgeists. Bis jetzt habe sich der Präsident noch nicht für die Abwehr der Gesetzesvorlage 8 vor dem Supreme Court stark gemacht, aus religiösen Gründen, wie der politisch aktive Black weiß. "Aber er hat gesagt, dass er mit seiner Haltung falsch liegen kann. Also gibt es noch Hoffnung", sagt er, und wird trotz Premierenfeier-Kater plötzlich ganz lebendig.

Gus Van Sant hingegen lächelt immer noch, aber nicht mehr ganz so schüchtern wie zu Beginn des Gesprächs. Für den Filmemacher, der sich bisher nie offen politisch geäußert hat, ist "Milk" nicht nur einer seiner besten Filme, sondern auch ein mutiges Statement.

Ob er sich künftig nicht doch noch als Aktivist betätigen will? Van Sant deutet auf seinen jungen Kompagnon: "Zumindest hat Dustin mich neulich schon dazu überredet, an einem Protestmarsch teilzunehmen", murmelt er. Black lacht: "Und es hat Dir gefallen!". "Ja", sagt Van Sant, "wer weiß, vielleicht bin ich ja auf den Geschmack gekommen."