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10. Februar 2011, 11:34 Uhr

Eröffnung der Berlinale

Randale unter der Siegessäule

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Der Kampf geht weiter: Die Berlinale, die an diesem Donnerstag eröffnet wird, präsentiert sich erneut als Politforum. Vom Apo-Drama über Paramilitär-Thriller bis zur Transgender-Hymne ist alles dabei. Wird es große Filmkunst geben? Vielleicht. Werden große Debatten geführt? Auf jeden Fall!

Die Berlinale unter Polizeischutz? Am Mittwoch, einen Tag vor der Eröffnung der 61. Filmfestspiele in Berlin, meldeten die Presseagenturen, dass die Organisatoren des Festivals eng mit den Sicherheitsbehörden der Stadt zusammenarbeiten. Man sei gegen mögliche Terrorgefahren genauso gewappnet wie gegen Störungen aus der linksautonomen Ecke. Letztere kalkuliert die Polizei ein, weil in der letzten Woche ein alternatives Wohnprojekt in Berlin-Friedrichshain geräumt wurde.

Wannen und bewaffnete Beamte vor dem Berlinale-Palast? Linke Randale? Terror? Einen bizarren Resonanzraum erhält auf diese Weise einer der vielversprechendsten Filme des Festivals: Die deutsche Produktion "Wer wenn nicht wir" mit August Diehl erzählt vom Vorabend des Bewaffneten Widerstands und beleuchtet das Verhältnis zwischen dem Schriftsteller Bernward Vesper und der späteren Terroristin Gudrun Ensslin - eine linke Liebesgeschichte.

Inszeniert wurde sie von Andres Veiel, der vor zehn Jahren mit "Black Box BRD" den wohl besten Film über das Verhältnis von RAF und westdeutschem Kapital gedreht hat. Die Doku verursachte damals reichlich Wirbel, und auch Veiels jüngstes Werk hat schon für Empörung gesorgt, obwohl es noch gar keine offizielle Vorführung gab. Ex-Weggefährten der Porträtierten kritisierten vorsichtshalber schon mal, man habe die Geschichte der Apo zur Soap verrührt. Nach der Uraufführung am nächsten Donnerstag dürfen dann auch alle anderen mitdebattieren.

Das Tolle an der Berlinale ist ja: Die Macher müssen sich nicht sonderlich anstrengen, die Politisierung ihres Programms kommt oft von ganz alleine. Mag Cannes die Stars ziehen, mag Venedig zuweilen die schillerndere Filmkunst auffahren - Berlin präsentiert dafür die Filme, die die größten gesellschaftspolitischen Schwingungen verursachen.

Wer hat den Film geklaut?

So war eigentlich der iranische Regisseur Jafar Panahi als Jurymitglied eingeladen, doch wurde der Regimekritiker unlängst von den Mullahs zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Sein Juryplatz bleibt demonstrativ leer, aus Solidarität wird in einer Sondervorstellung an prominenter Stelle im Wettbewerb sein Fußball-und-Frauen-Film "Offside" gezeigt - und zwar bezeichnenderweise am 11. Februar, dem Jahrestag der Iranischen Revolution.

Auch auf der 61. Ausgabe des Festivals, das am Donnerstagabend mit dem Western-Remake "True Grit" der Regie-Brüder Joel und Ethan Coen feierlich eröffnet wird, wird also ein politisches Fanal nach dem anderen gesetzt. Gut so.

Und manchmal muss dazu eben nicht mal viel getan werden. So gestaltet sich zum Beispiel auch die Aufführung des russischen Panaroma-Beitrags "Khodorkovsky" von ganz alleine zum brisanten Akt. Unbekannte sind vor ein paar Tagen in das Berliner Büro von Regisseur Cyril Tuschi eingebrochen und haben die Endfassung des Films über den Regimekritiker mitgehen lassen. War da etwa des Kremls langer Arm im Spiel? Solche Spekulationen können die Stimmung für Tuschis Werk nur anheizen; gezeigt wird er (mit Ersatzkopie) jetzt natürlich erst recht.

Selbst bei den starbesetzten internationalen Produktionen werden die großen gesellschaftlichen Themen verhandelt: J.C. Chandor berichtet in seinem Wall-Street-Thriller "Margin Call" mit Kevin Spacey und Demi Moore aus dem Epizentrum der Wirtschaftskrise 2008. Und Ralph Fiennes, der sanfteste aller britischen Schauspielkolosse, inszeniert sich selbst in der Titelrolle von "Coriolanus", einem Update von Shakespeares gleichnamiger Tragödie. Gedreht wurde in Serbien mit Abbildern neuester Waffentechnik, die Gefechtsszenen sollen an Bilder von Einsätzen in Irak oder Afghanistan erinnern: Shakespeare als ultramodernes Häuserkämpfdrama.

Militärisch geht es auch in dem brasilianischen Polizeithriller "Tropa de Elite 2" von José Padilha zu, der von einer Spezialeinheit in Rio de Janeiro handelt, die für Ordnung in den Favelas sorgen soll. Der Vorgänger war einer der meistdiskutierten Filme der Berlinale 2008 und gewann damals (durchaus zum Missfallen vieler Festivalbesucher) den Goldenen Bären - auch die Fortsetzung lädt nun zur Kontroverse ein. Denn angesichts der eskalierenden aktuellen Drogenkriege gegen hochgerüstete Gangs etwa in El Salvador oder Mexiko stellt sich erneut die Frage: Dürfen Militärs oder Paramilitärs eingreifen, um das Innere einer Zivilgesellschaft zu schützen?

Von der Politik über die Körperpolitik zum Playboytum

Von dem problematischen Einsatz schwer kontrollierbarer Ordnungskräfte erzählt auch "Traumfabrik Kabul", gleichwohl auf stillere Art: In der Doku geht es um eine junge Afghanin, die als Polizistin, Schauspielerin und Filmemacherin für die Rechte der Frauen in ihrem Land kämpft - und dabei immer wieder spielerisch und trickreich gegen die Männerbünde vorgehen muss.

Besonders vielversprechend sind auch diesmal die nichtfiktionalen Beiträge, die in allen Sektionen der Filmschau laufen. Gerade in den Porträts großer legendärer Persönlichkeiten zeigt sich, wie die Politik alle Bereiche des eigenen Lebens durchziehen kann - etwa in den hochgehandelten Filmbiographien über die Musiker Harry Belafonte ("Sing Your Song") oder Miriam Makeba ("Mama Africa").

Ähnlich und doch ganz anders ist das das Wirken des Musikers Genesis P. Orridge zu bewerten: Politik ist bei ihm immer definiert als Körperpolitik. Seine Utopie heißt Pansexualität, die es dem Mensch ermöglichen soll, quasi fließend sein Geschlecht zu wechseln. In "The Ballad of Genesis und Lady Jaye" wird dokumentiert, wie sich der Industrialmusiker und seine inzwischen verstorbene Lebensgefährtin Lady Jaye einander über operative Eingriffe in Aussehen und geschlechtlicher Erscheinung anzunähern versuchten. Ein bewegendes Transgender-Manifest.

Wem das alles politisch zu aufgeladen ist, der kann sich ja die wunderbare Dokumentation "The Big Eden" anschauen, ein adäquat aufgekratztes Filmchen über den Diskothekenbesitzer, Frauenaufreißer und Immobilien-Hallodri Rolf Eden. Doch halt - selbst hier eröffnen sich auf einmal interessante historische Dimensionen: Denn der Otto-Normal-RTL-2-Gucker, der den Mann aus unterschiedlichen Promi-Formaten kennt und schätzt, weiß ja nicht wirklich, dass der einst mit seinen jüdischen Eltern vor den Nazis nach Palästina geflohen war.

Ein Aspekt übrigens, der einen ganz unerwartet wieder zu Bernward Vesper und Gudrun Ensslin aus "Wer wenn nicht wir" führt: Denn während die vor allem aus Scham über die Elterngeneration und deren Nazi-Verbrechen in den Widerstand gingen, zog der Jude Rolf Eden eine ganz eigene Lehre aus dem überlebten Holocaust: Hau auf den Putz, solange du kannst!

Verflixte Berlinale: Die große Politik und die gesellschaftliche Mission machen auf diesem Filmfestival nicht mal vor dem genusssüchtigsten aller Playboys halt.

SPIEGEL ONLINE berichtet ab heute täglich in einem Blog von der 61. Berlinale. Zusätzlich wird es Rezensionen zu wichtigen Filmen, Interviews und Hintergrundberichte geben.

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