Eröffnung der Berlinale Randale unter der Siegessäule

Der Kampf geht weiter: Die Berlinale, die an diesem Donnerstag eröffnet wird, präsentiert sich erneut als Politforum. Vom Apo-Drama über Paramilitär-Thriller bis zur Transgender-Hymne ist alles dabei. Wird es große Filmkunst geben? Vielleicht. Werden große Debatten geführt? Auf jeden Fall!

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Die Berlinale unter Polizeischutz? Am Mittwoch, einen Tag vor der Eröffnung der 61. Filmfestspiele in Berlin, meldeten die Presseagenturen, dass die Organisatoren des Festivals eng mit den Sicherheitsbehörden der Stadt zusammenarbeiten. Man sei gegen mögliche Terrorgefahren genauso gewappnet wie gegen Störungen aus der linksautonomen Ecke. Letztere kalkuliert die Polizei ein, weil in der letzten Woche ein alternatives Wohnprojekt in Berlin-Friedrichshain geräumt wurde.

Wannen und bewaffnete Beamte vor dem Berlinale-Palast? Linke Randale? Terror? Einen bizarren Resonanzraum erhält auf diese Weise einer der vielversprechendsten Filme des Festivals: Die deutsche Produktion "Wer wenn nicht wir" mit August Diehl erzählt vom Vorabend des Bewaffneten Widerstands und beleuchtet das Verhältnis zwischen dem Schriftsteller Bernward Vesper und der späteren Terroristin Gudrun Ensslin - eine linke Liebesgeschichte.

Inszeniert wurde sie von Andres Veiel, der vor zehn Jahren mit "Black Box BRD" den wohl besten Film über das Verhältnis von RAF und westdeutschem Kapital gedreht hat. Die Doku verursachte damals reichlich Wirbel, und auch Veiels jüngstes Werk hat schon für Empörung gesorgt, obwohl es noch gar keine offizielle Vorführung gab. Ex-Weggefährten der Porträtierten kritisierten vorsichtshalber schon mal, man habe die Geschichte der Apo zur Soap verrührt. Nach der Uraufführung am nächsten Donnerstag dürfen dann auch alle anderen mitdebattieren.

Das Tolle an der Berlinale ist ja: Die Macher müssen sich nicht sonderlich anstrengen, die Politisierung ihres Programms kommt oft von ganz alleine. Mag Cannes die Stars ziehen, mag Venedig zuweilen die schillerndere Filmkunst auffahren - Berlin präsentiert dafür die Filme, die die größten gesellschaftspolitischen Schwingungen verursachen.

Wer hat den Film geklaut?

So war eigentlich der iranische Regisseur Jafar Panahi als Jurymitglied eingeladen, doch wurde der Regimekritiker unlängst von den Mullahs zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Sein Juryplatz bleibt demonstrativ leer, aus Solidarität wird in einer Sondervorstellung an prominenter Stelle im Wettbewerb sein Fußball-und-Frauen-Film "Offside" gezeigt - und zwar bezeichnenderweise am 11. Februar, dem Jahrestag der Iranischen Revolution.

Auch auf der 61. Ausgabe des Festivals, das am Donnerstagabend mit dem Western-Remake "True Grit" der Regie-Brüder Joel und Ethan Coen feierlich eröffnet wird, wird also ein politisches Fanal nach dem anderen gesetzt. Gut so.

Und manchmal muss dazu eben nicht mal viel getan werden. So gestaltet sich zum Beispiel auch die Aufführung des russischen Panaroma-Beitrags "Khodorkovsky" von ganz alleine zum brisanten Akt. Unbekannte sind vor ein paar Tagen in das Berliner Büro von Regisseur Cyril Tuschi eingebrochen und haben die Endfassung des Films über den Regimekritiker mitgehen lassen. War da etwa des Kremls langer Arm im Spiel? Solche Spekulationen können die Stimmung für Tuschis Werk nur anheizen; gezeigt wird er (mit Ersatzkopie) jetzt natürlich erst recht.

Selbst bei den starbesetzten internationalen Produktionen werden die großen gesellschaftlichen Themen verhandelt: J.C. Chandor berichtet in seinem Wall-Street-Thriller "Margin Call" mit Kevin Spacey und Demi Moore aus dem Epizentrum der Wirtschaftskrise 2008. Und Ralph Fiennes, der sanfteste aller britischen Schauspielkolosse, inszeniert sich selbst in der Titelrolle von "Coriolanus", einem Update von Shakespeares gleichnamiger Tragödie. Gedreht wurde in Serbien mit Abbildern neuester Waffentechnik, die Gefechtsszenen sollen an Bilder von Einsätzen in Irak oder Afghanistan erinnern: Shakespeare als ultramodernes Häuserkämpfdrama.

Militärisch geht es auch in dem brasilianischen Polizeithriller "Tropa de Elite 2" von José Padilha zu, der von einer Spezialeinheit in Rio de Janeiro handelt, die für Ordnung in den Favelas sorgen soll. Der Vorgänger war einer der meistdiskutierten Filme der Berlinale 2008 und gewann damals (durchaus zum Missfallen vieler Festivalbesucher) den Goldenen Bären - auch die Fortsetzung lädt nun zur Kontroverse ein. Denn angesichts der eskalierenden aktuellen Drogenkriege gegen hochgerüstete Gangs etwa in El Salvador oder Mexiko stellt sich erneut die Frage: Dürfen Militärs oder Paramilitärs eingreifen, um das Innere einer Zivilgesellschaft zu schützen?

Von der Politik über die Körperpolitik zum Playboytum

Von dem problematischen Einsatz schwer kontrollierbarer Ordnungskräfte erzählt auch "Traumfabrik Kabul", gleichwohl auf stillere Art: In der Doku geht es um eine junge Afghanin, die als Polizistin, Schauspielerin und Filmemacherin für die Rechte der Frauen in ihrem Land kämpft - und dabei immer wieder spielerisch und trickreich gegen die Männerbünde vorgehen muss.

Besonders vielversprechend sind auch diesmal die nichtfiktionalen Beiträge, die in allen Sektionen der Filmschau laufen. Gerade in den Porträts großer legendärer Persönlichkeiten zeigt sich, wie die Politik alle Bereiche des eigenen Lebens durchziehen kann - etwa in den hochgehandelten Filmbiographien über die Musiker Harry Belafonte ("Sing Your Song") oder Miriam Makeba ("Mama Africa").

Ähnlich und doch ganz anders ist das das Wirken des Musikers Genesis P. Orridge zu bewerten: Politik ist bei ihm immer definiert als Körperpolitik. Seine Utopie heißt Pansexualität, die es dem Mensch ermöglichen soll, quasi fließend sein Geschlecht zu wechseln. In "The Ballad of Genesis und Lady Jaye" wird dokumentiert, wie sich der Industrialmusiker und seine inzwischen verstorbene Lebensgefährtin Lady Jaye einander über operative Eingriffe in Aussehen und geschlechtlicher Erscheinung anzunähern versuchten. Ein bewegendes Transgender-Manifest.

Wem das alles politisch zu aufgeladen ist, der kann sich ja die wunderbare Dokumentation "The Big Eden" anschauen, ein adäquat aufgekratztes Filmchen über den Diskothekenbesitzer, Frauenaufreißer und Immobilien-Hallodri Rolf Eden. Doch halt - selbst hier eröffnen sich auf einmal interessante historische Dimensionen: Denn der Otto-Normal-RTL-2-Gucker, der den Mann aus unterschiedlichen Promi-Formaten kennt und schätzt, weiß ja nicht wirklich, dass der einst mit seinen jüdischen Eltern vor den Nazis nach Palästina geflohen war.

Ein Aspekt übrigens, der einen ganz unerwartet wieder zu Bernward Vesper und Gudrun Ensslin aus "Wer wenn nicht wir" führt: Denn während die vor allem aus Scham über die Elterngeneration und deren Nazi-Verbrechen in den Widerstand gingen, zog der Jude Rolf Eden eine ganz eigene Lehre aus dem überlebten Holocaust: Hau auf den Putz, solange du kannst!

Verflixte Berlinale: Die große Politik und die gesellschaftliche Mission machen auf diesem Filmfestival nicht mal vor dem genusssüchtigsten aller Playboys halt.

SPIEGEL ONLINE berichtet ab heute täglich in einem Blog von der 61. Berlinale. Zusätzlich wird es Rezensionen zu wichtigen Filmen, Interviews und Hintergrundberichte geben.



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dextermorgan 10.02.2011
1. Großes "B" an der Spree!
Das Panorama überzeugt dieses Jahr leider nur mit seinen Dokumentarfilmen. Meine Favoriten hier sind: -"How Are You" Doku über die Künstler Michael Elmgreen und Ingar Dragset -"Khodorkovsky" über den ehemaligen Öl-Oligarchen und Putin Gegner Chodorkowski -"Mondo Lux- Die Bilderwelten des Werner Schroeter" Das Beste, wie auch in den letzten Jahren ist die Berlinale Sektion "Generation". Mit ihrer großartigen Auswahl an "kplus"- und "14plus"-Filmen bildet sie immer den Lichtstreif an dem Festivalhorizont der Berlinale. Alle guten Filme hier zu nennen, würde den Rahmen sprengen. Hier nur ein paar Goodies: -"Red Dog" aus Australien (14plus) -"The Dynamiter" aus den USA(14plus) -"West is West"aus UK (14plus) -"On the Ice", Coming of Age Drama aus Alaska (14plus) -"Jorgen +Anne=Sant"(kplus) -"De sterkste Man van Nederland" (kplus) -"Mabul", Jugend-Autisten-Drama aus Israel(kplus) -" Knerten Gifter Seg" (kplus) Den absoluten Tiefpunkt dieser Sektion markiert, wen wundert's, der Deutsche" Bauer sucht Mann"- Beitrag "Stadt, Land, Fluss"! Nicht nur für die alten Cineasten unter uns sondern auch für die jungen Cineasten die wirkliche Filmkunst neu entdecken wollen bietet die Retrospektive, die diesmal Ingmar Bergmann gewidmet ist, den einen oder anderen Leckerbissen. Unbedingt mal wieder auf der großen Leinwand sehen: -"The Seventh Seal" ."Wild Strawberries" Da der erste Goldene Bär schon feststeht, er geht dieses Jahr an den grade 80 Jahre gewordenen Schauspieler Armin Müller Stahl, wird dieser auch mit einer Hommage geehrt. Dort kann man dann nochmal so schöne Filme sehen wie "SHINE", Costa-Gavras "Music Box" und Berry Levinsons "AVALON", Jim Jarmuschs "Night on Earth und als besonderer Leckerbissen der Film Lola von Rainer Werner Fassbinder!
dextermorgan 10.02.2011
2. Großes "B" an der Spree!(1)
Nun ist es wieder soweit! Alle Jahre wieder putzt sich Berlin zu dem Filmereignis in Deutschland heraus. Seit Anfang Februar sind am Potsdamer Platz die neuen einfallslosen Plakate der diesjährigen 61. Berlinale zu sehen, die sich wie ein "Testbild bis zum 20.02. in die Gehirne der Passanten einbrennen werden. Für die einen ist es die stilisierte japanische Kriegsflagge, vielleicht wenn man solche in Plakat lange genug anschaut tut sich ein "3D".Logo auf(??) oder ist es, wenn man sie mit einer Spezialbrille betrachtet ein Träger einer unterschwelligen Botschaft?! Zu mindestens ist das Plakat genauso Einfallslos wie der diesjährige Wettbewerb! Am Allerschlimmsten ist allerdings, dass wieder das ewig grienend-tatschende Honigkuchenpferd des deutschen roten Festivalteppichs sein dilettantisches Unwesen treibt: Herr Dieter Kosslick. Auch dieses Jahr wird er in seinem speziellen "Kosslick-English(ähnlich dem Oettinger-English) als Gastgeber "seine" Gäste bis in die Intimsphäre betatschen! Wäre er nicht der Festival-Chef könnte man ihn durchaus für einen Stalker halten! Nach dem letztjährigen Geburtstagsfilmfest, wo im Wettbewerb auch schon nicht die besten Filme des Festivals liefen, bestätigt sich mal wieder die Filmunkenntnis des Herrn Kosslick. Eröffnet wird die diesjährige Berlinale mit der Neuadaption des Romans durch die "Coen-Brüder" "The True Grit" von Charles Portis, dessen Roman den älteren Kinogängern noch unter dem Titel "Der Marshall" mit John Wayne bekannt sein dürfte. Zugegeben hierbei handelt es sich um eine hochgradige Besetzung wie Jeff "DUDE" Bridges, Matt Damon und Josh Brolin. Der Film an sich ist handwerklich gut gemacht und gemessen an den Detaileversessennen "Coen Brüdern" wie immer atmosphärisch dicht und schörkellos. Man merkt sofort, dass sich die Regisseure Den Film "Der Marshal" sehr genau angesehen haben und auswendig kennen. Also durchaus zu empfehlen! Weitere Filme, die zu sehen sich im Wettbewerb lohnt sind: Der "Finanz-Crash –Krimi" "Margin Call" mit Kevin Spacey, Jeremy Irons und Demi Moore. "Coriolanus" Shakespeare-Adaption von und mit Ralph Fiennes, Gerard Butler und Venessa Redgrave. Der Bela Tarr "The Turin Horse" Die deutschen Filme, wenn es diese heutzutage mit als Ko-produktionen eigentlich noch gibt, laufen mehrheitlich, wie die Filme der ewigen Dokumentarfilmer Herzog("Cave of Forgotten Dreams") und Wenders ("Pina" in 3D) außer Konkurrenz. Ansonsten sollte man sich für die "Berlinale Specials" auch etwas Zeit nehmen. Hier warten die Filme "The Kings Speech", mit Colin Firth, Geoffrey Rush, Helena Bonham Carter und 12 Oscar-Nominierungen, "Toast", Mit Helena Bonham Carter und Kenn Scott, und als Cineastischer Leckerbissen "Taxi Driver" mit Robert De Niro und Jodie Foster auf das Kinopublikum. Dieses Jahr kommen auch wieder die Kinogänger auf ihre Kosten, die Erstlingsfilme, Experimentalfilme und das Kino der Welt wieder entdecken wollen. Das Forum und das Panorama bieten hier wieder ein reichhaltiges Füllhorn an Filmen an, die zu gut für den Wettbewerb waren. Für das Forum empfehle ich: -"Heaven's Story" , japanischer 4 ½ Stünder!! -"Folge mir", ein schwarzhumoriger Film aus Österreich -"Patang(The Kite)" aus Indien -"Amnistia(Amnesty") aus Albanien - "Viva Riva" aus dem Kongo! Für Leute die es Experimental Kino lieben, den seien die Filme des sog. "Forums Expended" ans Herz gelegt.
systemfeind 10.02.2011
3. "Eisbär" fake remake als intro song
Zitat von sysopDer Kampf geht weiter: Die Berlinale 2011 präsentiert sich erneut als Politforum. Vom Apo-Drama über Paramilitär-Thriller bis zur Transgender-Hymne ist alles dabei. Wird es große Filmkunst geben? Bleibt trotz sinkender Zuschauerzahlen in Deutschland dem Kino die Krise erspart?
http://www.youtube.com/watch?v=cTuTc_liKS4 zu dumm , es gibt Internet ; die mäßig begabte Musikgruppe zu Beginn der Dummenshow hat doch tatsächlich ein völlig versautes remake von "Eisbär" vorgedudelt . Fremdschäm .
toskana2 10.02.2011
4. große Filmkunst?!
Zitat von sysopDer Kampf geht weiter: Die Berlinale 2011 präsentiert sich erneut als Politforum. Vom Apo-Drama über Paramilitär-Thriller bis zur Transgender-Hymne ist alles dabei. Wird es große Filmkunst geben? Bleibt trotz sinkender Zuschauerzahlen in Deutschland dem Kino die Krise erspart?
"True Grit" als "große Filmkunst"?! Eher ne Käsenummer!
Stefan Herrmann, 11.02.2011
5. Bevor sich wegen der Berlinale wieder alle überschlagen -
eine kleine Ergänzung: "Die Internationalen Filmfestspiele Berlin sind seit 2001 Teil der "Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH". Sie werden in diesem Jahr mit 6,5 Millionen Euro aus dem Haushalt des Kulturstaatsministers gefördert. Mit 250.000 Euro unterstützt der Kulturstaatsminister außerdem in diesem Jahr den Berlinale Talent Campus. Zusätzliche Mittel in Höhe von 300.000 Euro durch die Kulturstiftung des Bundes gibt es auch für den World Cinema Fund." Es wird ja nur zu gerne unterschlagen, was das Sektglasschwenken der C-Promis den Steuerzahler kostet... Und nun feiert euch weiter!
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