Eröffnung Filmfest Hamburg Bisschen sticheln, herzlich lachen

Beim gestrigen Start des Hamburger Filmfests wurde das aktuelle Filmförderungsdilemma der Hanseaten dezent bekrittelt, die Musikkomödie "Oh Happy Day" herzlich belacht. Ein gelungener Auftakt zwischen Klagelied und Gospelspaß.


"Oh Happy Day"-Regisseurin Hella Joof (l.) mit Hauptdarstellern Lotte Andersen und Rick Astley: Solides Entertainment
DPA

"Oh Happy Day"-Regisseurin Hella Joof (l.) mit Hauptdarstellern Lotte Andersen und Rick Astley: Solides Entertainment

So sind sie nun mal, die Hamburger: Hanseatisch zurückhaltend selbst in der größten Krise. Zögerlicher Beifall, der allenfalls als Höflichkeitsapplaus gewertet werden konnte - das musste schon reichen als Protest gegen Kultursenatorin Karin von Welck, als die gestern Abend das 12. Filmfest Hamburg feierlich eröffnete.

Jene Senatorin und Novizin in der Hamburger Landespolitik, die der Filmförderung der Hansestadt gerade erst millionenschwere Kürzungen des CDU-Landesregierung verordnet und so dem Standort Hamburg in der Filmwirtschaft einen Bärendienst erwiesen hatte - erst recht in Konkurrenz zu Berlin oder München. Und die von Filmschaffenden wie Star-Regisseur Fatih Akin oder Schauspieler Peter Lohmeyer dafür zuletzt öffentlich barsch gerüffelt worden war.

Hamburger Kultursenatorin Karin von Welck: "Ich sehe gern gute Filme, obwohl mir das keiner glaubt"
DDP

Hamburger Kultursenatorin Karin von Welck: "Ich sehe gern gute Filme, obwohl mir das keiner glaubt"

Bei der Eröffnungsgala hielten sich alle erkennbar zurück. Der Berlinale-Sieger und Hamburger Filmemacher Akin, der durch die Eröffnungsfeier führte, stichelte noch ein bisschen. Und auch Filmfest-Chef Albert Wiederspiel mochte sich eine süffisante Anspielung mit Hilfe Bernard Shaws nicht verkneifen, der einmal einem Theaterintendanten zufgerufen haben soll: "Wir werden uns nie verstehen. Sie reden dauernd von Kunst und ich rede dauernd von Geld". Die sichtlich nervöse und gehemmte Senatorin erntete bei ihrem Bekenntnis, "gern gute Filme" zu sehen, "obwohl mir das keiner glaubt", lediglich ein wenig Geraune im Publikum.

Umso ungetrübter und frei von Zwischentönen dann der Auftaktbeitrag aus Dänemark: "Oh Happy Day" von Hella Joof. Das tragisch komische Stück um einen schwarzen Gospelchor, der erst in der dänischen Provinz strandet und dann seinen Chorleiter und Prediger Moses Jackson an den örtlichen, gerade mal eine Handvoll Mitglieder großen Singkreis der Dorfkirche verliert, ist schön beobachtetes und unterhaltsam in Szene gesetzes Kino. Kein Dogma-Film, aber gute dänische Ware halt, wie man sie seit Jahren kennt.

Berlinale-Gewinner Fatih Akin: Bisschen sticheln
AP

Berlinale-Gewinner Fatih Akin: Bisschen sticheln

Im Mittelpunkt steht die introvertierte und unglücklich verheiratete Mutter Hannah (gespielt von der herrlichen Lotte Andersen), die mit 18 eine aussichtsreiche Gesangskarriere in Kopenhagen aufgab, um stattdessen dem Elternwunsch zu entsprechen und daheim lieber eine Familie zu gründen.

Mit Hilfe des unerwarteten amerikanischen Gastes, für viele auf dem platten dänischen Land nur der "Neger", kommt nun der Mutter die Erleuchtung, und zwar in jeder Beziehung. Anspielungsreich wirkt dies besonders vor der aktuellen politischen Debatte in Dänemark, in der es die rechtspopulistische Dänische Volkspartei mit ausländerfeindlichen und rassistischen Parolen bis zum Steigbügelhalter der Mitte-Rechts-Minderheitsregierung gebracht hat.

Mit charmantem Wortwitz, herrlich platten und manchmal fast schon kitschigen Referenzen zur unberührten dänischen (wie deutschen) Landkultur sowie, natürlich, schönen Gospelsongs lieferte der Film gute Unterhaltung und einen gelungen Auftakt für das Filmfest. Das zeigt, bis zum 30. September, rund 120 Filme, darunter in einer neuen Reihe "Vitrina" Produktionen aus dem spanisch- und portugiesischsprachigen Raum. Zu den Höhepunkten gehört die deutsche Erstaufführung von Wim Winders "Land of Plenty" über den Gemütszustand der USA vor der Präsidentenwahl.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.