Horrorfilm "Es Kapitel 2" Länger, blutiger - besser

Der erste Teil von "Es" war von einer nostalgischen Achtziger-Sicht geprägt, "Kapitel 2" punktet nun mit blutiger Gegenwartsanalyse: Die größten Horrorclowns stammen halt doch aus der Mitte der Gesellschaft.

Warner Bros.

27 Jahre nach dem zwischenzeitlichen Triumph über "Es" muss der "Losers' Club" in der Stadt Derry erneut gegen das absolut Böse antreten. Dieses sucht die nun erwachsene Außenseiterbande in vielerlei grotesker Gestalt heim, bevorzugt aber als der perfide Clown Pennywise (erneut formidabel verkörpert von Bill Skarsgård).

Wie beim Vorläufer, dem bislang kommerziell erfolgreichsten Horrorfilm aller Zeiten, inszeniert Regisseur Andy Muschietti die eskalierende Konfrontation mit dem Bösen in opulenten Bildern. Doch der wohlige Retro-Grusel von Kapitel eins, das nicht selten an "Stranger Things" erinnerte, ist fast gänzlich verschwunden. Die herausragende jugendliche Besetzung des Verliererklubs ist zwar in entscheidenden Rückblicken auch in Kapitel zwei dabei. Doch diesmal müssen sich vor allem die erwachsenen Stars - darunter James McAvoy und Jessica Chastain - erstmals in den Rollen behaupten.

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"Es Kapitel 2": Die Jagd geht weiter

Ohne Retro-Puffer rücken nun die Horrorattacken nicht nur zeitlich näher heran, sie wirken der Hochglanzästhetik zum Trotz auch unmittelbarer und in ihrer Konsequenz brutaler. So hat beim Auftakt des zweiten Kapitels der frankokanadische Regisseur Xavier Dolan einen kurzen, aber eindringlichen Gastauftritt, und was seiner Figur widerfährt, setzt gleich ein blutiges Ausrufezeichen: "Es" mag zwar ein übernatürliches Wesen sein, aber die hier gezeigte Gewalt erschüttert, weil sie in unserer menschengemachten Realität gründet.

Es ist eine der konstanten Qualitäten Stephen Kings (der ebenfalls einen Auftritt im Film hat), als Autor den Blick seiner Leserschaft durch das Prisma metaphysischen Horrors auf oftmals viel erschreckendere Verwerfungen in der außerliterarischen Welt zu lenken. Diese Eigenschaft sowie ihre eindeutige moralische Haltung machen Kings beste Romane zu gleichsam packenden wie tröstlichen Anleitungen zur Herzensbildung in Zeiten der Krise. Wohl nicht zuletzt deshalb gibt es derzeit eine wahre King-Renaissance.


"Es Kapitel 2"
Kanada/ USA 2019

Regie: Andy Muschietti
Drehbuch: Gary Dauberman, basierend auf dem Buch "Es" von Stephen King
Darsteller: Jessica Chastain, James McAvoy, Bill Hader, Isaiah Mustafa, Jay Ryan, Bill Skarsgård
Produktion: New Line Cinema et al.
Verleih: Warner Bros.
Länge: 169 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 5. September 2019


So wird In Kings Werk immer wieder aufs Neue ein amerikanisches Idyll - das bei ihm verlässlich in Maine liegt - durch Demagogie, Intoleranz und Bigotterie korrumpiert. Das aktuelle politische Klima in den USA verleiht diesen alten Fiktionen plötzlich neue Dringlichkeit. Steht der Schauplatz Derry in "Es" nicht für ein prototypisches Main-Street-Amerika und könnte genauso gut Charlottesville heißen? Erinnern die signalroten "I love Derry"-Ballons von Pennywise nicht willkürlich an die MAGA-Baseballkappen aus dem Wahlkampf Donald Trumps, der obendrein seine Gegner bevorzugt als Loser bezeichnet?

Überhaupt scheint die Trennschärfe zwischen Kings Erzählung vom manipulativen Horrorharlekin und Berichten über globale Machtverhältnisse zunehmend zu schwinden - etwa wenn der Kolumnist George Monbiot jüngst im "Guardian" die neue Riege exhibitionistischer Ultrarechtspolitiker von Trump über Boris Johnson bis zu Jair Bolsanoro als "Killer-Clowns" charakterisiert. Als an Metaphern reicher Horror begünstigt die Verfilmung von "Es" jedenfalls bereitwillig derartige Verweise auf das tagespolitische Geschehen.

Preisabfragezeitpunkt:
02.09.2019, 12:54 Uhr
Ohne Gewähr

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Stephen King
Es: Roman

Verlag:
Heyne Verlag
Seiten:
1536
Preis:
EUR 14,99
Übersetzt von:
Alexandra von Reinhardt, Joachim Körber

Im Buch wie im Film zieht Kings bleicher Totmacher Pennywise seine Mordsenergie aus der Furcht der Menschen und ihrer Ignoranz. Vor heutigem Hintergrund wird Pennywise damit zum personifizierten, ultimativen hate crime, zur überlebensgroßen Projektion realer Grauen wie Rassismus, Sexismus und Homophobie.

Im Video: Der Trailer zu "Es Kapitel 2"

Warner Bros.

Angst essen also immer noch Seele auf (und fressen hier zudem kleine Kinder), doch zumindest im Kino können vermeintliche Loser dieser Angst ihre Vielfalt, Solidarität und Liebe entgegensetzen.

An dieser Lektion lässt die letztlich gelungene Leinwandadaption keinen Zweifel: "Es" ist das Monster aus der Mitte einer entmenschlichten Gesellschaft. Und kann nur vereint gebannt werden.



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
rahelrubin 03.09.2019
1. Hmm
Ich bin da doch etwas sehr skeptisch. Teil 1, auf den ich mich sehr gefreut hatte, habe ich jetzt schon 2 x angefangen, habe dann aber völlig gelangweilt so etwa in der Mitte ausgeschaltet. Zusammenhanglos werden "gruselige" Szenen abgespult. Das, was das Buch ausmacht - es ist im Wesentlichen eine Geschichte über Freundschaft und Liebe - fehlt völlig. Der Film hat auch so gar nichts Gruseliges, völlig glatt und nichtssagend. Es fällt mir schwer zu glauben, dass Teil 2 jetzt ganz toll sein soll. Ich werde mir den in paar Monaten als Stream kaufen. Und ich fürchte, ich werde wieder einschlafen dabei und/oder abbrechen
Emderfriese 03.09.2019
2. Alt
Zitat von rahelrubinIch bin da doch etwas sehr skeptisch. Teil 1, auf den ich mich sehr gefreut hatte, habe ich jetzt schon 2 x angefangen, habe dann aber völlig gelangweilt so etwa in der Mitte ausgeschaltet. Zusammenhanglos werden "gruselige" Szenen abgespult. Das, was das Buch ausmacht - es ist im Wesentlichen eine Geschichte über Freundschaft und Liebe - fehlt völlig. Der Film hat auch so gar nichts Gruseliges, völlig glatt und nichtssagend. Es fällt mir schwer zu glauben, dass Teil 2 jetzt ganz toll sein soll. Ich werde mir den in paar Monaten als Stream kaufen. Und ich fürchte, ich werde wieder einschlafen dabei und/oder abbrechen
Ging mir ganz ähnlich. Ich habe dann aber das alte "Original" rausgesucht und mit viel Vergnügen (oder Grusel) noch einmal angesehen. Beim zweiten "Neuen" mach ich es wohl besser gleich so...
funkhero 03.09.2019
3. @rahelrubin
Da kann ich mich aber mal so gar nicht anschließen. Es ist mit Abstand der beste Horrorfilm den ich je gesehen habe. Da er eben nicht unbedingt als Nische, sondern als Blockbuster inszeniert wurde. True To the Original - nicht ganz, aber ganz großes Kino auf jeden Fall. Und besser auf nem guten Fernseher in ner guten Qualität gucken, auf Laptop oder Tablet funktioniert der natürlich nicht.
Little_Nemo 03.09.2019
4. Nur gemeinsam können wir ES besiegen
Zitat von rahelrubinIch bin da doch etwas sehr skeptisch. Teil 1, auf den ich mich sehr gefreut hatte, habe ich jetzt schon 2 x angefangen, habe dann aber völlig gelangweilt so etwa in der Mitte ausgeschaltet. Zusammenhanglos werden "gruselige" Szenen abgespult. Das, was das Buch ausmacht - es ist im Wesentlichen eine Geschichte über Freundschaft und Liebe - fehlt völlig. Der Film hat auch so gar nichts Gruseliges, völlig glatt und nichtssagend. Es fällt mir schwer zu glauben, dass Teil 2 jetzt ganz toll sein soll. Ich werde mir den in paar Monaten als Stream kaufen. Und ich fürchte, ich werde wieder einschlafen dabei und/oder abbrechen
So ähnlich empfand ich das auch, nachdem ich ihn das erste Mal gesehen hatte. Beim zweiten Ansehen hat er dann überraschenderweise aber doch ein bisschen gezündet. Ein abschließendes Urteil erlaube ich mir dann nach dem dritten Ansehen, das noch aussteht. Bei Romanverfilmungen ist ja meistens das Problem, dass man sich beim Lesen ganz eigene Bilder im Kopf gemacht hat, was sehr individuell ist, die Verfilmungen natürlich nicht immer für jeden 1:1 bieten können. Und diese Verfilmung von "ES" erlaubte sich halt auch einige krasse Abweichungen vom Roman, die man erstmal schlucken musste. Die Übertragung der Handlung in unsere heutige Zeit funktioniert z.B. meines Erachtens nicht wirklich gut. Ich fand damals die TV-Verfilmung mit Richard Thomas, Annette O'Toole, John Ritter u.a. sehr gelungen. Habe ich mir irgendwann sogar auf DVD zugelegt. Mit Tim Curry als echt gruseligem Pennywise, der kaum zu toppen ist. Die Sequenzen mit ihm sind überraschend genial gefilmt. Die Verfilmung ist insgesamt auch relativ nahe am Buch. Mittlerweile kommt mir allerdings einiges ziemlich misslungen vor, was zum einen sicher am Budget lag, zum anderen aber auch an der für die damalige Zeit TV-typischen Behäbigkeit und dem allzu penetranten Breittreten dieser sozialpädagogischen Rituale, die im Buch nicht ganz so nervig rüberkommen, aber sowieso immer nahe an der Albernheit segeln. King ist da ja sichtlich geprägt durch seinen eigentlichen Beruf: Lehrer. Vor allem wirkte aber der Schluss der Story, der im Buch geradezu kosmische Ausmaße hat, in dieser TV-Verfilmung völlig lächerlich. Bin mal gespannt wie das in der Neuverfilmung gelöst wird. Mit der heutigen Tricktechnik sollte da einiges mehr möglich sein. Die Bezüge zu den politischen Ereignissen unserer Zeit sind mir in letzter Zeit übrigens auch immer wieder aufgefallen. Es ist wirklich verblüffend. Da ist Meister King schon vor langer Zeit ein wirklich kluges Buch gelungen.
Humanfaktor 03.09.2019
5. Langweilig und viel zu lang
Ein recht überflüssiger und viel zu sehr in die Länge gezogener Neuaufguss. Mir ging es ähnlich wie den ersten beiden Kommentatoren. Angefangen und in freudiger Erwartung durchaus positiv gestimmt, dann abgebrochen, weil auf ganzer Linie gelangweilt. Die Grafiken und Tricks sind nett, aber Tricks und mit Computern designete Grafiken sind halt nicht alles. Die Geschichte wirkt zerfleddert, zäh erzählt und es ist halt nichts wirklich Neues dabei, sondern eine unnötig ausgewalzte, wenn auch optisch aufgepeppte Kopie der Vorlage. Dafür ist mir die Zeit zu schade, die für die viel zu lange Laufzeit abverlangt wird. Den zweiten Teil werde ich mir daher vermutlich gleich ganz schenken. Es gibt deutlich bessere und interessantere Filme und Serien, die in freier Zeit entspannt genossen werden können. Für alle, die das Original nicht kennen, dürfte das aber anders sein, da ist der Neuaufguss ja der Erste und nicht der Zweite.
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