Psychothriller "Exil" Ist das noch Mobbing oder schon Rassismus?

Der einzige Migrant auf der Arbeit, und dann plötzlich eine Ratte im Vorgarten: Fremdenhass oder Paranoia? Visar Morinas Kinothriller "Exil" brilliert als deutsches Einwanderer-Psychogramm.
Misel Maticevic als Chemieingenieur Xhafer: Allein auf der Arbeit

Misel Maticevic als Chemieingenieur Xhafer: Allein auf der Arbeit

Foto: Alamode

Vorstadt. Einfamilienhaus. Gepflegter Garten. Zaun. Aber dann hängt da eine tote Ratte. So angebunden, dass sie niemand übersehen kann. Schon gar nicht der Besitzer des Einfamilienhauses Xhafer (Misel Maticevic), ein Chemieingenieur, der sich vor nichts mehr ekelt als vor Ratten. Seine Kollegen wissen das. Er hat ausdrücklich darum gebeten, keine Experimente an Ratten durchführen zu müssen.

Also muss es jemand von der Arbeit gewesen sein, der den Kadaver vor seinem Haus angebracht hat. Keine schöne Tatsache, aber immerhin eine Tatsache. Denn alles, was Xhafer nach dem Fund der Ratte erleben wird, wird sich nicht mehr so einfach als Tatsache beschreiben lassen; es wird dumme, gedankenlose Nachlässigkeit ebenso gewesen sein können wie Mobbing. Oder sogar rassistische Gewalt? Schließlich stammt Xhafer aus dem Kosovo und ist damit der einzige in seinem Kollegenkreis, der einen sogenannten Migrationshintergrund hat.

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"Exil"

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"Exil" hat der Kölner Autor und Regisseur Visar Morina seinen zweiten, überaus sehenswerten Langspielfilm genannt. Vor fünf Jahren sorgte der gebürtige Kosovare bereits mit seinem Debüt "Babai" für Aufsehen. Ein Vater versucht darin, sich vom Kosovo aus nach Deutschland durchzuschlagen, allerdings ohne seinen zehnjährigen Sohn. Doch der will nicht einfach so sitzengelassen werden und folgt seinem Vater wie ein kleiner, wütender Racheengel über den Balkan bis in eine deutsche Flüchtlingsunterkunft.

Auch in "Exil" erzählt Morina von Flucht und Migration, ohne sich auf die gängigen Motivationslagen und Konfliktkonstellationen des Themenfilms zu stützen. Denn als Exil, als behelfsartiges Dasein fernab der eigentlichen Heimat, würde man Xhafers Lebensumstände auf den ersten Blick nicht beschreiben: Er hat einen angesehenen Job, ein Eigenheim, eine deutsche Ehefrau, drei Kinder und dazu das Banalste von allem: eine Affäre mit jemanden auf der Arbeit.

Schleichendes Gefühl von Fremdheit

Wahrscheinlich beschreibt das Exil besser Xhafers Gemütszustand. Seit dem Vorfall mit der Ratte wächst in ihm nämlich das Gefühl von Fremdheit - erst im Job, wo er der Einzige zu sein scheint, dem nicht mitgeteilt wird, wenn das Arbeitstreffen in einen anderen Raum verlegt worden ist; dann aber auch zu Hause, wo eine aufgeklappte Klobrille auf Männerbesuch hindeutet, obwohl seine Frau Nora (Sandra Hüller) sagt, sie wäre allein mit den Kindern gewesen.

Hätte nun Xhafers Herkunft und seine Erfahrung, in einem anderen Land als seinem Geburtsland zu leben, so gar nichts mit seinen Erlebnissen im Alltag zu tun, wäre "Exil" nicht der herausragende Film, der er ist. Denn beides hat miteinander zu tun, nur wie viel? Das ist die Frage, mit der Morina seinem Publikum bald ähnlich zusetzt wie Xhafer.

"Exil"
Deutschland 2020
Buch und Regie: Visar Morina
Darstellende: Misel Maticevic, Rainer Bock, Sandra Hüller, Thomas Mraz
Produktion: Komplizenfilm et al.
Verleih: Alamode
Länge: 121 Minuten
Freigegeben: ab 12 Jahren
Start: 20. August 2020

Alle Konventionen des Themenfilms über Bord geworfen, um mit Elementen des Paranoia-Thrillers noch einmal einen neuen Blick auf Rassismus zu gewinnen, hat bereits Jordan Peele mit seinem Überraschungserfolg "Get Out". Darin muss der afroamerikanische Fotograf Chris feststellen, dass er sich nichts eingebildet hat und die Eltern seiner weißen Freundin ihm tatsächlich nach dem Leben trachten. Die gutbürgerliche Fassade war nur Tarnung für einen mörderischen Hass.

Wo Peele auf die Dynamik eines Horror-Plots setzt, macht sich Morina hingegen den Schrecken des Stillstands zu Nutzen: Alles scheint immer gleich zu sein, alles immer in Ordnung: Vorstadt. Einfamilienhaus. Gepflegter Garten. Zaun. Die dunklen Gänge auf Xhafers Arbeit. Die stickige Luft, die in ihnen steht. Immer scheint Xhafer dasselbe blaue Hemd zu tragen und Nora immer dasselbe rote Oberteil.

Selbst in Xhafers stoischer Haltung zur Welt, zu den Kollegen ebenso wie zur eigenen Frau, scheint sich die längste Zeit nichts zu ändern. Doch Maticevic, in einer seiner besten Rollen überhaupt, lässt die kleinen Risse in seiner Psyche spürbar werden. Lässt erkennen, dass sie schon seit Langem da sind und nun beginnen, größer zu werden. Und macht klar, dass wer nicht selbst ein wenig angeknackst ist, wohl nie begreifen wird, warum sich kleine Erschütterungen bei anderen so verheerend auswirken können.

Wird Xhafer es trotzdem aus dem Teufelskreis von berechtigtem Misstrauen und überzogenen Verdächtigungen herausschaffen? Morina bietet für seinen Film einen Schluss, der ebenso verzweifeln lässt, wie auch Anlass zu Hoffnung gibt. Wahrscheinlich ist das eine weitere Bedeutung von Exil: Man hat keine andere Wahl, als das Unauflösbare auszuhalten und weiterzuleben. Vorstadt. Einfamilienhaus. Gepflegter Garten. Zaun.

Und manchmal eine Ratte.

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