Exorzismus-Drama "Requiem" Gott schweigt

Mit seinem Exorzismus-Film "Requiem" ist dem Regisseur Hans-Christian Schmid eine subtile Studie über religiösen Wahn in der deutschen Provinz der siebziger Jahre geglückt. Hauptdarstellerin Sandra Hüller gewann auf der Berlinale einen Silbernen Bären.

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Gott schweigt. Aber es gibt ja immer Menschen, die meinen mit seiner Stimme zu sprechen. So wie dieser junge Geistliche: Er redet ruhig und mit geradem Blick, das macht ihn vertrauenswürdig. Er sagt: "Gott ist ein Versicherungsunternehmen für schlechte Zeiten." Vor ihm steht eine verzweifelte Studentin. Seit Jahren schon leidet sie an Anfällen, die ihren Körper in heftige Konvulsionen stürzen. Dann hört sie schreckliche Stimmen. Der Geistliche nickt, er hat verstanden, will aber keine eindeutige Antwort geben. Dafür fragt er mit suggestiver Kraft, was Gott bezweckt haben mag, sie derart leiden zu lassen. Könnte es eine Prüfung sein?

Hans-Christian Schmid ("Lichter") hat eine Studie über religiösen Wahn in der deutschen Provinz der Siebziger gedreht. Subtil schlüsselt er in "Requiem" die seelisch-soziale Gemengelage auf, die dazu führt, dass sich eine aufgeklärte junge Frau vom Teufel besessen glaubt. Tröstliche Esoterik hat in seinem Psychodrama ebenso wenig Platz wie Blut-und-Dornen-Ikonografie. Konsequent effektfrei kommt sein Film daher - ganz anders also als die Special-Effects-Maschinerie der katholischen Kirche.

"Diese Pracht", sagt der 40-jährige Regisseur im Interview, "hätte zu sehr vom eigentlichen Konflikt abgelenkt. Das Karge und Schlichte an der Kirche, so wie man das aus den Filmen Ingmar Bergmanns kennt, ist dem Autor Bernd Lange und mir näher. Ich empfinde es als beängstigend, dass Gott schweigt."

Wenn Gott die Auskunft verweigert, müssen die Menschen selbst Antworten finden. So wie jene Gemeinde Klingenberg am Main, in deren Mitte einst eine Frau mit Krankheitssymptomen lebte, die man sich nicht so recht erklären konnte: Die Pädagogikstudentin Anneliese Michel sah sich damals von grausigen Visionen heimgesucht, ihr Körper wurde von wiederkehrenden Schüttelkrämpfen befallen. Die Ärzte attestierten Epilepsie, die örtliche Geistlichkeit glaubte Michel indes vom Teufel besessen. Im Auftrag des Bischofs von Würzburg traktierten zwei Priester sie 1976 monatelang mit Kruzifixen. Am Ende soll sie nur noch 31 Kilo gewogen haben und starb an Unterernährung. Von fundamentalistischen Christen wird Anneliese Michel heute als Heilige verehrt.

Schmid ist nicht der Erste, der die letzte deutsche Teufelsaustreibung für das Kino aufbereitet hat. Im Herbst lief auch hierzulande "Der Exorzismus von Emily Rose", eine Mixtur aus Gerichtsdrama und Gruselschocker. Die Ereignisse wurden in dem US-Kinohit allerdings in den Bible Belt verlegt. Und mit Blick auf fundamentalistische Christen, die Hollywood gerade als neues Publikum entdeckt hat, hielt man die Geschichte in einem bedenklichen Schwebezustand: Es wurde suggeriert, dass die Kranke möglicherweise tatsächlich von Dämonen heimgesucht worden ist. Eine Erzählhaltung, die in einem Land voll wiedergeborener Christen fahrlässig ist. Schläge mit dem Kruzifix werden so als adäquater Ersatz für Psychopharmaka gedeutet.

Die brachiale US-Konkurrenz bedenkt Schmid nur mit einem Schulterzucken. Er arbeitet feinnerviger. Und effizienter: Akkurat hat er die Krankheit seiner Protagonistin und die Konditionierung durch Zeit und Milieu zum Psychogramm einer Sühnebesessenheit verdichtet.

Die Heldin in "Requiem", die nun nicht mehr Anneliese Michel, sondern Michaela Klingler heißt, ist eine lebenshungrige Person, die Anfang der Siebziger nach Tübingen zieht und sich in einen Kommilitonen verliebt. Die Theaterschauspielerin Sandra Hüller, die vor zwei Wochen auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet worden ist, vereint mit traumwandlerischer Sicherheit die Widersprüche der Figur. Zweimal sieht man sie in der Studentendisco die Mähne schütteln. Mit diesen rauschhaften Sequenzen bricht der Film aus seinem ruhigen Erzählduktus aus: Glaube, Sehnsucht und Aufbegehren kommen hier ebenso zum Ausdruck wie Angst, Zweifel und Schicksalsmüdigkeit. Die Tonspur scheint Feuer zu fangen - wer hätte gedacht, dass Deep Purples olles Kirchenorgelgerocke "Anthem" noch einmal solche Funken schlägt.

Aber auch dies ist ein Beweis für die Inszenierungskunst des ehemaligen Dokumentarfilmers Schmid: Rübenackerbraun und Duffelcoatocker ist sein Provinzdrama ansonsten gehalten. Beklemmend und muffig ist das Szenario. Doch wenn die Heldin dann mal die Fenster aufreißt, überträgt sich das Glück von ganz alleine auf den Zuschauer.

Restriktion und Aufbruch sind die gegenläufigen Kräfte innerhalb der Handlung. Auf dem Land wird gefrömmelt, an den Unis die Revolte geübt. Doch die Krankheit lässt Michaela da draußen die Welt als schwer kalkulierbares Risiko erscheinen, der Rückzug in den Glauben verspricht Gewissheit. So tritt aus dem Gesellschaftspanorama aus den fernen Siebzigern schließlich ein spirituelles Dilemma mit allgemeiner Gültigkeit hervor: Wozu all das Leiden, wenn es keinen höheren Sinn hat?
Das streng katholische Elternhaus ist nicht dazu angetan, die religiös Fiebernde zu schützen. Die Mutter (Imogen Kogge), der das Studium der körperlich labilen Tochter im Sündenbabel Tübingen sowieso ein Dorn im Auge ist, glaubt die Diagnose, die Teufelsbesessenheit lautet, nur zu gern. Ihr Ehemann (Burghart Klaußner), immer hilfloser in Anbetracht von Michaelas stetig wachsenden Qualen, fügt sich der theologischen Deutung.

Die Logik des Glaubens: Dieses Paradoxon begleitet Filmemacher Schmid schon seit jungen Jahren. Aufgewachsen ist er im bayerischen Wallfahrtort Altötting, wo der religiöse Tourismus als kommunaler wirtschaftlicher Faktor kalkuliert wird. Amüsiert erinnert er, wie er sich als 15-Jähriger seinen ersten Plattenspieler verdient hat - indem er beim Besuch von Johannes Paul II. 1980 Papst-Plaketten an die Pilgermassen verkauft hat.

Als Schmid 1992 ein Thema für seine Abschlussarbeit für die Münchner Filmhochschule suchte und sich fragte, womit er sich auskenne, drehte er einen Film über Kirche und Kommerz: "Die Mechanik des Wunders" hält jedoch nicht nur Momente trocken-böser Analyse bereit, sondern demonstriert auch die Macht schlichter Rituale. "Als wir damals die langen Züge der Fußwallfahrer im ersten Morgenlicht oder die Lichterprozession am Abend gefilmt haben, war es schwer, nicht in den Bann gezogen zu werden. Dieser ganz einfache Glaube - ich hatte das Gefühl, die Menschen verbindet ein Geheimnis, an dem ich als Außenstehender nicht teilhaben kann."

Kirchenskeptiker Schmid, der "so einer Art Privatglauben" anhängt, setzt nun auch in "Requiem" auf die stille Wirkungskraft einfachster religiöser Bilder. Einmal sieht man in der Dämmerung einen Pilgerzug zu einer schlichten Bergkirche hochziehen. Das muss reichen, um die mystische Kraft und die einhergehenden Verheißungen zu illustrieren, die der Glaube bereithält.

Die Weihrauchorgien und Kruzifixmarterungen einer Teufelsaustreibung finden keine Darstellung. Der Film endet konsequenterweise mit der Einwilligung der Heldin in den Exorzismus; die junge Frau kann nicht anders als die Leiden als gottgewolltes Martyrium zu verstehen. Mit ihrer Freundin unternimmt sie einen letzten Spaziergang durch das hoffnungslose Grau der unterfränkischen Provinz, bevor sie sich in die Obhut der Geistlichen begibt, die endlich die quälenden Dämonen aus ihrem Körper vertreiben sollen. Die junge Frau lächelt selig: Sie glaubt sich auserwählt. Gott aber hat sich leider noch immer nicht zu Wort gemeldet.



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