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13. November 2013, 19:31 Uhr

Exorzismusdrama "Jenseits der Hügel"

Zwei Frauen, 464 Sünden

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Eine junge Frau stirbt an den Folgen eines Exorzismus - aber wer ist schuld? In dem Drama "Jenseits der Hügel" fächert Cristian Mungiu ein Panorama menschlicher und gesellschaftlicher Nöte auf. Ein Meisterwerk.

Schon bei Sünde Nummer zwei kommt Alina nicht mehr mit dem Aufschreiben hinterher. Den Glauben an Gottes Hilfe und sein Mitleid verloren; gedacht, dass Gott sie vergessen habe und sie als Sünderin in die Hölle geschickt werden würde - all dessen hat sich die Ungläubige schuldig gemacht. Die Nonne, die aus dem Sündenkatalog vorliest, schlägt ihr vor, nur die Nummer der Sünde zu notieren und einen Strich dahinter zu setzen, falls sie die Sünde begangen habe. Fortan notiert Alina Nummer um Nummer und setzt Strich neben Strich, denn das Register umfasst ganze 464 Sünden, und die Nonne hat gerade genug Schwung, um Alina jede einzelne vorzulesen.

Es ist der einzige Anflug von so etwas wie Humor, den Autor und Regisseur Cristian Mungiu seinen Zuschauern in "Jenseits der Hügel" zugesteht. Über 150 Minuten hinweg erzählt er die wahre Geschichte einer jungen Frau nach, die 2005 in einem weit abgelegenen Kloster in Rumänien an den Folgen eines Exorzismus starb.

Was wie eine überschaubare Geschichte mit einem eindeutig benennbaren Schuldigen, nämlich der Kirche, klingt, wird in den Händen des meisterhaften Erzählers Mungiu zu viel, viel mehr. Obwohl der Film das Kloster bis kurz vor Schluss nur dreimal verlässt, gelingt es Mungiu, von der kärglichen Häuseransammlung aus verblüffende Perspektiven auf eine Gesellschaft freizuschlagen, die den Mächten der sozialistischen Vergangenheit und der kapitalistischen Gegenwart scheinbar nichts entgegenzusetzen vermag.

Ohne Freunde, ohne Besitz

Als Kinder lernten sich Alina (Cristina Flutur) und Voichita (Cosmina Stratan) einst im Waisenheim kennen, einer dieser furchtbaren Hinterlassenschaften des Ceausescu-Regimes. Das glaubte, durch das Verbot von Verhütungsmitteln und Abtreibungen das Bevölkerungswachstum steuern zu können, sorgte aber so nur für eine Heerschar von Kindern, die von ihren Eltern nicht gewollt waren. Alina und Voichita werden zu engsten Vertrauten, auch körperlich kommen sie sich nah. Doch ökonomische Zwänge bringen sie auseinander. Ohne Perspektive, als Ungelernte in ihrem Heimatland von Lohnarbeit leben zu können, geht Alina für einige Jahre nach Deutschland und arbeitet dort als Kellnerin und Dienstmädchen.

Nach Rumänien kehrt sie nur zurück, um Voichita nachzuholen. Doch die hat ihre eigene Antwort auf die Armut gefunden: Statt gegen sie anzukämpfen, hat sie sie in der bewussten Entscheidung für die Askese des Nonnenlebens für sich umgedeutet und angenommen. Nach Deutschland möchte sie, obwohl einst anders abgemacht, nicht mehr gehen. "Wenn man Gott gefunden hat, braucht man weder Freunde noch Besitz", verkündet sie stolz. Genau diese Sicherheit widerlegt die Geschichte jedoch aufs Grausamste. Wenn am Ende ihre Freundin verdurstet und verhungert auf einem behelfsmäßig zusammengeschusterten Holzkreuz festgebunden ist, dann wird Voichita so einsam sein, wie man es auf dieser Welt nur sein kann. Und ein Pullover von Alina wird das einzige sein, was ihr noch Trost spenden kann.

Ist die Kirche mit ihren mitleidlosen Ritualen nun schuld an Alinas Tod? Mungiu nimmt das Publikum mit auf eine vorurteilsfreie Ursachenforschung. Mit großer intellektueller Rigorosität legt er dabei offen, warum Alina und Voichita, aber auch die Nonnen womöglich gar nicht anders handeln konnten, als sie es schließlich taten. Verzweifelt über Voichitas Entscheidung, doch nicht mir ihr zu kommen, sucht Alina die Konfrontation mit den Nonnen und ihrem Pater, die schließlich durch das Verschulden aller brutal eskaliert.

Keine Ornamente

In Cannes wurde Mungiu 2012 für "Jenseits der Hügel" der Preis für das beste Drehbuch zugesprochen. Zu Recht, denn in der sorgsamen Auffächerung der Begebenheiten, die zu Alinas Tod führten, ist die analytische Wucht des Films begründet. Dafür braucht es auch jede der zunächst vielleicht überwältigend anmutenden 150 Filmminuten. Gleichzeitig wurden in Cannes auch die Hauptdarstellerinnen Flutur und Stratan für ihre Leistungen ausgezeichnet.

Das ist einerseits angemessen, denn die beiden Frauen, die in "Jenseits der Hügel" ihr Kinodebüt gaben, beeindrucken durch ihre unangestrengte Präzision. Andererseits ist es die große Stärke des Films, seine Protagonistinnen eben nicht als Solitäre darzustellen, sondern immer auch die Verstricktheit ihres Verhaltens in soziale Zusammenhänge aufzuzeigen. Noch stärker als in seinem erschütternden Abtreibungsdrama "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage", mit dem Mungiu 2007 in Cannes triumphierte und in dessen Mittelpunkt ebenfalls zwei Freundinnen stehen, zielt Mungiu auf die gesamtgesellschaftliche Verortung seiner Figuren ab und gewinnt damit ungleich mehr an politischer Relevanz, als es etwa Hans-Christian Schmid mit seinem Exorzismusdrama "Requiem" von 2006 vermochte.

Diesen Impuls nimmt auch Kameramann Oleg Mutu auf, der den Blick der Zuschauer deutlich weniger lenkt, als er es etwa bei der spektakulären Plansequenz einer Familienfeier in "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" getan hat. Überaus zurückhaltend fängt er das Leben im Kloster ein, den visuell eindrücklichsten Effekt setzt allein der Schnee, der sich im Verlauf des Films über die Landschaft legt und das Schwarz der Nonnenkluft grell kontrastiert.

"Jenseits der Hügel" wirkt deshalb zunächst spröder und weniger kunstfertig, doch in der Hinterfragung seiner filmischen Stilmittel und ihrer Anpassung an die Geschichte erweist sich Mungiu als Meister seines Stoffs. "Jenseits der Hügel" ist eine intellektuelle Anstrengung, die kein Ornament kennt und sich genau deshalb bedingungslos lohnt. Ganz kurz vor Schluss schaut Voichita plötzlich mit schreckenstarren Augen in die Kamera. Mit dem Wissen um ihre Geschichte kann mal als Zuschauerin nicht anders, als mit ebenso großem Schrecken zurück zu starren.

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