"Experiment"-Regisseur Oliver Hirschbiegel "Das ist die Wirklichkeit"

"Gefangene" und "Wärter" in der Knast-Attrappe: In seinem Regie-Debüt "Das Experiment" spinnt Oliver Hirschbiegel den realen Psycho-Versuch einer US-Universität weiter. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über menschliches Aggressionsverhalten und Gewaltdarstellungen im Kino.


Soziologisch engagiert: Regisseur Hirschbiegel. Sein Kinodebüt lehnt sich an einen sozialpsychologischen Versuch der US-Universität Stanford von 1971 an. Die Simulation einer Gefängnissituation musste damals nach sieben Tagen abgebrochen werden, weil die Gewalt unter den Teilnehmern überhand nahm.
Senator Film

Soziologisch engagiert: Regisseur Hirschbiegel. Sein Kinodebüt lehnt sich an einen sozialpsychologischen Versuch der US-Universität Stanford von 1971 an. Die Simulation einer Gefängnissituation musste damals nach sieben Tagen abgebrochen werden, weil die Gewalt unter den Teilnehmern überhand nahm.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Hirschbiegel, hätten Sie den Mut gehabt, am Stanford-Experiment teilzunehmen?

Oliver Hirschbiegel: Vorm Dreh schon, jetzt nicht mehr. Die Dynamik, die eine solche Gruppensituation erzeugt, finde ich beängstigend. Vorher habe ich mir das rein abstrakt vorstellen können, aber durch den Dreh habe ich erlebt, wie wahrhaftig diese Mechanismen sind. Angefangen bei eher amüsanten Phänomenen wie dem, dass bei uns bereits am zweiten Tag die Wärter-Schauspieler in der Mittagspause alle gemeinsam an einem Tisch saßen.

SPIEGEL ONLINE: Was offenbart diese Dynamik über die Menschen, die ihr verfallen?

Hirschbiegel: Ich glaube, dass Gewalt und Aggression im Menschen stecken, seit es ihn gibt, übrigens auch in Kunst und Kultur. Wie damit umgegangen wird, hat wiederum mit Sozialisation zu tun. Im Film zeigt sich aus meiner Sicht ein Durchschnitt der Haltungen, wie sie hier zu Lande zu finden sind. Sie sind aber auch stellvertretend für den Rest der Welt. Ich glaube, dieses Alpha-Wolf-Verhalten von Männern, dieser Wunsch nach Gewissheit, danach, dass einem einer sagt, was man zu tun und zu lassen hat, das ist universal.

SPIEGEL ONLINE: ... und somit biologisch verankert?

Hirschbiegel: Unser erstes Erleben als Mensch ist eben, dass wir in dem warmen, weichen Mutterleib sind, in dem alles organisiert wird. Und sobald man da raus ist, versucht man ein Leben lang, Situationen herzustellen, die dem nahe kommen. Man sucht Gewissheit, lässt Neuerungen, Fremdes, Veränderungen möglichst nicht zu und sucht statt dessen Gleichmäßigkeit und Geborgenheit. Ich denke, so entsteht auch ein Nationalismus und eine gewisse Provinzialität. Ich meine das gar nicht negativ, ich finde das ganz menschlich. Man muss halt wissen, wie man damit umgeht und wo das herkommt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Geschichte weiter gesponnen, als sie in der Wirklichkeit ging - haben Sie da zu weit gegriffen? Liegt die Hemmschwelle zum Töten nicht doch noch ein wenig höher?

Versuchskaninchen: Tarek (Moritz Bleibtreu) wird von Prof. Thon (Edgar Selge) präpariert
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Versuchskaninchen: Tarek (Moritz Bleibtreu) wird von Prof. Thon (Edgar Selge) präpariert

Hirschbiegel: Der erste Todesfall ist ja ein Unfall, kein Vorsatz. Und beim zweiten ist es Affekt, blanke Panik. In Panik springen Leute aus dem vierten Stock. Die Wirklichkeit holt dieses Projekt immer ein. In Ostdeutschland läuft ein Prozess um vier junge Männer, die einen Fünfzehnjährigen getötet haben. Sie schnappten sich den Jungen, als er zufällig vorbei kam, um ihn ein bisschen zu ärgern. Er musste als Erniedrigungsritual Liegestütz machen. Einer fing an, den Jungen zu treten, und das Ergebnis ist, der Junge ist tot. Ohne jedes Vorspiel, ohne Rollenzuweisung. Einer fängt an, ein bisschen zu kicken, der nächste tritt stärker zu, der Junge wehrt sich, fängt an zu jammern, kriegt einen Tritt in den Mund, "ey, halt die Fresse ... " Wenn da keine Bremse drin ist, wenn da keine Werte greifen, dann passiert das, da braucht man keine fünf Tage in einem Rollenspiel.

SPIEGEL ONLINE: Kann "Das Experiment" tatsächlich einen Erklärungshintergrund für solche Rotten-Morde liefern?

Hirschbiegel: Nein, eine Erklärung kann ein Film nicht liefern. Aber hier wird aufgezeigt, wie die Gewalt entsteht. Man kann sich ihr nicht entziehen, und das macht die Monstrosität dieser Handlungen aus.

SPIEGEL ONLINE: Muss das Blut im Film so spritzen?

Hirschbiegel: Das ist die Wirklichkeit. Schon wenn du einen Schlag auf die Lippe kriegt, blutest Du wie 'ne Sau. Das schlimmste, was man Kindern suggerieren kann, ist doch, dass Gewalt nichts bewirkt. Da wird einer übel verprügelt, fällt hin und steht gleich wieder auf. Ich finde, wenn man Gewalt darstellt, hat man als Regisseur die Verantwortung, sie so konsequent und schonungslos darzustellen, wie sie in der Wirklichkeit ist. Vor allem aber: nie spekulativ.



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