Extrem-Regisseur Ulrich Seidl Der Hingucker

Er filmt koksende Models, verliebte Sodomisten und biedere Swinger. Wegen seiner enthüllenden Dokumentationen werfen Kritiker dem Regisseur Ulrich Seidl vor, er stelle Menschen bloß. Er nennt das nur: Die Wahrheit zeigen.

Von


Was ist der intimste Moment im Leben eines Menschen? Wenn er Sex hat, wenn er auf dem Sterbebett liegt, oder wenn er betet? Ulrich Seidl denkt sehr lange nach. Der österreichische Regisseur hat Menschen in all diesen Situationen und Lebenslagen gefilmt, sie haben ihm, oft rückhaltlos, ihr Inneres preisgegeben. "Beim Gebet", sagt er nach einer Weile. "Da muss der Mensch alles offen legen, da führt an der Wahrheit kein Weg mehr vorbei. Da Gott alles weiß, kann man ihn nicht belügen."

Kaum ein anderer Regisseur ist mit der Kamera so tief in die Privatsphäre von Menschen eingedrungen wie der 1952 in Wien geborene Ulrich Seidl. Und kaum einer ist dafür so heftig angegriffen worden; ganz so als wäre er ein brutaler Eroberer, als beute er eine Terra incognita aus. Schon als Seidl 1995 auf der Diagonale in Salzburg seinen Film "Tierische Liebe" vorstellte, in dem sich Wiener mit ihren Hunden vor der Kamera präsentieren und die Grenze zwischen Tierliebe und Sodomie gelegentlich nicht mehr zu erkennen ist, reagierten viele Zuschauer entrüstet.

Big Brother für den Bildungsbürger?

"Ich zwinge niemanden dazu, etwas zu machen, was nicht in ihm steckt", sagt Seidl. "Auch wenn einige Szenen, die wir etwa in "Tierische Liebe" zeigen, auf manche Zuschauer ekelhaft wirken, so sind sie doch im Leben der Menschen, die sich vor der Kamera zeigen, ganz und gar alltäglich. Das, was die Menschen verbergen wollen, verbergen sie auch. Ich mache nur das sichtbar, was sie herzeigen wollen." Und das ist oft sehr viel. Manchmal weit mehr, als viele Zuschauer sehen wollen.

In seinem Dokumentarfilm "Models" (1998) ließ er drei Wienerinnen, die auf dem Laufsteg ihr Geld verdienen, in die Kamera wie in einen Spiegel blicken, filmte sie beim Koksen und beim Kotzen. In "Hundstage" (2001), einer Mischung als Spiel- und Dokumentarfilm, folgte er seinen Laiendarstellern in einen Swinger-Club und filmte dort eine Frau beim Sex mit zwei Männern. Manchmal, meint Seidl, müsse er die Menschen vor sich selbst schützen, wenn unter ihrer Kleidung ihre nackte Haut und unter der nackten Haut die Seele sichtbar wird.

Setzt Seidl die öffentliche Selbstentblößungskultur im Fernsehen oder Internet im Kino fort? Macht er Big Brother für den Bildungsbürger? "Ich sehe kaum Fernsehen und kenne diese Sendungen fast nur vom Hörensagen", sagt er. "Doch das Wenige, was ich gesehen habe, fand ich erniedrigend. Ich dagegen will die Menschen in ihrer Gebrochenheit, mit ihren unerfüllten Sehnsüchten zeigen. Das ist a priori nicht entwürdigend, sondern – ganz im Gegenteil – der Versuch, etwas Wahrhaftiges darzustellen."

"Das Altwerden ist eines der letzten Tabus"

In seinem neuen Film "Import Export", der gerade in Deutschland angelaufen ist, erzählt Seidl von dem jungen Wiener Paul (Paul Hofmann), der zusammen mit seinem Stiefvater in die Ukraine fährt, um dort ausgemusterte Spielautomaten aufzustellen, und von der Ukrainerin Olga (Ekateryna Rak), die aus ihrer Heimat nach Wien aufbricht und dort als Putzfrau auf einer Pflegestation Arbeit findet. "Ich will die Zuschauer in dem Film mit den Problemen der Geriartrie konfrontieren", sagt Seidl. "Das Altwerden ist eines der letzten Tabus unserer Gesellschaft."

In einer langen Einstellung zeigt er in "Import Export" einen alten Mann in seinem Bett auf der Pflegestation, der versucht, sich aus seinem Nachthemd zu winden. "Wenn sich jemand ein Kleidungsstück auszieht und ihn dieser einfache Vorgang unendliche Mühe kostet, muss man das in einer gewissen Länge zeigen", ist Seidl überzeugt. "Sonst nimmt man dem Kampf, den dieser Mensch hier führt, seine Intensität, man schwächt ihn ab." Vielleicht, meint Seidl, würde er die Würde dieses Mannes gerade dann verletzen, wenn er den Blick abwenden würde, ihn allein lassen würde in seinem Kampf.

Erst nach monatelangen Vorbereitungen konnte Seidl auf einer Pflegestation drehen. Von einigen der Patienten hatte er die Drehgenehmigung persönlich erhalten, bei anderen wurde sie ihm von deren Vormündern erteilt. Menschen zu filmen, die an Demenz leiden, ist auf jeden Fall ein heikles Unterfangen. Aber die Alternative wäre, es gar nicht zu tun, sagt Seidl, und dann würde man davor kneifen, dem Alter ins Angesicht zu blicken. "Doch ich muss diesen Menschen mit jedem Bild, das ich von ihnen mache, gerecht werden", sagt er. "Wenn ich das Material sichte, muss ich versuchen, es mit ihren Augen zu sehen."

"Das Leben, das ich filme, atme ich ein"

Wenn eine Frau die Finger der Putzfrau Olga umklammert, die in Gummihandschuhen stecken, spürt der Zuschauer fast physisch, wie händeringend hier jemand nach menschlicher Wärme sucht. Wenn mehrere Frauen in einem Krankenzimmer, jede für sich eingeschlossen in eine Blase aus Erinnerungsfetzen und Phantasien, vor sich hinsummen und -brabbeln und eine Sinfonie des Alters entsteht mit einer Partitur aus den Wörtern Tod, Gott und Coca-Cola, ist das eine der eindringlichsten Sequenzen des Kinos der letzten Jahre.

Leicht zu ertragen sind Seidls Filme nicht – auch für ihn selbst nicht. Drei Jahre hat er an "Import Export" gearbeitet, acht Stunden war die erste Rohschnittfassung lang. Manchmal zweifelt er, ob das nicht alles viel zu lange dauert und ihn zu sehr mitnimmt. Doch am Ende hat er keine Wahl, er kann es sich nicht einfach machen: "Ich nehme an den Schicksalen teil, auch wenn sie mir manchmal schwer zusetzen. Das Leben, das ich filme, atme ich ein."



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.