»Fabian«-Verfilmung mit Tom Schilling Adam und Eva in der Weimarer Republik

Falsche Hoffnung auf was Besseres: Der Regisseur Dominik Graf macht aus Erich Kästners moralischer Satire »Fabian« eine Liebesgeschichte vor braunem Hintergrund. Das ist kurzweilig – und dennoch keine gelungene Adaption.
Saskia Rosendahl und Tom Schilling in »Fabian«: Für kurze Zeit im Glück

Saskia Rosendahl und Tom Schilling in »Fabian«: Für kurze Zeit im Glück

Foto: DCM

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Es ist ein seltsamer Satz, den Dominik Graf seiner Verfilmung von Erich Kästners »Fabian« qua Interviews vorangestellt hat. Die Länge des Films – sie beträgt rund drei Stunden – entspräche der Zeit, die man für die Lektüre des Romans brauche, so der Regisseur und Co-Autor. Als Warnung an Jugendliche, denen die Schullektüre des Klassikers von 1930 droht, ist der Satz wahrscheinlich sinnvoll: Vorsicht, ihr Schummler, ihr spart euch keine Zeit, wenn ihr nur den Film anschaut.

Als Anleitung fürs Kinopublikum ist er jedoch Quatsch. Jenseits der Konsumdauer unterscheiden sich Film und Buch nämlich erheblich. Bei Kästner steht ein Einzelkämpfer im Mittelpunkt, der gar nicht wahrhaben will, dass er in einen Kampf verwickelt worden ist, von der Wirtschaftskrise, vom Faschismus. Zu spät erkennt er, dass er sich nichts davon vom Leib halten kann. Dann reißt es ihn in die tödlichen Strudel eines Flusses, aber eigentlich der Zeitläufte hinab.

Graf hat diesen Moralisten, wie Kästner ihn nennt, zum Liebespaar umfiguriert. Es besteht aus dem Werbetexter Jakob Fabian (Tom Schilling) , der vom Leben nicht sonderlich viel erwartet. Zivilen Umgang der Menschen miteinander, ein wenig Kunst, ein wenig Vergnügen. Und der angehenden Schauspielerin Cornelia Battenberg (Saskia Rosendahl), die Fabian glauben lässt, dass er vom Leben doch ein wenig mehr erwarten könne. Liebe zum Beispiel.

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»Fabian oder Der Gang vor die Hunde«

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Die Aussicht auf was Besseres, die Rosendahls Cornelia sich und allen anderen vorgaukelt, ist der Kern des Dramas bei Graf, und er gestaltet ihn wunderbar aus. Berlin steht nicht schon kurz vor dem Abgrund, wie es etwa »Babylon Berlin« historisch verkürzt darstellt, indem es alles aufs »Dritte Reich« hin zwangsperspektiviert. Graf und sein Produktionsdesigner Claus-Jürgen Pfeiffer lassen die Dinge und die Gefühle vielmehr nebeneinander stehen. Kriegsversehrte und lesbische Liebende sind auf ihren Straßen gleichermaßen unterwegs und machen so eine Stadt plausibel, in der der SS-Aufmarsch zunächst nur ein Straßenbild unter vielen ist.

Der ewige Sündenfall mit Jazz unterlegt

Ganz verrückt ist es also nicht, wenn Cornelia von einer Karriere und einer Liebe träumt, von einem richtigen Leben, obwohl schon so vieles erkennbar falsch ist. Doch Cornelia geht den einen unentschuldbaren Schritt weiter, sie verführt mit ihrer Lebenslust und ihrem Ehrgeiz zur Hoffnung. Und Fabian lässt sich verführen. Adam und Eva in der Weimarer Republik, der ewige Sündenfall mit Jazz unterlegt.

Wirtschaftlicher Druck lastet in diesen Zeiten auf allen und zwingt sie zu kompromittierendem Verhalten. Für Idealisten wie Fabians besten Freund Labude (Albrecht Schuch), dem die Promotion durch den Trick eines Braunhemds an der Uni versagt wird, bleibt kaum etwas anderes übrig als die vermeintlich heroische Kugel in den Kopf.

Filminfos

»Fabian oder Der Gang vor die Hunde«
Deutschland 2021
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Dominik Graf, Constantin Lieb
Mit Tom Schilling, Saskia Rosendahl, Albert Schuch, Meret Becker, Aljoscha Stadelmann, Anne Bennent
Produktion: Lupa Film, Arte, ZDF et al.
Verleih: DCM
Länge: 174 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 5. August 2021

Wirklich versündigen kann sich in dieser Konstellation aber nur die Frau, und sie tut es nach dem bekannten Muster. Für ihre Karriere als Schauspielerin geht Cornelia mit dem Filmproduzenten Makart (Aljoscha Stadelmann) ins Bett. Sie stürzt damit in eine moralische Falle, die eine auf Ausbeutung ausgerichtete Wirtschaft traditionell nur Frauen stellt. Das Perfide dabei: Der Sturz wird zur Schuld der Frauen umgedeutet, während Männern zugestanden wird, an der Schuldigkeit »ihrer« Frauen am meisten zu leiden.

»Nackter Busen -> pralles Leben«

So rafft bei Graf denn auch ein schmerzendes Herz seinen Fabian langsam dahin, während Kästner ihn mit zwei knappen Sätzen aus dem Leben befördert, verblüffend salopp, vollkommen unsentimental. Sein »Fabian«, so Kästner, sollte kein Fotoalbum einer Ära sein, sondern Satire: »Der Moralist pflegt seiner Epoche keinen Spiegel, sondern einen Zerrspiegel vorzuhalten. Die Karikatur, ein legitimes Kunstmittel, ist das Äußerste, was er vermag«, schreibt Kästner im Vorwort der Neuauflage von 1946.

Ganz zum Schluss stellt sich so die Frage, warum Graf Wert auf die synchronisierte Länge von Buch und Film gelegt hat, noch mal neu. Wo er sich an die Buchvorlage gebunden zu fühlen scheint, entsteht kein interessanter Dialog; wo er sich von ihr löst, wird es schnell konservativ.

Ein schlechter Film ist »Fabian« dadurch nicht, denn es gibt ja noch die Eigenständigkeit der Momente, die vom Plot losgekoppelten Intensitäten. Und die schafft Graf in einer Dichte, die im deutschen Kino und Fernsehen weiterhin einmalig ist. Trotz drei Stunden Laufzeit ist »Fabian« ein kurzweiliger Film. Nur Grafs ewiger Regie-Shortcut »nackter Busen -> pralles Leben« wird mit jedem Mal abgeschmackter. Zum Glück hat er mit Saskia Rosendahl eine grandiose Darstellerin, die noch in jeder Figur Würde gefunden hat – selbst damals in der schizophrenen Tante, die sich bei »Werk ohne Autor« nackt ans Familienklavier setzen musste. Auch hier absolviert sie das Blankziehen wieder beiläufig souverän.

Neues deutsches Krückenkino

Trotzdem verweist dieser »Fabian« auf ein größeres Problem, das viele deutsche Filme haben. Kino in Deutschland braucht häufig eine Begründung außerhalb des Kinos, weil der Eigenwilligkeit der bewegten Bilder so grundlegend misstraut wird. Wenn das Fernsehen beteiligt ist, ist die Aussicht auf gute Quoten eine solche Begründung und die Formatierung fürs Fernsehen statt fürs Kino die Folge. Oder es besteht der Bezug auf populäre Literatur, bestenfalls auf einen Klassiker, der rechtfertigt, warum ein Film seine Bilder auffahren darf.

Die Häufung von Klassikerverfilmungen ist im deutschen Kino eine Art Krisenmarker. Das Ende des Innovationsschubs des Neuen deutschen Films war in etwa dann markiert, als Ende der Siebzigerjahre Volker Schlöndorffs Böll/Grass/Proust-Adaptionen den Markt zu dominieren begannen. Gerade scheinen wir wieder auf so eine Krise zuzusteuern.

Christian Schwochows schrecklich misslungene »Deutschstunde« nach Lenz war der Auftakt, Burhan Qurbanis interessant misslungener »Berlin, Alexanderplatz« nach Döblin der Ausreißer: Als Nächstes stehen Verfilmungen von Thomas Manns »Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull« (Start: 2. September) und Stefan Zweigs »Schachnovelle« (23. September) an. Auf internationale Festivals, obwohl die sich in diesem Spätsommer drängeln, ist keiner der Filme eingeladen. Wenn die Eigenständigkeit der Bilder beschränkt ist, können sie offenbar auch nicht für sich selbst sprechen.

Auch Grafs »Fabian« ist ein gestützter Gang vor die Hunde, einer, der interessanter geworden wäre, hätte er sich von allen Konventionen der Letztbegründung gelöst. Aber bis auf Weiteres scheint im deutschen Kino wieder die Klassikerverfilmung die Krücke für alle Bilder zu sein, die nicht selbstständig laufen können.

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