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09. Mai 2014, 14:01 Uhr

"Fack ju Göhte"-Star Katja Riemann

"Deutschland hat eine zerschmetterte Identität"

Ihr furioser Auftritt in "Fack ju Göhte" hat Katja Riemann zur Favoritin für den Deutschen Filmpreis gemacht. Mit den meisten derzeitigen Komödien aber ist sie unzufrieden - und fordert eine Quote für deutsche Filme.

SPIEGEL ONLINE: Frau Riemann, Sie sind Lehrerkind und Mutter - haben Sie das Schulsystem je als verbesserungswürdig empfunden?

Riemann: Ja, und das finde ich immer noch. Es hat ja auch einen Grund, dass meine Tochter irgendwann im Ausland zur Schule ging, übrigens eine Entscheidung, die ich mit ihr zusammen traf. Kurz nach dem Mauerfall sind sehr viele Schulen in Berlin geschlossen worden, ich dachte damals schon: Das wird nicht gut gehen. Und jetzt schießen, na klar, Privatschulen aus dem Boden; der erste Schritt zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft in Sachen Bildung, so wie es in England bereits der Fall ist. Bildung sollte umsonst sein, finde ich, soviel Sozialdemokratie sollte noch sein.

SPIEGEL ONLINE: Liegt es auch an überforderten Lehrern wie den Figuren aus "Fack ju Göhte"?

Riemann: Na ja, es gibt genug schlaue und gebildete Menschen in Deutschland, die gute Lehrer sind oder wären. Meine Geschwister sind beide Oberstudienräte, allerdings für Kunst, sozusagen ein Outlaw-Fach, aber ich glaube, sie sind beide tolle Lehrer. Von ihnen kenne ich aber auch die andere Seite und weiß, welch bekloppte Lehrpläne Lehrern vorgegeben werden von irgendwelchen Pappnasen, die die Pisa-Studie gewinnen wollen, statt zu schauen, was die jungen Menschen heutzutage brauchen, um für ihr Leben gerüstet zu sein.

SPIEGEL ONLINE: "Fack ju Göhte" verpackt eine sehr ernste Botschaft, nämlich dass man unbedingt an jedes Kind glauben sollte, in eine herrliche Komödie - weil es so besser vermittelbar ist als mit einem Drama zum Thema?

Riemann: Wahrscheinlich wären keine sieben Millionen Leute in das Drama gegangen. Komödie löst einfach weniger Berührungsängste aus als der ernste Film, eventuell nimmt man etwas mit, ohne es zu merken. "Fack Ju Göhte" hat ja ein total moralisches Ende, ein Happy End im schönen Kleid.

SPIEGEL ONLINE: Wieso haben die Menschen in anderen europäischen Ländern weniger Berührungsängste in Bezug auf ernste Filme?

Riemann: In Frankreich gibt es beispielsweise ein Regularium darüber, wie viele inländische Filme in den Kinos gespielt werden müssen. So laufen dort weniger als 50 Prozent nicht-französische Filme. Und es ist auch Gewohnheit und Sozialisierung: Franzosen sind viel patriotischer, das darf man nicht vergessen. Deutschland hat ja eh eine etwas zerschmetterte Identität.

SPIEGEL ONLINE: Wären Sie für eine solche Quote auch für deutsche Filme in Deutschland?

Riemann: Das fände ich schön, ja. Ich behaupte mal, dass viele der tollen Filme, die hier gedreht werden, tatsächlich jeder Menge Menschen gefallen würden, wenn sie sie sähen. Man müsste also damit anfangen, die Berührungsängste zu den eigenen Produktionen zu reduzieren.

SPIEGEL ONLINE: In "Fack ju Göhte" haben Sie und Alwara Höfels als Junglehrerin Caro eine Menge klasse Gags ins Drehbuch geschrieben bekommen. Das ist immer noch ungewöhnlich: Frauen übernehmen in Komödien oft eher den Part der ernsten, moralischen, unselbstbewussten Frau.

Riemann: Kann ich leider absolut unterschreiben, da haben wir uns bisschen zurückentwickelt... Bei "Fack ju Göhte" liegt es daran, dass der Autor Bora Dagtekin modern und zeitgeistig schreibt und einfach unfassbar lustig ist, sowohl in der Geschichte als auch in den Situationen und den Dialogen.

SPIEGEL ONLINE: Aber wieso dürfen Frauen so selten für die Schenkelklopfer sorgen?

Riemann: Als wir in den neunziger Jahren begannen, deutsches kommerzielles Kino zu machen, das das Genre der Komödie stark bediente, war das ein gewöhnungsbedürftiger Schritt, sowohl beim Publikum wie auch bei der Presse, sogar bei den Filmleuten. Der Trend momentan, der mich tatsächlich ein wenig beunruhigt, ist der Rückschritt in eine gewisse Bürgerlichkeit. Gerade gibt es eine Menge Komödien mit starken Männerhauptrollen, in denen sie sich schon im Titel zum Opfer machen, die Frauenrollen sind eher schwach. Und ich denke: Da waren wir in den Neunzigern weiter, allein mit den Lebensentwürfen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das also ein gesellschaftlicher Rückschritt?

Riemann: Ich weiß nicht, vielleicht auch ein Spiegel. Immerhin gibt es mehr Ensemblekomödien und darum auch eine größere Vielfalt an Charakteren, die man lieben kann. Bei "Fack ju Göhte" gibt es angeblich schon Hardcore-Fanzirkel, die gemeinsam ins Kino gehen und die Chantal-Ackermann-Parts mitmachen! Wie bei der "Rocky Horror Picture Show".

SPIEGEL ONLINE: Steht so eine Figur wie die rotzig-unbedarfte Schülerin Chantal in ihrer Überzeichnung auch für moderne Mädchen, die das Thema Geschlechterklischees gar nicht mehr diskutieren?

Riemann: Ich glaube, die haben viele Dinge - Gott sei Dank - schon so verinnerlicht, dass sie gar nicht mehr darum kämpfen und darüber diskutieren müssen.

Das Interview führte Jenni Zylka

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