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Joaquin Phoenix: Fuck you, Hollywood!

Foto: Neue Visionen

Fake-Doku über Joaquin Phoenix Auf 'ne Nase Koks mit Gott

Er war ein Göttlicher Hollywoods, dann stieß sich Joaquin Phoenix scheinbar freiwillig vom Olymp. Die Doku "I'm Still Here" zeigt, wie er kifft, kokst und auf Körperpflege verzichtet. Ein furioser Selbstvernichtungstrip - und ein Fake.

Der bemitleidenswerteste Beruf der Welt? Schauspieler, definitiv. Man huldigt jenen, die ihn ausüben, wie Göttern, aber klebt ihnen am Filmset den Boden mit Markierungen ab, nach denen sie sich gefälligst zu richten haben. Es gibt wohl keinen anderen Job, der so viel Strahlkraft besitzt und dabei doch vollkommen frei von Selbstbestimmung ist.

Schauspieler, seien wir ehrlich, sind nichts anderes als Verfügungsmasse ihrer Umwelt. Schöpfungen von anderer Leute Gnaden. Regisseure, Produzenten, Stylisten, Personal Trainer, Journalisten - ihnen allen stellt der Schauspieler sein Kapital zur Verfügung: den eigenen Körper, der dann von den anderen dirigiert, modelliert und ausgedeutet wird.

Das ist jedenfalls die Prämisse, mit der man "I'm Still Here" mit Joaquin Phoenix anschauen muss, eine Pseudo-Dokumentation, die in den Jahren 2008 bis 2010 gedreht wurde. Der Mann mit dem stechendsten Blick Hollywoods, mit der würdevollsten Ausstrahlung, mit der größten Verwandlungsgabe, der Mann, der in "Walk The Line" Johnny Cash gespielt hat, als habe er jede Sekunde von dessen Leben selbst erlebt, verfeuert in diesem furiosen Selbstvernichtungstrip sein gesamtes Kapital als Schauspieler und verwandelt seinen Körper binnen kurzer Zeit in eine Ruine.

P. Diddy trifft Penner

Der Grund: Phoenix will endlich für das geliebt werden, was er im Grund seines Herzens angeblich immer gewesen ist. Ein Poet, ein Rapper, ein Unikat. Man muss sich das mal vorstellen: Bei einer Benefizveranstaltung mit berühmten Kollegen im Dezember 2008 kündigt der größte Jungstar Hollywoods an, er werde nie mehr als Schauspieler vor der Kamera stehen. Fuck you, Hollywood! Die News schlagen ein wie eine Bombe. Meint Phoenix das wirklich ernst? Zumindest die in dieser Zeit von ihm kursierenden Paparazzi-Bilder legen das nahe, da ist er mit zerzaustem Bart, in den Kniekehlen hängenden Cordhosen und wirrem Blick zu sehen.

Was er so getrieben hat in dieser Zeit, zeigt nun "I'm Still Here": Da kifft und kokst Phoenix sich die Hucke voll, torkelt nachts reimend durchs Heimstudio, krächzt tagsüber psychotisch seine Assistenten an und bestellt Prostituierte für sich (und seine Freunde), damit sie seinen ungewaschenen, unbeweglichen und voluminösen Leib verwöhnen. Seine einst strahlenden Augen schimmern nun nur noch blutunterlaufen unter der Sonnenbrille hervor.

Phoenix löscht sich selbst aus; auf dass aus dem Fettfleck, zu dem sein ausgebeuteter Körper degeneriert ist, endlich das eigene Ich erwachse.

Und das eigene Ich ist nun mal HipHopper. Blöde nur, dass der Rest der Welt das partout nicht verstehen will. Die Musikproduzenten Dr. Dre und Rick Rubin lassen den kurz zuvor noch heißesten Burschen Hollywoods über Telefon eine Absage erteilen. Sean Combs alias P. Diddy gewährt Phoenix immerhin eine Audienz - wenn auch nur, um ihm zu erklären, dass es im Musikgeschäft genauso wie im Filmgeschäft zugeht: Alles kostet Geld, wie viel also würde Phoenix investieren wollen für ein Album?

Später sitzt HipHop-Millionär P. Diddy mit versteinertem Gesicht im Studio und hört sich die rührend linkischen Raps des B-Boy-Penners an, die grooven wie ein Pimp-Schlitten mit gebrochener Achse. Phoenix, obwohl streng riechend, kriegt von P. Diddy eine freundliche Umarmung und den Tipp, noch ein paar Jahre zu üben an seinem Flow. Solange mag der Ex-Schauspieler aber nicht warten, auf eigene Rechnung tritt er mit verlaustem Bart in Las Vegas und in Miami auf, wo er auch mal von der Bühne stolpert, Schlägereien mit dem Publikum anzettelt und mitten in den Shows zum Erbrechen auf die Toilette taumelt.

Abstieg mit ganzem Körpereinsatz

Die Traumfabrik lacht sich derweil schief über ihren abtrünnigen und abgehalfterten Sohn. In einer Szene am Anfang des Films hat man gesehen, wie der grandiose Ben Stiller seinem Kollegen das Angebot gemacht hat, in seinem Film "Greenberg" mitzuspielen. Er wurde darauf nur bitter von Phoenix beleidigt. Nun wiederum macht sich Stiller über den anderen lustig, tritt mit angeklebtem Bart bei einer Preisverleihung auf. Zuvor hatte Phoenix bei David Letterman einen Auftritt hingelegt, bei dem er agierte, als sei er gerade aus der Geschlossenen ausgebrochen.

Vom Göttlichen zur Lachnummer Hollywoods: Phoenix spielt den Abstieg mit ganzem Körpereinsatz. Ja, er spielt ihn. Kurz vor dem Start von "I'm Still Here" in Amerika gaben er und Regisseur Casey Affleck (der mit Phoenix' Schwester Summer verheiratet ist) bekannt, dass die zwei Jahre währende Selbstzerstörung nichts anderes war als ein große Rolle.

Dieses Wissen nimmt dem Film ein bisschen von seiner verstörenden Wirkung, von seiner tragikomischen Wucht; die Leistung des Hauptdarstellers wird dadurch aber noch größer.

Sicher, als Satire auf den Filmbetrieb funktioniert "I'm Still Here" nicht wirklich. Die Industrie wird keineswegs durchleuchtet, das Starsystem nicht ad absurdum geführt, die Medienmischpoke nicht ihrer Sensationsgier überführt. Aber wie es Phoenix gelingt, im entfesselten Spiel seine eigene Persona zu zerstören, um dahinter eine ganz andere aufblitzen zu lassen, das ist einmalig. Die Selbstauslöschung, hier wird sie zur Kunstform.

Der Witz: Der heute 36-Jährige bringt sich durch dieses insgesamt vier Jahre seiner Karriere kostende Experiment als größter Vertreter jener Zunft in Stellung, die er angeblich so verachtet - die Schauspielerei. Eben weil er sein Kapital, den eigenen Körper, so radikal wie selbstbestimmt einsetzt. Vielleicht kommt Joaquin Phoenix in "I'm Still Here" weniger göttlich daher als in seinen anderen Filmen. Aber wenigstens hat ihm nicht irgend ein Idiot irgendwelche Markierungen auf den Boden gemalt, nach denen er sich zu richten hat. Von dieser Freiheit können Filmgötter sonst nur träumen.

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