Familiendrama "Rachels Hochzeit" Sag ja zur Zerstörung

Vom Postergirl zum Wrack - so sieht ein Karrieresprung aus. Jedenfalls für Anne Hathaway, die man bislang nur aus Kinoromanzen kannte. Jetzt brilliert sie in "Rachels Hochzeit" als Alkoholikerin, die ihre Umwelt verstört und herausfordert.

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Um die schöne Villa Kunterbunt haben sich Musiker versammelt, überall wird gezupft, geträllert und geklimpert. Wie soll man da verdammt noch mal in Ruhe seine Neurosen ausleben?

Also brüllt Kym (Anne Hathaway) den Hochzeitgästen durchs Fenster ihres schwarz angemalten Jugendzimmers zu, sie sollten endlich die Schnauze halten. Danach bepöbelt sie die Brautjungfer, triezt die Schwester und erniedrigt den Vater.

Nein, Kym ist nicht unbedingt ein Traumgast für eine Hochzeit. Doch weil ihre Schwester Rachel (Rosemarie DeWitt) heiratet, hat die trockene Alkoholikerin drei Tage Ausgang aus der Entzugsklinik bekommen. Das versetzt die Familie in Alarmbereitschaft, denn das Glück der anderen ist für Kym eine Zumutung - könnte es doch das eigene Leid überstrahlen.

Woher dieses aggressive Selbstmitleid kommt, erfährt der Zuschauer bald: Kym hat einst im Medikamentenrausch den Tod des kleinen Bruders verursacht. Doch ihre darauf folgende Suchtkarriere verhinderte die mögliche Aufarbeitung der eigenen Schuld, während Vater und Schwester längst passable Strategien entwickelt haben, mit dem Verlust umzugehen.

Das ist das Besondere an der tragikomischen Familienstudie "Rachels Hochzeit": Im Gegensatz zu anderen Dramen dieser Art wird hier die festliche Zusammenkunft nicht als Kulisse genutzt, aus der das Verdrängte unverhofft hervorbricht. Es gibt kein verdecktes Geflecht von Schuldzuweisungen. Der Psychokrieg, er tobt vor allem in Kym.

Leichthändig unterwandert der Regisseur Jonathan Demme die übliche Analogie von der Familie als Verdrängungsapparat. Die Sippschaft in diesem Drama ist aufgeschlossen und aufgeklärt. Ein amüsanter Haufen von Ostküsten-Ökos - also das Gegenstück zu den spießigen Vorortfamilien, denen man sonst in amerikanischen Mittelstandsporträts begegnet. Die Botschaft lautet: Auch die freisinnigste Umgebung schützt vor Traumata nicht.

Statt denunziatorisch aufs fremde Milieu zu zeigen, haben der Filmemacher und seine Drehbuchautorin Jenny Lumet (die Tochter des Regie-Altstars Sidney Lumet) die Handlung ins ureigene Künstlerumfeld verlegt.

Hathaway hätte den Oscar verdient

Demme, der sich sowohl mit Gesellschaftsdramen wie "Philadelphia" als auch mit klassisch gewordenen Popdokumentationen wie "Stop Making Sense" einen Namen gemacht hat, fährt denn auch eine wahre Parade von Freunden und Kollegen auf, die sich zum Teil selbst spielen.

Weil Rachels Bräutigam (dargestellt von Tunde Adebimpe, dem Sänger der Indie-Stars TV On The Radio) Musiker ist, kommt eine ganze Riege feierfreudiger Bohemiens angereist. Fab 5 Freddy, auch im wirklichen Leben ein HipHopper, rappt ein bisschen; die jamaikanische Dancehall-Queen Sister Carol East animiert die Gesellschaft zum Tanzen. Jazzsaxofonisten spielen Bebop, später in der Nacht legt noch eine Sambatruppe los.

Zwischen den Hochzeitsgästen tummeln sich Leute wie der Punkrock-Veteran Robyn Hitchcock oder der B-Movie-Mogul Roger Corman, bei dem Demme seine ersten Filme gedreht hat.

Doch niemals stellt sich falscher Glamour ein. Man trinkt auf das Brautpaar, vertreibt sich tagsüber die Zeit mit komischen Spielen und hält abends mehr oder weniger gelungene Reden. So kommt Demmes Drama daher als Mischung aus einem verwackelten Hochzeitsvideo und einem Ensemble-Werk von Robert Altman.

Nur Kym, dieser Junkie-Alptraum im lila Abendkleid, steht verloren neben den anderen und lässt jeden Annäherungsversuch in Aggressionsschübe kippen. Kameramann Declan Quinn, der schon virtuos Mira Nairs doppelbödigen Bollywood-Festakt "Monsoon Wedding" ins Bild gesetzt hat, folgt der traurigen Heldin durchs glückliche Getümmel und bringt die taumelnde Handkamera genau in jenen Momenten zur Ruhe, in denen sich das ganz Trauma dieser Familie eröffnet. Etwa wenn Kym auf ihre inzwischen vom Vater getrennt lebenden Mutter (Debra Winger) stößt, die in ihrer eleganten Schmallippigkeit grausam ablehnend wirkt. Oder wenn sie die Laudatio auf die Braut am Vorabend des großen Fests in einen Vortrag über die eigene Alkoholabhängigkeit verwandelt.

Man weiß nicht so genau: Möchte man Kym küssen oder doch lieber in den Keller sperren?

Dass ausgerechnet Anne Hathaway das nervöse Wrack gibt, ist natürlich ein echter Besetzungscoup: Vom ewig rotwangigen Postergirl der romantischen Komödie ("Plötzlich Prinzessin!") zum Enfant terrible einer Hochzeitsgesellschaft - allein dafür hätte die Hauptdarstellerin den Oscar verdient, für den sie neben Kate Winslet nominiert war.

Denn wie sie hier mit kajalumflorten Augen und krawallfreudiger Attitüde zum Angriff auf eine eigentlich doch ganz sympathische Festgesellschaft bläst, wie sie als schreckliche Schwester in ihrer Selbstgerechtigkeit verfestigt, was sie eigentlich zu demontieren versucht, hat einen wunderbaren Nebeneffekt: Zuschauer, die sonst bei Hathaway-Schmonzetten speien müssen, schließen hier dann ihren Frieden mit dem vielleicht am innigsten verachteten Genre der Kinogeschichte - dem Hochzeitsfilm.



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