Fantasy Filmfest Mit Herzblut. Viel Herzblut.

In den deutschen Kinos finden Horrorfilme kaum noch Platz - dafür aber auf dem Fantasy Filmfest, das am Mittwoch startet. Mit dabei: Arnold Schwarzenegger als Vater eines Zombie-Mädchens, aber auch das Splatter-Kleinod "Deathgasm".

Macarena Gómez als blutrünstige Pflegerin in "Shrew's Nest"
OFDB/ Fantasy Filmfest

Macarena Gómez als blutrünstige Pflegerin in "Shrew's Nest"

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Ein Mädchen rennt verängstigt durch die Nacht, in der Stadt marodieren die Zombiehorden. Das Unvermeidliche geschieht, sie wird gebissen. Der geübte Horrorfilmfan weiß, was dann passieren wird: Bald beginnen die ersten Gliedmaßen zu verfaulen, und der Appetit auf Fleisch wächst. Der Film "Maggie" beginnt dort, wo andere Zombiefilme enden. Ein Gegengift gibt es nicht, die Alternativen lauten Quarantäne oder Kopfschuss.

Trotzdem wird Maggie von ihren Eltern wieder zu Hause aufgenommen. Regisseur Henry Hobson erzählt in langsamen Einstellungen vom Verfall der Protagonistin. Ihr Vater wird von Arnold Schwarzenegger gespielt. Die für die Action-Ikone untypische Rolle eines Mannes in stiller Verzweiflung mag ein Grund dafür sein, dass kein Verleih "Maggie" in die Kinos bringen wollte. Der Film erscheint in Deutschland direkt auf DVD.

Sehen Sie hier den Trailer zu "Maggie":

Die einzige Möglichkeit, Hobsons gelungenes Debüt hierzulande auf der großen Leinwand zu sehen, ist das Fantasy Filmfest, das am 5. August in Berlin seine Tour durch Deutschland beginnt und in diesem Jahr in die 29. Runde geht. Die erste Ausgabe fand 1987 statt, damals noch in der Hamburger Markthalle: mit vier Horrorfilmpremieren und Punkbands im schnellen Wechsel. Inzwischen werden die alljährlich knapp 60 Filme in sechs deutschen Städten gezeigt. Der Großteil der einschlägigen Horrorfilme der letzten Jahre hatte hier seine Deutschlandpremiere - 2006 beispielsweise Eli Roths "Hostel" oder zwei Jahre später der wundervolle Vampirfilm "So finster die Nacht".

Der Programmfokus erweitert sich

Auch wenn der größte Teil des Programms nach wie vor mit Horror und Artverwandtem bespielt wird, hat sich der Fokus in den vergangenen Jahren geweitet. Fragt man Festivalleiter Rainer Stefan nach den Auswahlkriterien, fällt die Antwort pragmatisch aus: "Wir sortieren erst einmal den Mist aus, und davon gibt es im Genrekino nicht zu wenig. Die wirklich guten Produktionen sind rar." Danach ist erlaubt, was gefällt und im besten Fall noch in irgendeiner Weise neu oder ungewöhnlich ist.

"Rabid Dogs": Remake des Mario-Bava-Klassikers aus 1974 läuft auf dem Filmfest
Tiberius/ Fantasy Filmfest

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Im großen Herzen des Kuratorenteams haben inzwischen auch actionlastige Science Fiction ("District 9" und "Snowpiercer" liefen zuerst hier), Thriller und asiatische Gangsterfilme, Splatterkomödien, aber auch Arthouse-Produktionen wie "Beasts of the Southern Wild" oder Ari Folmans "The Congress" Platz.

Was für "Maggie" gilt, gilt in diesem Jahr für viele der Filme: Knapp die Hälfte hat noch keinen deutschen Verleih. An der Qualität liegt es nicht: "Es wird immer teurer, einen Film ins Kino zu bringen", sagt Rainer Stefan. Zu entdecken gibt es also einiges, und enttäuscht wird man auf dem Fantasy Filmfest nur selten. Auch die durchwachseneren Produktionen, die auf dem Festival gezeigt werden, sind nur selten vertane Lebenszeit.

Das Genre wird friedlicher

Der irische "The Hallow" beispielsweise ist hübsch anzusehen, will aber das Rad ganz offensichtlich auch nicht neu erfinden. Die basale Genre-Formel funktioniert nach wie vor: Menschen werden abrupt in eine Welt absoluten Grauens gerissen. Ein junges Paar zieht vom Zentrum (London in diesem Fall) in die Peripherie, der alteingesessene Nachbar versucht noch, die ahnungslosen Großstädter vor den lokal ansässigen Monstern zu warnen. Es kommt, wie es kommen muss, und wenig später rennen die Protagonisten schreiend durch die irischen Wälder.

Sehen Sie hier den Trailer zu "Der Bunker"

Nimmt man das Fantasy Filmfest als Indikator für aktuelle Entwicklungen im Horror, drängt sich der Eindruck auf, dass es nach der letzten Welle extrem gewaltvoller Filme wie "Saw" oder eben "Hostel" in den Nullerjahren und den zahllosen Found-Footage-Filmen im Gefolge von "Paranormal Activity", im Genre momentan friedlicher zugeht. Klassische Motive werden weiter ausbuchstabiert: Bernard Rose, Regisseur von "Candyman's Fluch", etwa hat eine modernisierte "Frankenstein"-Variation gedreht.

Nicht so weit zurück schaut "Deathgasm", der an die Achtzigerjahre anschließt, die Blütephase der anarchischen Splatter-Ästhetik. Der Film hat sich einiges von den frühen Werken von Sam Raimi ("Tanz der Teufel") und Peter Jackson ("Bad Taste", "Braindead") abgeschaut - nicht zuletzt die charmanten, komplett handgemachten Spezialeffekte.

Unter der rabiaten Oberfläche aus slapstickhafter Splatter-Ästhetik verbirgt sich ein durchaus ernsthafter Blick für die lebensrettenden Potenziale, die Subkultur (hier: Metal in seinen verschiedenen Spielarten) in Zeiten der Hochpubertät haben kann. Wegen solcher Filme sollte man sich für das Festival eine Woche Urlaub nehmen. Man bekommt sie ansonsten kaum noch zu sehen.

Was lohnt sich, auf dem Fantasy Filmfest zu gucken? Unsere Tipps:

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Fantasy Filmfest: Das Grauen, das Grauen

Die Termine des Fantasy Filmfests 2015:
Berlin: 5.-16.8.
Nürnberg: 6.-16.8.
Frankfurt: 13.-23.8.
Hamburg: 20.-30.8.
Köln: 20.-30.8.
Stuttgart: 20.-30.8.
München: 27.8.-6.9.



insgesamt 2 Beiträge
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uzsjgb 05.08.2015
1. Beschlagnahmte Filme
Auch wenn "Tanz der Teufel" und "Braindead" charmante Spezialeffekte haben mögen, sind diese Filme in Deutschland beschlagnahmt. "Deathgasm" in diesen Zusammenhang zu stellen erscheint dem Leser von Schnittberichten als kaum verklausulierter Hinweis diesen Film anzuschauen, bevor er in die Fänge der deutschen Zensur gerät.
kurosawa 05.08.2015
2. Kleinod
Ich verfolge bereits seit jahren das programm des fantasy filmfest auf deren homepage und schaue das ich die filme zu release irgendwo her bekomme. Es ist verständlich das viele kinos, die doch zunehmend auf blockbuster und mainstream setzen, diese filme nicht ins programm nehmen. Umso unverstaendlicher das bisher noch kein streaming dienst eine fantasy filmfest sparte eingerichtet hat und somit den fans die filme zugaenglich macht.
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