Festival von Locarno Träumen Filme noch vom Kino?

Wie macht sich das Festival von Locarno unter Lili Hinstin, der neuen Leiterin? An Flair und Geist mangelt es nicht - aber womöglich fehlt den Filmen des Wettbewerbs der Drang, sich das Kino zu erobern.

Lili Hinstin, künstlerische Leiterin des Filmfestivals Locarno
Christian Beutler/ DPA

Lili Hinstin, künstlerische Leiterin des Filmfestivals Locarno

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"Alle Entscheidungen einer Erstausgabe klingen wie ein Manifest." Mit diesem Satz beginnt Lili Histin das Grußwort ihrer persönlichen Erstausgabe: dem ersten Festival von Locarno unter ihrer Leitung. Am 7. August wurde es eröffnet, und seitdem folgen die Blicke der Nachfolgerin von Carlo Chatrian, der im Sommer 2018 in die neue Doppelspitze der Berlinale gewählt wurde.

Die Branchenaugen beobachten Histin bei ihren Auftritten in den so unterschiedlichen Abspielstätten des Festivals, auf der imposanten Piazza Grande oder in der umfunktionierten Sporthalle FEVI: Wird sie die Balance zwischen Cinephilem und Populärem schaffen, für die sich Locarno unter Chatrian so empfahl? Und wie macht sie sich als eine der wenigen Frauen an der Spitze eines A-Festivals?

Mit Druck scheint die 41-jährige Französin jedenfalls umgehen zu können - sowohl jetzt, während des Festivals, wo sie mit Flair und Geist die Filmeschaffenden zu ihren Premieren begrüßt und dem Publikum vorstellt, als auch schon im Vorfeld. Histins Entscheidungen zu neuen Initiativen und Schwerpunkten des Festivals klingen nämlich nicht nur manifesthaft, sondern sind es auch: Mehr Angebote für Kinder sind nun im Programm zu finden, am prominentesten aufgehängt am Eröffnungsfilm "Magari", einer italienischen Sommerkomödie über Familien für Familien - und ein Debütfilm.

Damit auf der Piazza Grande, dem größten Freiluftkino Europas mit über 8000 Sitzen, das Festival zu eröffnen, ist ein Statement - welches Histin gleich mehrfach macht und Regiedebüts aus England, den Niederlanden, der Schweiz und den USA auf dem großen Platz präsentiert. Aus einem ähnlichen Geist ist das neu aufgezogene BaseCamp entstanden: Eine günstige Unterkunft in einer alten Kaserne, die das Festival am edlen Lago Maggiore für bis zu 200 Cinephile unter 30 Jahren erschwinglich machen soll.

An Angeboten für ein junges Publikum und für junge Filmschaffende mangelt es 2019 also nicht. Dafür stellt sich dem Festival ein Problem, das womöglich auch bald schon andere Festivals erreichen wird: Es fehlt Locarno nicht an Publikum, das ins Kino drängt, sondern an Filmen, die ins Kino drängen. Filmen, die den dunklen Kinosaal mit Ideen füllen wollen, die ein kollektives Erleben ermöglichen und neue Sprachen und andere Codes zwischen denen schaffen, die gemeinsam vor der Leinwand sitzen.

Solches Kino ist in Locarno in diesem Jahr schwer zu finden und wenn, dann meist in der Retrospektive zum internationalen Black Cinema. Lauter erste Filme finden sich in der nicht sonderlich präzisen, dafür umso emphatischer von Greg de Cuir Jr. kuratierten Reihe, die unter anderem vom Berliner Arsenal übernommen werden wird: der weltweit erste Film eines schwarzen Regisseurs ("Within Our Gates" von Oscar Micheaux, 1919), der erste Spielfilm einer afroamerikanischen Frau ("Losing Ground" von Kathleen Collins, 1982), der Debütfilm vom afrobritischen Künstler John Akomfrah ("Handsworth Songs", 1986).

An der Originalität und Dringlichkeit dieser Werke, die für die Sichtbarkeit sowohl ihrer Subjekte als auch von sich selbst stets kämpfen mussten, lassen sich nur wenige Filme überhaupt messen. Aber wenn die Locarno-Filme dieses Jahrgangs überhaupt eine Schlacht bestreiten, dann scheint es ein Rückzugsgefecht zu sein: weg vom Kino, hinein ins Museum, wo es nichts ausmacht, wenn das Publikum aus zwei Leuten mit Kopfhörern in einer dunklen Ecke besteht.


"Vitalina Varela"
Portugal, Regie: Pedro Costa

Filmfest Locarno

Nicht Geschichten oder Emotionen, sondern Zustände vermitteln Filme wie "Vitalina Varela" vom Portugiesen Pedro Costa, dem wohl meistgelobten Beitrag im internationalen Wettbewerb. In atemberaubend komponierten Bildern voll schicksalshafter Dunkelheit schließt einen der Film in der Enge einer Lissaboner Favela ein. Jahrzehnte lang haben sich Protagonistin Varela und ihr Ehemann nicht gesehen. Als sie es endlich von den Kapverdischen Inseln nach Portugal schafft, ist er seit drei Tagen begraben. In den feuchten Wänden seiner Behausung, die nun als sein einziges greifbares Vermächtnis zurückbleibt, vermag sich Varela nicht einzurichten, wohl aber der Film, der immer neue Bilder der Geschlossenheit findet - von Räumen und von Leben, in die Licht jeweils nur noch in fahlen Strahlen fällt.


"Les enfants d'Isadora"
Frankreich und Südkorea, Regie: Damien Manivel

Filmfest Locarno

Dabei braucht es so wenig, um aus einem Raum heraus in den nächsten zu ragen und sie zu verbinden, manchmal nur eine einzige, wellenhaft ausladende Handbewegung. Im französischen Spielfilm "Les enfants d'Isadora" übersetzt sich diese Geste über ein Jahrhundert aus dem Leben der US-amerikanischen Tanzpionierin Isadora Duncan (1877-1927) in die Leben von drei Frauen im heutigen Frankreich. In ihrer Choreografie "Die Mutter" hatte Duncan mit der wellenhaften Bewegung das Streicheln einer Mutter über den Kopf ihres toten Kindes nachempfunden: Bei einem Autounfall hatte Duncan 1913 ihre beiden Kinder verloren, "Die Mutter" war die tänzerische Ausformung ihrer verzweifelten Trauer.

In der Gegenwart seines Films schaut Autor und Regisseur Damien Manivel, selbst ursprünglich Tänzer, nun auf drei Frauen und ihre sehr unterschiedlichen Alltage: Zwei der Frauen sind jung, eine ist alt, eine lebt mit Behinderung, eine ist schwarz. Wo ergeben sich die Schnittstellen zu Duncans Geschichte, wo braucht es eine Übersetzung dieser Geschichte und mit welchen Mitteln lässt sie sich erreichen? Extrem präzise arbeitet Manivel das Universelle von Tanz heraus, er zeigt, wie durchlässig diese Kunstform für verschiedene Biografien und Körper ist - und wie gut sich das in einem Film einfangen lässt. Denn am Ende hat sich die wellenhafte Bewegung nicht nur durch drei Leben, sondern auch durch den Kinosaal übersetzt, den man mit einem ganz beiläufig geschärften Blick auf die Körper anderer und deren Ausdrucksformen verlässt.


"The Last Black Man in San Francisco"
USA, Regie: Joe Talbot

Adam Newport-Berra / A24/ Filmfest Locarno

Eine ähnlich unangestrengte Raumnahme vollzieht der weiße US-amerikanische Schauspieler Joe Talbot in seinem Regiedebüt "The Last Black Man in San Francisco". Zusammen mit seinem besten Freund, dem Afroamerikaner Jimmie Fails, ist Talbot nach eigenen Angaben einst durch ihre Heimatstadt San Francisco gelaufen und hat mit Fails von den Filmen geträumt, die sie dort drehen würden. Die Stadt von damals ist unter dem vom Silicon Valley forcierten Wandel verschwunden, doch an ihrer Idee von einer Stadt, die sich mit den Mitteln des Films (zurück)erobern lässt, haben Talbot und Fails festgehalten und sie nun mit "The Last Black Man", einem Film über Freundschaft, Gemeinschaft und ja, auch Gentrifizierung, umgesetzt.

Mit einem Themenfilm hat das jedoch nichts gemein, denn das San Francisco von Fails und Talbot wird auch im Film selbst als imaginärer Ort gekennzeichnet: Die Stadt, in der sie beide, ihre Freunde und ihre Familien als Künstler und als Afroamerikaner leben können, gibt es nur in ihrer Vorstellung. In dieser lebt sie jedoch mit einer Intensität auf, die poetisch und politisch zugleich ist - denn warum muss so eine Stadt Utopie bleiben? Warum kann sie nicht Wirklichkeit sein?


"Das freiwillige Jahr"
Deutschland, Regie: Ulrich Köhler, Henner Winckler

Partick Orth/ WDR

Von so einer erzählerischen Abstraktion könnte der deutsche Wettbewerbsbeitrag "Das freiwillige Jahr" nicht weiter entfernt sein. Mit großer Anstrengung statten Ulrich Köhler und Henner Winckler in ihrer gemeinsamen Regiearbeit detailgetreu das westfälische Kleinstadtleben eines Vaters und seiner gerade eben erwachsenen Tochter aus. Beide wollen sich voneinander lösen, doch während der Vater (Sebastian Rudolph) darüber sehr klare Vorstellungen hat, nämlich dass Tochter Jette (Maj-Britt Klenke) für ein freiwilliges Jahr nach Lateinamerika geht, weiß diese nur, dass sie weg von ihm will - aber nicht wohin.

Auf kleinstem Terrain, meist im Inneren eines Autos, geschehen die Abstoß- und Anziehbewegungen zwischen Vater und Tochter, oft durchwirkt von feiner Situationskomik. Warum man sich für die beiden Figuren interessieren sollte, ja, was der Film selbst für ein Interesse an ihnen hat, bleibt jedoch ungeklärt. Eine Genügsamkeit durchwirkt "Das freiwillige Jahr", die man von vielen deutschen Filmen kennt: Es reicht schon, wenn die Figuren glaubhaft, ihre Konflikte nachvollziehbar und das Setting wiedererkennbar ist.

Mit Kino hat das nicht viel zu tun - und will es auch nicht: "Das freiwillige Jahr" ist eine TV-Produktion des WDR. Warum der Film nun in Locarno im internationalen Wettbewerb läuft, ist schwer verständlich, denn der Drang zum Kino, zur Landnahme dieses imaginären Raums, sollte ein Filmfestival auf allen Ebenen bestimmen. Ansonsten bleibt ihm nur selbst das Rückzugsgefecht - erst ins Museale, dann in die Bedeutungslosigkeit.

insgesamt 2 Beiträge
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ayee 15.08.2019
1. Filme?
Filme? Das ist doch diese begrenzte Erzählform, wo man nicht viel Platz für Story und Charakterentwicklung hat, oder? Kann nur für mich sprechen, aber es gibt kaum Filme, die mich nicht langweilen. Serien geben mir deutlich mehr, weshalb ich Filmen auch kaum noch Zeit einräume.
Georg_Alexander 16.08.2019
2. Seh' ich genau anders herum
Zitat von ayeeFilme? Das ist doch diese begrenzte Erzählform, wo man nicht viel Platz für Story und Charakterentwicklung hat, oder? Kann nur für mich sprechen, aber es gibt kaum Filme, die mich nicht langweilen. Serien geben mir deutlich mehr, weshalb ich Filmen auch kaum noch Zeit einräume.
Serien nerven mich kolossal. Es gibt kaum eine Geschichte, die man nicht in Spielfilmlänge erzählen könnte. Aber egal, in's Kino lockt mich schon lange kein Film mehr: Keine Ahnung, ob die Preise noch aktuell sind, aber 10 Euro für einen Rasiersitz, unerträgliche Lautstärke und dazu die stundenlange Werbung (trotz bezahltem Eintritt!!!)? Nee, nee, da warte ich doch lieber bis der Film käuflich ist oder im Fernsehprogramm läuft. Heimkino ist doch auch etwas feines :-)
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