Festspiel-Tagebuch Die Untoten von Cannes

Nach fünf Tagen werden erste Ermüdungserscheinungen sichtbar - und die Festivalbesucher neigen zum Schlafwandeln. Auch Wettbewerb und Nebensektion wollen nicht in Schwung kommen, obwohl von Cannes bis Kuba blutrünstige Zombies losgelassen werden.

Getty Images

Aus Cannes berichtet


Am fünften Festivaltag fängt es langsam an: Leute beginnen, auf offener Straße zu schlafwandeln. Natürlich nicht wirklich. Aber weil sich nach einer knappen Woche Pendeln zwischen Filmen, Interviews und nächtlichen Cocktails beim Filmbranchen-Volk eine gewisse Desorientierung breitmacht, schleppt sich so mancher Cannes-Besucher nach der Morgenvorführung wie ein Zombie dahin.

Man möchte vor diesen Untoten davonlaufen, man will an ihnen vorbei, man muss in die nächste Filmvorführung. Aber das geht nicht: kein Platz, nirgends. Eigentlich ein Wunder, dass Cannes noch nie als Kulisse für einen Horrorfilm genutzt wurde.

So mancher hatte vielleicht den Eindruck, genau das würde gerade geschehen, als Ende vergangener Woche plötzlich echte Zombies am Strand auftauchten: knapp bekleidete Damen mit verwesender Haut, die auf verdutzte Festivalgäste losgingen.

Für einen Moment war nicht klar, ob sich die ebenfalls nicht mehr ganz taufrischen Burlesque-Tänzerinnen aus Mathieu Almarics Film "Tournée" ungeschminkt nach draußen gewagt hatten, aber natürlich war es nur eine der lustigeren PR-Aktionen: Eine britische Produktionsfirma warb für ihre Splatterfilm-Parodie "Zombie Women of Satan". Die Hausfrauen-Zombies sprachen allesamt mit charmantem nordenglischen Akzent - und wirkten harmlos.

Belebend fürs Kino: Zombies

Zombies scheinen der Hit zu sein, zumindest auf dem Filmmarkt, wo seit Tagen ein besonders exotisches B-Movie beworben wird: "Juan of the Dead", die Geschichte eines Kubaners, der sich, konfrontiert mit dem Aufmarsch der Untoten auf der Karibikinsel, zum Helden aufschwingt. Da sage noch einmal jemand, das Genre-Kino habe seinen politischen Subtext verloren.

Ebenfalls in keinem der offiziellen Wettbewerbe vertreten ist der ulkige Horrorfilm "Rubber", der allerdings nicht, wie man vermuten könnte, mörderische Kondome auf männliche Geschlechtsteile loslässt, sondern von einem rachsüchtigen Autoreifen erzählt, der sich gegen die Menschen auflehnt, nachdem ein ganzer Stapel alter Pneus vor seinen Augen in Flammen aufgeht.

Okay, die politische Dimension sucht man bei diesem - pardon - abgefahrenen Gummi-Splatter vergebens, aber inszeniert wurde "Rubber" immerhin vom französischen Elektronik-Musiker und Star-DJ Quentin Dupieux, der einst unter seinem Künstlernamen Mr. Oizo eine gelbe, vehement mit dem Kopf nickende Plüschpuppe namens Flat Eric erfand.

Die Musik zu seinem Reifenfilm machte er natürlich selbst, unterstützt von den ebenso szenerelevanten Kollegen von Justice ("Stress"). Die zugehörige Party auf dem Dach des White Palm Hotels am alten Yachthafen gehörte denn auch zumindest musikalisch zu den coolsten Events dieses Cannes-Jahrgangs. Am nächsten Morgen war man ob der brutalen Lautstärke nicht nur halbtaub, sondern auch halbtot vom nun schon Tage währenden Schlafdefizit.

Virtuelle Untote

Was wieder zu den lebenden Toten zurückführt, die natürlich auch in den Wettbewerben nicht fehlen. Vor allem in der Nebensektion Un certain regard wimmelt es geradezu davon: In Christoph Hochhäuslers Drama "Unter Dir die Stadt" schlafwandeln die Hauptdarsteller Robert Hunger-Bühler und Nicolette Krebitz durch eine sehr ambitionierte, aber leider spannungsarme Geschichte über die Allmachtsphantasien von Bankern.

Der japanische Horrorfilmspezialist Hideo Nakata ("The Ring") hingegen versuchte sich erstmals an einer in England angesiedelten Geschichte und visualisiert in "Chatroom" die virtuellen Communitys des Internets als echte Räume mit echten Menschen. Bevölkert werden sie von Teenagern, allen voran der dämonische William (Aaron Johnson aus "Kick Ass"), der seinen Chatroom namens "Chelsea Teens!" dazu nutzt, andere Halbwüchsige, die ebenso sozial vernachlässigt und depraviert sind wie er, zum Selbstmord anzustiften. Schöne Geschichte, dramaturgisch leider etwas hilflos umgesetzt, aber letztlich ein unterhaltsamer, zielgruppengerecht rasant inszenierter Blick in die abgestorbenen Seelen der Internetjugend.

Auch der holländische Regisseur David Verbeek beschäftigt sich in "R U There" mit den Auswirkungen unseres immer virtueller werdenden Alltags auf das echte Leben. Sein Protagonist Jitze ist professioneller Online-Gamer und lebt nur richtig auf, wenn er sich in den Welten seines Lieblingsspiels verliert. Im echten Leben vegetiert er vor sich hin. Erst als er bei einer Gaming-Meisterschaft in Taipeh ein reales (!) Mädchen kennenlernt, erkennt er, dass echte Gefühle doch noch nicht künstlich reproduzierbar sind.

Es gibt also noch Hoffnung, dass die Untoten am Ende des Festivals doch nicht die Herrschaft über die Croisette übernehmen. Vielleicht kommt ja sogar in den müde voranstolpernden Wettbewerb noch ein bisschen Leben.

insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
underdog, 17.05.2010
1. ...
---Zitat--- Zombies scheinen der Hit zu sein, zumindest auf dem Filmmarkt, wo seit Tagen ein besonders exotisches B-Movie beworben wird: "Juan of the Dead", die Geschichte eines Kubaners, der sich, konfrontiert mit dem Aufmarsch der Untoten auf der Karibikinsel, zum Helden aufschwingt. Da sage noch einmal jemand, das Genre-Kino habe seinen politischen Subtext verloren. ---Zitatende--- Klingt stark nach "Shaun of the Dead"... Hegemann lässt grüßen? :)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.