Festspiel-Tagebuch Kampftag auf der Croisette

Zum Ende wird es in Cannes richtig politisch: Rachid Bouchareb provoziert die französische Rechte mit seinem Epos über den algerischen Unabhängigkeitskampf und sorgt für Polizeiaufgebot. Ken Loachs "Route Irish" widmet sich dem Schicksal britischer Söldner im Irak-Krieg.

Über Gedeih und Verderb eines Films im Wettbewerb von Cannes entscheiden nicht nur die Jury oder die Kritiker. Besonders vorteilhaft ist es für einen Beitrag, wenn über ihn schon lange, bevor überhaupt nur irgendjemand ihn gesehen hat, geredet wird. So war es einigermaßen clever von Programmchef Thierry Frémaux, den Wettbewerbsfilm "Hors-la-loi" ("Outside The Law") des französisch-algerischen Regisseurs Rachid Bouchareb erst ganz am Ende des Festivals zu zeigen.

Bouchareb war bereits vor vier Jahren zu Gast in Cannes, zeigte dort seinen anklagenden Film "Days Of Glory" über die ungerechte Behandlung algerischer Soldaten in der französischen Armee während des Zweiten Weltkriegs - und musste sich teils harsche Kritik von der politischen Rechten gefallen lassen. Sein Darsteller-Ensemble gewann die Palme für die beste schauspielerische Leistung, eine Oscar-Nominierung für den besten fremdsprachigen Film folgte.

Kein Wunder also, dass Boucharebs neuer Film bereits im Vorwege des Festivals für Furore sorgte, als bekannt wurde, dass sich "Hors-la-loi" mit der Geschichte der algerischen Unabhängigkeitsbewegung beschäftigen würde. Politiker der ultrarechten Front National bezichtigten den Regisseur der Geschichtsklitterung, weil er angeblich das Massaker von Sétif, ein Schlüsselmoment der algerischen Befreiungsgeschichte, historisch verzerrt darstelle.

Am 8. Mai 1945, inspiriert durch das Ende des Zweiten Weltkriegs, marschierten bis zu 10.000 Demonstranten ins europäische Viertel der Stadt im Norden des Landes und forderten das Ende der französischen Kolonialherrschaft. Nachdem ein Polizist einen der Demonstranten erschoss, kam es zu blutigen Auseinandersetzungen, die fünf Tage andauerten und Hunderte Opfer auf beiden Seiten forderten. Bis heute ist unklar, wie viele Tote es in Sétif gegeben hat: Laut offiziellen französischen Zahlen kamen 1020 Algerier um, Algerien spricht bis heute von mehr als 45.000 Toten, erschossen von französischen Polizisten und Bürgern.

Ein Hauch von Gefahr und Ausnahmezustand

Am Freitagmorgen, nach der Pressevorführung von "Hors-la-loi" hatte die in der französischen Presse tobende Auseinandersetzung dann Cannes erreicht: Beim Einlass in den Festivalpalast hatten sich die Journalisten einer verschärften Sicherheitskontrolle unterziehen lassen; als sie wieder herauskamen, hatte eine Anti-Terror-Einheit der französischen Polizei Stellung bezogen, um eine Demonstration mehrerer hundert Veteranen und Anhänger der rechtsgerichteten Parteien in Schach zu halten. Ein Hauch von Gefahr und Ausnahmezustand wehte über die Croisette, auch wenn zunächst alles friedlich verlief. Am Abend, vor der offiziellen Premiere des Films, sollen noch einmal 1500 Demonstranten vor dem Palais aufmarschieren, schreibt die Lokalzeitung "Nice Matin". Jedes Festival braucht seinen Aufreger, und Rachid Bouchareb hat ihn erwartungsgemäß abgeliefert.

"Viel Lärm um nichts", murmelte eine französische Kollegin angesichts der massiven Polizeipräsenz, und tatsächlich taugt "Hors-la-loi" rein gar nicht für einen Skandal. Das opulent ausgestattete und schön gefilmte Historienepos im Stile von Sergio Leones "Es war einmal in Amerika" rechtfertigt noch nicht einmal die erhitzte Debatte, die im Vorwege geführt wurde.

Erzählt wird die Geschichte dreier algerischer Brüder zwischen 1925 und 1962, die, jeder auf seine Art, in den politischen Kampf um die Unabhängigkeit verwickelt werden. Als junge Männer erleben sie das Massaker von Sétif hautnah mit, ihr Vater und ihre Schwestern werden im Getümmel erschossen. Messaoud (Roschdy Zem) kämpft später für Frankreich im Indochina-Krieg, Said (Jamel Debbouze) schlägt sich mit seiner Mutter nach Frankreich durch und versucht sein Glück als Nachtclub-Manager und Boxpromoter, Abdelkader schließt sich der algerischen Befreiungsorganisation FLN an, wird im Gefängnis zum Polit-Aktivisten geschult und soll schließlich in Frankreich den terroristischen Widerstand organisieren.

Die Methoden, derer er sich dabei bedient, werden jedoch immer zweifelhafter, je dogmatischer Adbelkader, unterstützt von seinem Bruder Messaoud, der den einen oder anderen politischen und staatlichen Widersacher ermordet, sich derselben Gewalt bedient wie die französische Staatsmacht. Bouchareb, der die Hauptrollen erneut mit einem Teil seines gefeierten "Days-of-Glory"-Ensembles besetzt hat, vermeidet dabei jedoch so geflissentlich eine Parteinahme, dass sein Film trotz zahlreicher Schießereien und reichlich emotionaler Dramatik streckenweise etwas sehr trocken, wenn nicht langweilig wirkt.

Bescheidene Franzosen - sehr ungewöhnlich!

Sein Film soll "kein Schlachtfeld" sein, sondern die Debatte über einen dunklen Fleck der gemeinsamen Geschichte eröffnen, sagte Bouchareb auf der anschließenden Pressekonferenz. Es sei an der Zeit, so der 1959 in Paris geborene Regisseur, eine Diskussion zu führen, damit man die Ereignisse von damals endlich hinter sich lassen kann. Frankreich könne es sich "nicht erlauben, weiterhin in einem so gestörten Verhältnis zu seiner früheren Kolonie zu bleiben". Er sehe seinen Film nicht als politisch, vielmehr als eine Art Western. "Es ist die Sache von Soziologen zu erörtern, warum es gerade den Franzosen so schwer fällt, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen", so Bouchareb.

Da lässt es tief blicken, dass "Hors-la-loi" im offiziellen Programm als algerischer Beitrag geführt wird, obwohl er von mehreren französischen Produktionsfirmen mitfinanziert wurde. So bescheiden kennt man die Franzosen ansonsten gar nicht, wenn es um die Zahl der nationalen Produktionen in Cannes geht.

Gar nicht trocken, dafür aber verbal umso deftiger geht es in Ken Loachs Wettbewerbsbeitrag "Route Irish" zu. Der neue Film des Palmen-Gewinners ("The Wind That Shakes The Barley", 2006) handelt vom posttraumatischen Stresssyndrom eines ehemaligen britischen SAS-Soldaten und späteren Söldners im aktuellen Irak-Krieg. Fergus (Mark Womack) startet einen erbitterten Rachefeldzug an der Heimatfront, als sein Jugendfreund und Kampfgefährte Frankie auf der berüchtigten Route auf dem Weg in die Green Zone von Bagdad ums Leben kommt. Die offizielle Darstellung eines Bombenanschlags auf der "gefährlichsten Straße der Welt" glaubt er nicht, sondern vermutet eine heimtückische Mordaktion anderer Söldner, die ihr Attentat auf ein Taxi voller unschuldiger Zivilisten vertuschen wollen.

Waterboarding als Wellness-Anwendung

Lange wurde in einem Film nicht mehr so schön oft und mit englischer Arbeiterklassen-Attitüde "Fucking" gesagt wie in "Route Irish", doch weder die Authentizität der Sprache noch der triste, gehetzte, semi-dokumentarische Stil des Films lassen Loachs ehrenhaftes Bemühen, die selbstherrlichen und menschenverachtenden Machenschaften privater Sicherheitsdienste im Irak anzuprangern, auf der Leinwand lebendig werden.

Vielleicht liegt es daran, dass dem Zuschauer die Hauptfigur generell unsympathisch bleiben muss, weil er ja ebenfalls einer jener zwielichtigen Kriegsprofiteure ist; vielleicht liegt es aber auch schlicht daran, dass Loach die Gewalt seiner Geschichte zu sehr in die erhitzten Dialoge seiner Figuren verlagert, statt sich zu trauen, sie auch zu zeigen.

Nachgerade lächerlich wird das, wenn Fergus einen körperlich ähnlich durchtrainierten Ex-Söldner-Kameraden mittels Waterboarding zum Reden bringen will: Nach nur zwei, drei kleinen Tassen Wasser, die der harte Kerl durch ein schmuckes Frotteehandtuch über Mund und Nase geträufelt bekommt, verrät er Fergus prustend und spuckend alles, was er wissen will. What the fuck!?, will man da, um im Tonfall zu bleiben, ausrufen: Mit solchen schon fast verharmlosend wirkenden Wellness-Darstellungen von brutalster Folter tut der Regisseur seinem ernsten Anliegen wahrlich keinen Gefallen.

Chancen auf Preise haben Loach, der erst in der Woche vor Festivalstart für den Wettbewerb nominiert wurde, und Bouchareb natürlich trotzdem. Schon allein wegen des Rummels und Raunens um ihren politischen Inhalt. Form follows Function, dieses Architekten-Motto gilt manchmal eben auch fürs Kino.