Film "Ein wahres Verbrechen"

Clint Eastwood als Reporter, der für einen unschuldig zu Tode Verurteilten kämpft. Mit priesterlichem Ritus wird die Story repetiert und erhält so eine stoische Würde.

Von Manfred Müller


Schwierige Aufgabe: Clint Eastwood in "Ein wahres Verbrechen"
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Schwierige Aufgabe: Clint Eastwood in "Ein wahres Verbrechen"

Clint Eastwood inszeniert sich selbst, und es gibt wenige, die ihm darin das Wasser reichen können. Der Grandseigneur des Crime- und Westerngenres steht unverrückbar in der Tradition, in der er groß geworden ist. Was sein Nobody in "Für eine Handvoll Dollar" als Charakterskizze vorgegeben hat, reichte bei minimalistischen Abwandlungen zu einer jahrzehntelangen Karriere. Simple Geschichten von gebrochenen Helden, einsamen Rächern und lakonischen Liebhabern hat Eastwood zu epochalen filmischen Balladen aufgewertet.

„Ein wahres Verbrechen“, ein gut gebauter, aber nicht eigentlich ambitionierter Thriller um einen Zeitungsreporter, der einem Justizirrtum auf die Spur kommt, zeigt weniger die hohe Kunst, als das grundsolide Handwerk des Schauspielerregisseurs. Steve Everett ist aufgrund privater Probleme ins berufliche Abseits geraten. Sein Freund Alan (James Woods) von der Oakland Tribune gibt ihm noch eine Bewährungschance. Für eine verunglückte Kollegin soll er ein letztes Interview mit einem zum Tode verurteilten Schwarzen führen.

Zwischen einer Eskapade mit der Frau seines Ressortchefs (Denis Leary) und den familiären Pflichten gegenüber seiner eigenen Gattin und der gemeinsamen kleinen Tochter kann er sich nur lückenhaft vorbereiten. Aber schon vor der ersten Begegnung am Tag der Hinrichtung sagt ihm sein Instinkt, daß dieser Mann unschuldig verurteilt wurde. Der Rest ist Routine, ein hundertfach variiertes Genremuster. Auf den ersten Verdacht folgen hartnäckige Ermittlungen, die in einen dramatischen Wettlauf um Leben und Tod münden.

Eastwood nimmt sich alle Zeit für seine Geschichte. Auch wenn längst jeder weiß, worauf sie hinausläuft, verfällt er nicht in hektischen Aktionismus. Der Reiz seines Kinos ist nicht das überraschende Finale oder die unerwartete Handlungswendung, sondern der stoische Gestus seiner Helden, in dem sich ein tiefenscharfes Charakterbild abzeichnet.

Die lange Einstellung auf ein unbewegtes Gesicht, das umständliche Anzünden einer Zigarette in Echtzeit, dafür ist in den Schnittplänen des Effektekinos längst kein Platz mehr. Eastwood zelebriert es mit geradezu priesterlicher Würde. Sein Blick dringt vor bis zu dem Schauspieler hinter der Rolle, was seine Akteure mit unbekümmerter Spielfreude danken, auch wenn sie spüren, daß er dieses Interesse auch und vor allem sich selber widmet. Er sieht alt aus, versteckt seine Falten nicht, und wenn er sich dennoch penetrant zum unwiderstehlichen Verführer ausruft, sogar dem feschen Denis Leary die Filmfrau ausspannt, wandelt er auf einem schmalen Grat zwischen Selbstironie und geckenhafter Eitelkeit. Aber auch das ist Inszenierung, ergibt einen Spannungsbogen abseits der Geschichte, den er schon als überlebter Gunfighter in "Erbarmungslos" aufgenommen hat. Kein großer Wurf, aber gutes, handgemachtes Unterhaltungskino.



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