Film-Musical "Sweeney Todd" Ein Scharfmacher namens Liebe

In "Sweeney Todd" machen sich Regisseur Tim Burton und sein Lieblingsdarsteller Johnny Depp einen Riesenspaß mit einer blutrünstigen Musicalstory – und schildern doch in den entscheidenden Momenten absolut ergriffen das Elend einer todunglücklichen Liebe.


Das Gruseligste an diesem grandiosen Gruselfilm aus einem todfinsteren London ist die Musik. Man darf sie mit Fug und Recht schauderhaft nennen. Der Komponist Stephen Sondheim hat für das Musical "Sweeney Todd" Songs geschrieben, die einem durch Mark und Bein gehen.



Das hat den Erfolg des Werks, das seit 1979 an vielen großen Bühnen der Welt gespielt wird, vermutlich noch befördert; es ist aber für die meisten Johnny-Depp-begeisterten jungen Frauen, die sich jetzt die Musicalverfilmung des Regisseurs Tim Burton ansehen werden, bestimmt eine harte Prüfung. Ganz grob ausgedrückt: Der sagenhafte Mister Depp singt hier fast pausenlos ausgesucht scheußliche Lieder.

Großartig ist der Film trotzdem - und ein Fest nicht nur für Tim Burton-Fans, die diesen Regisseur für düstere Geniestreiche wie "Edward mit den Schereenhänden", "Sleepy Hollow" oder "The Corpse Bride" lieben, sondern auch für Bewunderer des wackeren Johnny Depp: Mit so viel kochendem Herzblut hat er sich wohl nie in eine Rolle gestürzt wie in die des Sweeney Todd, eines Massenmörders aus gebrochenem Herzen.

Aber der Reihe nach: Erzählt wird von einer mörderischen Höllenfahrt, der Legende vom blutrünstigen Barbier Sweeney Todd, der einst Benjamin Barker hieß. Natürlich spielt Johnny Depp diesen Kerl, der früher brav und bescheiden mit schöner Frau und kleiner Tochter lebte, bis ihn ein böser Richter unschuldig zur Zwangsarbeit nach Australien verbannte, um sich an Barkers Göttergattin heranzumachen.

"Sweeney Todd" beginnt mit Barkers Rückkehr nach 15 Jahren, auf einem schön vergammelten Geisterschiff segelt der Mann, der sich jetzt Todd nennt, in den Londoner Hafen ein. Von der Bäckersfrau Mrs. Lovett (Helena Bonham Carter) erfährt er, seine Frau habe sich nach einer Vergewaltigung durch den schurkischen Richter mit Arsen vergiftet, seine Tochter habe der Richter adoptiert.

Und Sweeney Todds Rachefeldzug beginnt: Aus Verbitterung über den Zustand der Welt schneidet er in seinem wiedereröffneten Barbierladen den Menschen sehr wahllos die Köpfe ab. Die ehrbare Mrs. Lovett, die ihm absolut verfallen ist, wird seine Komplizin und vermantscht die Leichen zu ihrer bald in der ganzen Stadt heißbegehrten Fleischpastete.

Es ist eine Freude und ein großer Schrecken, Helena Bonham Carter und Depp bei ihrer Arbeit zuzusehen; wie sie das Blut spritzen und kopflose Leichen in den Keller sausen lassen, wie sie aus geschwärzten Augenhöhlen auf ein London blicken, das sie als Drecksloch besingen, das aber (in der Ausstattung des Italieners Dante Ferri) eine magische Schönheit verstrahlt. Über der mit Kakerlaken und Ratten bevölkerten Gosse erhebt sich ein verlottertes Zauberland, in dem Oliver Twist und sämtliche anderen Dickens-Helden sich selig fühlen würden.

Natürlich ist "Sweeney Todd" auch ein komischer Film, aber in den wirklich ergreifenden Momenten ist er ein herzzerreißendes Melodram: Die aufregendste und maximal verzweifelte Liebe, von der hier erzählt wird, spielt sich aber nicht zwischen dem Barbier und seiner Frau ab, die sich keineswegs mit Arsen vergiftet hat. Sondern sie bebt im Busen der armen, schönen Bäckersfrau. Und natürlich gibt’s auch für diese Liebe kein Happy end. Horror eben.



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