Film Oh, du Fröhliche

An der Schauspielerin Amy Adams klebt das Image von Hollywoods bravem Mädchen. Noch.

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Ein Nachmittag mit Amy Adams ist wie ein Besuch auf einem Planeten, auf dem immer die Sonne scheint. Die meisten Schauspieler, besonders die erfolgreichen, empfinden Interviews als lästige Notwendigkeit und können ihren Unwillen oft nur schwer hinter einem festgefrorenen Lächeln verbergen. Adams leuchtet auch nach knapp sieben Stunden Dauerbefragung durch Journalisten aus der ganzen Welt noch vor guter Laune. "Oh, das liegt bestimmt nur daran, dass Sie der Letzte heute sind und ich gleich Feierabend habe", sagt sie. "Ich schwöre - zu Ihrem Kollegen aus England eben war ich eine unausstehliche Furie."

Unwahrscheinlich. Der Mann schwebt immer noch mit verliebtem Blick durch die Gänge.

Amy Adams hat diese Wirkung auf Menschen. Sie ist mittlerweile 36 Jahre alt, aber wenn sie lacht, dann wirkt sie wie ein Schulmädchen, das noch nichts Böses gesehen hat auf dieser Welt. Und sie lacht viel. Es war genau so eine Rolle, die sie zum Star gemacht hat, in dem kleinen Independent-Drama "Junebug" von Phil Morrison, das eigentlich niemand auf dem Zettel hatte, als es 2005 erschien. In einer verkorksten Südstaatenfamilie spielte sie den Nebenpart der hochschwangeren, chronisch optimistischen Schwiegertochter so naiv und gutmütig, dass auch dem zynischsten Zuschauer noch warm ums Herz werden musste.

Nicht viele Menschen haben den Film gesehen, aber die Kritiker waren verzückt, vor allem von Amy Adams. Auf dem Filmfestival von Sundance bekam sie den Schauspielerpreis, wenig später gab es eine Oscar-Nominierung für die beste Nebenrolle. Damit war sie oben angekommen. "Und gerade noch rechtzeitig", sagt sie. "Vor ,Junebug' habe ich nicht mehr viel auf meine Karriere gegeben, ich war kurz davor, alles hinzuschmeißen."

In der falschen Nische gelandet

Wahrscheinlich war sie einfach in der falschen Nische gelandet. Nach einer behüteten mormonischen Kindheit in Colorado durfte sie nach Jobs in einem Klamottenladen und einer Fast-oben-ohne-Bar zunächst in einem Restaurant-Theater mitspielen, was frustrierend sein kann, "wenn die Zuschauer sich mehr auf ihr Abendessen konzentrieren und nur gelegentlich mal einen Blick auf die Bühne werfen".

Von einem Agenten entdeckt, versuchte sie sich danach als blonde Sexbombe in dem betont geschmacklosen Teenie-Kinofilm "Gnadenlos schön", darauf folgten Gastauftritte in TV-Serien und dann nicht viel mehr. Ein kleiner Part als Leonardo DiCaprios Verlobte in Steven Spielbergs "Catch me if you can" sollte 2002 ihr Durchbruch werden. Stattdessen wartete sie danach zwei Jahre auf die nächste Kinorolle. Oder auf das, was eine hätte werden sollen, denn die Sexkomödie "The Last Run" erschien am Ende nur auf DVD.

Mit "Junebug" erlebte sie doch noch ihren Sonnenaufgang, und seitdem strahlt sie so hell, dass es einen fast blendet: Mit der Hauptrolle in dem Disney-Musical "Verwünscht" hat sie 2007 den Mainstream erobert, als fröhliche Prinzessin einer Zeichentrickwelt, die in das reale New York gerät und dort alle mit ihrer unschuldigen Lebensfreude verzaubert. Damit war klar, was sie gut kann, und die Casting-Agenten wussten, wen sie anrufen mussten, wenn sie jemanden aus der Kategorie "talentiert, süß und harmlos" besetzen mussten. Schon bald gab es die nächste Oscar-Nominierung für das eigentlich ziemlich finstere Klosterschulendrama "Glaubensfrage" an der Seite von Meryl Streep. Aber wo Streep eine gnadenlose Nonne voller Zorn gab, war Adams die gutgläubige, naive Schwester Unschuld.

Ihr neuer Film "Verlobung auf Umwegen" dürfte wenig an ihrem unbefleckten Image ändern: In der hoffnungslos reaktionären Liebeskomödie von Anand Tucker ("Shopgirl") spielt sie eine hochzeitsbesessene Großstädterin, die verzweifelt auf den Antrag ihres Freundes wartet und ihm schließlich nach Irland nachreist, weil sie gehört hat, dass dort in einem Schaltjahr am 29. Februar auch Frauen ihren Liebsten zur Heirat auffordern dürfen. Wegen eines Unwetters landet sie aber am anderen Ende der Insel und muss daraufhin in Begleitung eines schlecht gelaunten Pub-Besitzers mit goldenem Herzen (Matthew Goode) durch die irische Landschaft reisen und allerlei Abenteuer bestehen, bis sie herausfindet, wer wirklich der richtige Ehemann für sie ist.

Sie erscheint wie eine moderne Doris Day

Wie schon in ihrem letzten Film, der Kochkomödie "Julie und Julia", erweitert sie das sonst blitzsaubere Charakterprofil um ein paar Neurosen und erscheint so nur noch mehr wie eine modernere Doris Day. Es gibt keinen Sex in "Verlobung auf Umwegen", es wird nicht einmal daran gedacht, und selbst Adams' Kostüme sind so hochgeschlossen und brav, dass sie auch in einen Fünfziger-Jahre-Schinken passen würden.

"Ich finde es schön, wie altmodisch und unschuldig der Film ist", sagt Adams. "Ich sehe mich einfach nicht in einer dieser modernen kruden Komödien mit viel Flucherei und nackter Haut, auch wenn ich sie mir selbst gern anschaue. Seit ,Verwünscht' spüre ich eine gewisse Verantwortung, wenn ich Filme mache, die auf ein großes Publikum angelegt sind. Ich möchte nicht all die jungen Mädchen enttäuschen, die mich als Prinzessin Giselle ins Herz geschlossen haben."

Trotzdem hat ein neuer Abschnitt in ihrem Leben begonnen, der alles verändert, Privatleben wie Karriere. Mit ihrem Verlobten Darren Le Gallo hat sie seit kurzem eine Tochter, sie ist kein junges Mädchen mehr und weiß auch, dass sie nicht ewig eines spielen kann. Sie sei durchaus willens, einmal ihre dunkleren Seiten auf der Leinwand zu erkunden. "Die Frage ist nur, ob die Leute das auch akzeptieren werden", sagt sie. "Ich bin an einem Punkt, an dem ich das Gefühl habe, dass ich auch eine Serienkillerin spielen könnte, und die Leute würden danach immer noch rufen ,Ach, ist die süß!'"

Sie hat die Weichen schon gestellt. Als Nächstes wird sie mit Mark Wahlberg und Christian Bale in dem Boxerdrama "The Fighter" zu sehen sein, "das ist definitiv nichts für Kinder". Darauf folgt die Kinofassung von Jack Kerouacs Beat-Klassiker "On the Road", in der sie die drogensüchtige Jane spielt. Die größte Herausforderung aber ist ihr Auftritt als Janis Joplin, der früh gestorbenen, heroinabhängigen Hippie-Rock-Ikone, deren Leben der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles ("City of God") mit Adams in der Hauptrolle demnächst verfilmen will. Sex, Drogen, Rock 'n' Roll. Zeit, die Unschuld zu verlieren, Amy Adams.



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wabux 12.09.2010
1. Um was geht es hier eigentlich
Zitat von sysopAn der Schauspielerin Amy Adams klebt das Image von Hollywoods bravem Mädchen. Noch. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,716819,00.html
Um was geht es hier eigentlich - um eine fast 40jährige Hollywood-Schauspielerin, deren Jugend mit 40 endgültig vorbei sein wird, die dann nicht mehr sexy als süsse Staffage, aber dramaturgisch unbedeutend im Hintergrund herumläuft? Ja, soon Pech, das war sicher nicht die erste und wird kaum die letzte sein, die das durchmachen muss. Die Rollen, gar Hauptrollen, für 40++jährige dürften deutlich seltener sein. Vielleicht schafft sie es ja in Würde zu altern und versucht nicht ihren 20-Image nachzuhecheln, dann gibt es vielleicht noch ein paar (Neben-)Rollen und das Puplikum akzeptiert sie (noch). Vielleicht ist es aber auch besser, sie kauft sich eine Boutique. Um was ging es doch gleich?
albert schulz 12.09.2010
2. Sie erscheint wie eine moderne Doris Day
Es klingt ein wenig nach einem superharten Porno, der in den weiblichen Hauptrollen mit Mutter Beimer, Heidi Kabel, Inge Meysel und Liselotte Pulver glänzt. Nina Hagen übernimmt das Schminken, Heinz Rühmann mit Willy Millowitsch und Hans-Joachim Kulenkampff die Rammelrollen anstelle von Rock Hudson. Peter Alexander führt Regie und trällert was dazu. Das läuft doch wirklich und wahrhaftig unter Kultur und nicht unter Wirtschaft, oder Wissenschaft, wo ähnlich bedeutende Meldungen fast täglich eintreffen und auch öffentlich preisgegeben werden. Obwohl man unter Kultur wirklich alles versaften kann. Auch diesen unschuldigen Engel als Janis Joplin. Egal ob man den Text liest oder nur eins der Bilder anschaut, bekommt man den Eindruck einer völligen Persiflage. Genau da paßt Doris Day. Die war sls Sexsymbol etwa so aufreizend wie eine Flasche Sagrotan.
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