Film über den 11. September "Der Zeitpunkt ist genau richtig"

Mit "Flug 93" läuft der erste Spielfilm über die Attentate vom 11. September 2001 an. Regisseur Paul Greengrass sprach mit SPIEGEL ONLINE über die Kritik an seiner Version der Ereignisse und den Vorwurf, sein Film komme zu früh.


SPIEGEL ONLINE: Mr. Greengrass, wieso wagten gerade Sie, ein britischer Regisseur, sich an das amerikanische Trauma "11. September" heran?

Regisseur Greengrass: "Objektiverer Blick auf die Ereignisse"
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Regisseur Greengrass: "Objektiverer Blick auf die Ereignisse"

Greengrass: Die besten Filme entstehen aus einer persönlichen Betroffenheit heraus. Ich habe zwar selbst keine Angehörigen durch die Terroranschläge verloren, aber gleich nach den Anschlägen in New York und Washington wuchs in mir der Wunsch, die Ereignisse filmisch zu reflektieren. Ein Regisseur wie ich, der sein Herzblut in ein solches Projekt steckt, ist der sicherste Garant dafür, dass es ein Film wird, auf den man stolz sein kann. Dabei wusste ich zuerst nicht, welchen Aspekt der Tragödie ich thematisieren wollte, doch mir war klar, dass ich die Ereignisse wahrheitsgetreu abzubilden versuchen würde. Ich habe mich immer schon mit solch kontroversen, schwierigen Themen beschäftigt, vor allem in meinen Filmen über Nordirland.

SPIEGEL ONLINE: War es für Sie von Vorteil, als Außenstehender auf die Ereignisse zu blicken?

Greengrass: Ein Aspekt ist natürlich, dass ich als Nicht-Amerikaner vielleicht einen objektiveren Blick habe. Doch ich halte es rückblickend für wichtiger, dass ich bereits Erfahrungen mit dieser Art von Film hatte. Ich habe den Großteil meiner Karriere damit verbracht, Konflikte rund um den Globus filmisch zu begleiten oder zu problematisieren. Wenn man nur einmal mit angesehen hat, wie Menschen in einem Krieg umgebracht werden, dann vergisst man das niemals. Seitdem weiß ich, wie die Natur eines Konflikts beschaffen ist.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch wurde Ihr Film "Flug 93" in den USA nicht nur positiv aufgenommen.

Greengrass: Ich bemerkte eine gewisse Nervosität, als der Trailer in den Kinos gezeigt wurde. Mir wurde schlagartig bewusst, dass ich für das geradestehen musste, was ich fabriziert habe. Die Terroranschläge vom 11. September liegen erst knapp fünf Jahre zurück. Die Wunden sind noch frisch. Es gab viel Kritik. Insgesamt haben wir aber in den vergangenen Wochen gemerkt, dass der Film die Menschen erreicht und beschäftigt. Besonders intensiv habe ich das während der Weltpremiere beim New Yorker Filmfestival in Tribeca gespürt: Das Publikum dort gilt als eines der anspruchsvollsten und unnachgiebigsten. Wenn diese Leute der Überzeugung gewesen wären, wir hätten die Tragödie ausgenutzt, hätten sie uns das mit Sicherheit wissen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Trotz Ihres dokumentarischen Anspruchs soll der Film ja auch Profit erwirtschaften. Ist das für Sie kein Problem?

Greengrass: Einige Millionen Dollar werden an eine entstehende Gedenkstätte für die Opfer von Flug 93 in Shanksville gespendet. Das Filmstudio Universal erklärte sich bereit, zehn Prozent des Kinoumsatzes dafür zu spenden. Doch das ist nicht alles: Erst der Film hat neben einer enormen Spendenbereitschaft unter anderem auch starken politischen Druck aufgebaut, so dass die Gedenkstätte überhaupt erst auf den Weg gebracht werden konnte. Ich glaube, keine Zeitung und kein Fernsehsender haben einen Teil ihrer kompletten Einnahmen für einen solchen Zweck gespendet. Ein Film wie "Flug 93" wird nicht gemacht, um Geld zu scheffeln. Dennoch wird er sicherlich seine Produktionskosten leicht wieder erwirtschaften. Darin sehe ich kein Problem. Die Realität Hollywoods sieht heute glücklicherweise so aus, dass die Filmstudios nicht nur Blockbuster und deren unzählige Fortsetzungen produzieren, sondern den daraus erwirtschafteten Profit in Filme wie unseren stecken.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch müssen Sie sich die Kritik gefallen lassen, Ihr Film komme zu früh.

Greengrass: Ich bin da etwas hin und her gerissen. Einerseits wurde ich in den vergangenen Wochen sehr häufig mit der Frage konfrontiert, ob es nicht zu früh sei für einen Kinofilm über den 11. September, andererseits kam diese Frage nie, wirklich kein einziges Mal auf, als ich mich mit persönlich Betroffenen, also Angehörigen der Terror-Opfer unterhalten habe. Die fragten vielmehr, wieso es so lange gedauert habe, bis sich jemand damit filmisch auseinandergesetzt hat. Ich halte es für widersinnig, dass jeder Fernsehsender rund um den Globus, jede Radiostation, jede Zeitung. jedes Internet-Magazin und unzählige Bücher sich dem Thema über Jahre intensiv gewidmet haben, aber ein Kinofilm offenbar nicht sein darf oder "zu früh" kommt. Es kommt mir widersinnig vor, das Kino in eine Sonderrolle zu drängen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Bedeutung hat ein Kinofilm als Erinnerungsmedium?

Greengrass: Genau dafür ist das Kino erfunden worden: Im Gegensatz zu Nachrichten im Fernsehen oder in Zeitungen, die berichten und kommentieren, schafft ein Kinofilm Bilder, die sich im unbewussten kollektiven Bewusstsein festsetzen. Auf diese eindringliche Art ist das Medium Film einzigartig. Wir werden auf einer sehr sinnlichen Ebene gepackt, gerade weil das Kino mit seiner großen, übermenschlichen Leinwand und seinem lauten, kraftvollen Ton mehr bietet als andere audiovisuelle Medien.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt widersprechen Sie sich aber: Einerseits kritisieren Sie, dass Kinofilme mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht werden, andererseits streichen Sie diese Sonderrolle selbst heraus.

Greengrass: Wichtig ist doch zu hinterfragen, wieso es diese Kluft gibt zwischen dem offensiven Wunsch der Betroffenen, sich dem Thema zu widmen, und den vielen anderen Menschen, die nichts direkt mit den Geschehnissen zu tun haben und lieber die Augen davor verschließen wollen. Denn offenbar gibt es ja tatsächlich eine Menge Menschen, die den 11. September im Kino noch nicht verkraften können oder wollen.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Greengrass: Am deutlichsten zeigt es sich an den betroffenen Familien: Die regen sich zu Recht sehr darüber auf, dass sie vom Rest der Welt das bequeme Etikett "Opfer" aufgeklebt bekommen und die Sache damit erledigt ist. Indem wir ihnen in unserer Selbstgefälligkeit die Opferrolle überstülpen, nehmen wir ihnen die Möglichkeit, gehört zu werden. Indem wir bemängeln, es sei zu früh für einen Film über den 11. September, handeln wir blind und kurzsichtig. Wenn mein Film also diesen Familien eine Stimme geben kann, hat er sich schon ausgezahlt.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie Ihren als ein mögliches Szenario oder als dokumentarischen Bericht?

Greengrass: Ich habe die Grundhaltung, dass Kinofilme die Welt so darstellen sollen, wie sie ist. Es gibt schon genug Unterhaltung aus Hollywood, die natürlich auch ihre Berechtigung hat. Ich selbst sorge ja auch hin und wieder für neue Filme im Unterhaltungssektor. Aber der Kinofilm hat eine lange und ehrbare dokumentarische Tradition – nehmen wir zum Beispiel all die Filme über den Vietnam-Krieg. Wir befinden uns zurzeit auf einem wahren Hoch solcher Arbeiten: "München", "Brokeback Mountain", "Syriana", "Good Night, and Good Luck" und eben auch "Flug 93". So was muss eigentlich viel begeisterter aufgenommen werden. Viele wissen diese Entwicklung, diese Hinwendung zur Realität gar nicht genügend zu würdigen.

SPIEGEL ONLINE: Vor dem Abspann präsentieren Sie in "Flug 93" einige Fakten: Unter anderem steht dort geschrieben, dass die nächsten Kampfflugzeuge der US-Luftwaffe Hunderte Kilometer entfernt waren, als Flug 93 abstürzte. Wie stehen Sie zu den Theorien, die genau das Gegenteil behaupten?

Greengrass: All die Verschwörungstheorien sind unwahr, obwohl ihnen weiträumig Glauben geschenkt werden. Das ist für mich ein Indikator dafür, dass der Film genau zur richtigen Zeit in die Kinos kommt. Je mehr Verschwörungstheoretiker sich um ein Ereignis Gedanken machen, desto bedeutender ist es. Die Wahrheit macht mir viel mehr Angst: Dass das System zusammengebrochen ist. Dass der nächste Kampfjet – übrigens ohne Raketen – 700 Meilen entfernt war. Dass die Behörden keine wirksamen Befehle geben konnten. Der Film handelt davon, dass niemand die Situation unter Kontrolle bekommen konnte – nicht das Militär, nicht die Flugaufsichtsbehörde. Unser Leben ist geprägt von Systemen, wir sind abhängig von ihnen und können ihnen auch zum Opfer fallen.

SPIEGEL ONLINE: Sie führten zahlreiche Interviews mit Angehörigen der Passagiere, aber nicht mit den Familien der Attentäter. Wieso nicht?

Greengrass: Ich habe mich persönlich darum bemüht, auch mit den Angehörigen der Terroristen ins Gespräch zu kommen, aber die Chance wurde mir nicht gegeben. Die Familie von Ziad Jarrah, dem Piloten unter den Terroristen, glaubt bis heute nicht, dass Ziad an Bord war. Wir kamen also schnell an einen Punkt, an dem ein Gespräch nicht mehr produktiv gewesen wäre. Stattdessen hatte ich aber viel Material zur Verfügung, um mich in die Situation der Terroristen einzulesen. Es gab genügend Ermittlungsergebnisse über die Hintergründe der Attentäter. Ich glaube daher, dass wir die Terroristen ebenso glaubhaft darstellen wie die Passagiere. Auch sie waren getrieben von Angst.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie die Passagiere, die ihr Schicksal in die Hand nahmen, für Helden?

Greengrass: Es ist eine Tatsache, dass die Abwehrreaktion der Passagiere im medialen Nachspiel des 11. September für politische Ziele missbraucht wurde. Bester Beweis ist der Ausdruck "Let's Roll", den einer der Passagiere gerufen haben soll, als sie zum Cockpit stürmten. "Let’s Roll" – das wurde zu einer griffigen politischen Formel. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass der Mann, der diesen Begriff in die Welt gesetzt hat, keinerlei politische oder patriotische Hintergedanken im Kopf hatte. Wenn man in einem Flugzeug sitzt, das von Selbstmordattentätern gekapert wird, und man ahnt, dass man sterben wird, sollte man nichts unternehmen? Aber auch beim Versuch, das Ruder herumzureißen, stirbt man. Ist das ein Sieg? Ist das eine Sternstunde des Patriotismus? Natürlich ganz und gar nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie mit Ihrem Film erreichen?

Greengrass: Ich möchte eines ganz deutlich machen: Wir sollten uns von jeglichem politisch konnotierten Ballast befreien und die Geschehnisse so betrachten, wie sie waren:  Ja, die Passagiere waren nichts anderes als außergewöhnlich mutig. Niemand kann den Film sehen und nicht zu der Überzeugung gelangen, dass sie couragiert gehandelt haben. Aber es hat sich eben nicht ausgezahlt. Ihr Mut hat sie nicht gerettet. Jegliche Verherrlichung ist unsinnig.

Das Interview führte Leif Kramp



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