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Kinodoku "1/2 Revolution": Bilder eines Aufstands

Foto: Omar Shargawi, Karim El Hakim

Film über die ägyptische Revolution "Die Mauer der Angst ist eingerissen"

Als auf dem Kairoer Tahrir-Platz die Revolution ausbrach, waren Omar Shargawi und Karim El Hakim live dabei. Den Schrecken und die Hoffnung dieser Tage haben sie in ihrem Film "1/2 Revolution" festgehalten. Im Interview erklären sie, was vom Aufbruch Ägyptens übrig bleiben wird.

SPIEGEL ONLINE: Omar Shargawi, Karim El Hakim, als Sie am 25. Januar 2011 zur Kamera griffen, um die ersten Demonstrationen in Ihrer Kairoer Nachbarschaft am Tahrir-Platz zu filmen, ahnten Sie da, was kommen würde?

El Hakim: Wir ahnten wegen der Ereignisse in Tunesien, dass etwas passieren würde. Aber wir wussten natürlich nicht, welches Ausmaß und welche Form es annehmen würde. Weil wir an einem Spielfilm arbeiteten, den Omar inszenierte, lagen unsere Kameras einsatzbereit auf dem Tisch, und als es losging, rannten wir raus, um alles aufzunehmen. An dem Punkt gab es keinen Plan für einen Film oder dergleichen.

Shargawi: Eigentlich hatte ich nicht geglaubt, dass die Ägypter das durchziehen würden. Bisher war schon die kleinste Versammlung mit großer polizeilicher Härte niedergeschlagen worden. Niemand erwartete, was dann kam, es passierte alles so schnell.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind beide zur Hälfte Ausländer.

El-Hakim: Ja, ich bin Sohn einer in die USA ausgewanderten Schwedin und eines Ägypters.

Shargawi: Ich habe palästinensische Wurzeln und bin in Dänemark großgeworden. Mein Urgroßvater war Ägypter.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie lebten beide zur Zeit der Revolution seit mehreren Jahren in Kairo. Warum?

El Hakim: Ich bin vor zehn Jahren von Kalifornien nach Ägypten gezogen. Nach dem 11. September und vor Beginn des Irak-Feldzugs erschienen mir die USA als unguter Wohnort. Ich war gegen den Krieg und wollte meine Solidarität zeigen, meine Wurzeln erforschen, mich zu einem Teil von etwas Größerem machen.

Shargawi: Ich war vor zehn Jahren zum ersten Mal in Ägypten und habe mich vor über vier Jahren entschlossen, dort zu leben. Ägypten ist ja die zivilisatorische Wiege des Nahen Ostens, der ganzen Welt eigentlich, da kommen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Distanz haben Sie sich auferlegt, als Sie merkten, dass aus Ihren zufälligen Beobachtungen ein Film wird? (Trailer zu "½ Revolution" bei prescreen.com )

Shargawi: Das war nie ein journalistisches Projekt. Es ist ein sehr subjektiver Film, wir wurden ja schnell Teil des Geschehens. Wir sind Filmemacher, also haben wir gar nicht erst versucht, eine objektive Sicht zu bewahren.

El Hakim: Am Anfang ging es nur darum, Material zu sammeln. Meine vage Idee war, das alles auf YouTube zu posten, um der Welt zu zeigen, was hier passiert. Aber dann wurde das Internet abgeschaltet, und wir konnten mit unserem Material nirgends hin. Wir filmten und filmten, und nach ein paar Tagen wurde uns klar, dass wir genügend faszinierende Szenen hatten, um einen filmischen roten Faden zu spinnen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mit den verschiedensten Geräten gefilmt - zunächst mit Videokameras, später nur noch mit Handys.

El Hakim: Ja, am Anfang bin ich mit zwei oder drei kleineren Videokameras rausgegangen, aber das wurde schnell zu gefährlich.

Shargawi: Am ersten Tag filmten ja alle Leute, die Presse, die Polizei, die Leute auf der Straße, alle hatten ihre Handys draußen. Die Regierung wusste, dass die ganze Welt zuschaut. Aber schon am Ende des ersten Tages, nach Einbruch der Dunkelheit, wurde es zur Hölle. Die Polizei verlor die Nerven, es fielen Schüsse, Leute starben.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Material haben Sie gefilmt?

Shargawi: Über hundert Stunden. Auf 16 Millimeter, auf Handykamera, auf Video, und dazu kommt Material von Freunden. Wir konnten nicht mal alles sichten, es war zu viel.

SPIEGEL ONLINE: Der Film, der in den vergangenen Tagen auf dem Sundance Festival im US-Bundesstaat Utah gezeigt wurde, wirkt wie ein überaus rohes Dokument des Aufstands. Wie viel redaktionelle Arbeit steckt drin?

El Hakim: Hier und da mussten wir uns einige kreative Freiheiten im Schnitt nehmen, aber es diente immer dazu, die Ereignisse so genau wie möglich zu rekonstruieren. Ich glaube, im Film kommt das Geschehen sehr unmittelbar rüber.

SPIEGEL ONLINE: Durchaus. Man sieht Tote, Verletzte, Blutlachen, hört Schüsse. Nach welchen Maßgaben haben Sie entschieden, wie viel Gräuel Sie zeigen würden?

Shargawi: Sobald klar war, dass wir die Hauptfiguren dieses Films sind, ging es darum, diese Figuren im Blick zu behalten, anstatt die schockierendsten Bilder zu finden. Es gab einen Moment, mitten in einer Schlacht zwischen den Demonstranten und der Polizei, als wir bedrängt wurden, zur Moschee zu gehen und die vielen dort aufgebahrten Toten filmen. Aber das Geschehen war wichtiger als Leichen und Blut.

El Hakim: Wir waren ja Zeugen von unglaublich couragierten Taten - Menschen, die sich vor Autos warfen, die gegen eine schwer bewaffnete Polizeimacht antraten. Aber man wusste nie, wann ein Schuss fallen würde. Der Tod lauerte um die Ecke, und ich finde das viel spannender, als viel Blut zu zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Die Kamera gibt Reportern bekanntermaßen die Illusion, geschützt zu sein. Welches war für Sie der intensivste Moment?

Shargawi: Seltsamerweise war das Schlimmste, getrennt zu Hause zu sitzen und vor lauter Angst, Paranoia und Unsicherheit gelähmt zu sein. Sobald wir gemeinsam auf der Straße waren, waren wir Teil der Masse, und obwohl wir wussten, dass das, was vielen Leuten dort widerfuhr, auch uns widerfahren könnte, gab es dort doch einen seltsam angstlosen Fatalismus. Was passiert, passiert.

SPIEGEL ONLINE: Mr. El Hakim, Ihre Familie ist Teil des Films: Ihr damals einjähriger Sohn und Ihre Frau Samaher, die kein Blatt vor den Mund nimmt, sind sehr präsent.

El Hakim: Für mich als Filmemacher ist Samaher eine faszinierende Figur, sie nennt die Dinge beim Namen, sie wirkt natürlich, und die Kamera liebt sie. Die Stimmung zu Hause einzufangen, stand im Dienst einer guten Geschichte. Wir sind ja weder typisch westliche Leute noch typische Ägypter, das macht die Dinge interessant.

SPIEGEL ONLINE: Das Kamerabewusstsein der Akteure unterminiert den Film zuweilen etwas. Kritiker bemängelten, dass das Ihrem Film ein Reality-Show-Flair gebe.

Shargawi: Wir mussten Kompromisse machen - wir mussten den Ereignissen, aber auch uns selbst treu bleiben, und wir mussten den Film so bald wie möglich veröffentlichen. Wenn ich mir den Film jetzt anschaue, sehe ich auch Sequenzen, bei denen ich denke: Da gucken wir vielleicht ein bisschen viel in die Kamera, und das hätten wir anders machen sollen. Aber so war es nun mal, und die Rohheit des Films zu bewahren, war für uns entscheidend.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind mit 37 und 42 nicht gerade Kinder der Internet-Generation. Dennoch ist dies eher ein YouTube-Stück als eine traditionelle Doku.

El Hakim: Es ist ja fast ein neues Genre, weil es die Grenze einer traditionellen, objektiven Dokumentation überschreitet. Wir sind zugleich Figuren und Filmemacher, wir filmen unsere Situation.

Shargawi: Die Kamera wurde zum Therapeuten, sie machte es einfacher, sich zu öffnen. Aber wir haben nichts geplant, keine Einstellungen, keine Bilder, wir haben einfach gefilmt.

SPIEGEL ONLINE: Sie leben weiterhin in Ägypten. Macht die Veröffentlichung dieses Film Ihr Leben dort gefährlicher?

El Hakim: Wir werden sehen. Ich bin ein bisschen nervös. Ich bin ja Halb-Ausländer, und das mag mir in dieser Hinsicht zugute kommen. Die Behörden wissen, dass ich viele Kontakte nach außen habe.

Shargawi: Und Ägypten ist ja nicht Syrien. Ich war auf dem Filmfest in Dubai, und dort haben mir syrische Filmemacher gesagt, dass man dort nichts tun kann, ohne sich in Lebensgefahr zu bringen. In Ägypten ist das noch anders, dort gibt man sich zumindest noch Mühe, dem Rest der Welt freundschaftlich verbunden zu bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Der Film heißt nicht umsonst "½ Revolution". Sind Sie pessimistisch im Hinblick auf die Zukunft?

Shargawi: Ich bin nicht pessimistisch in der Hinsicht, dass alles kaputt geht. Aber die Leute, die die Revolution begannen, stehen jetzt am Rand, die Revolution wurde ihnen gestohlen. Die Ägypter waren noch nie so arm, so unterdrückt und so geteilt wie jetzt. Der Geist der Revolution - wir sind alle Ägypter - ist verflogen, jetzt bekämpfen sich Gruppen entlang religiöser und anderer Linien. Ich glaube, es wird noch viel schlimmer, bevor es besser wird. Aber das Positive ist, dass die Angst verloren ging. Vorher ist in Ägypten aus Angst keiner aufgestanden, aber jetzt fürchtet sich niemand mehr, nicht einmal vor dem Tod.

El Hakim: Das ist der Grund, warum ich optimistisch bin. Es sind zwar immer noch die alten Strukturen da, aber zum ersten Mal in der siebentausendjährigen Geschichte Ägyptens haben die Leute ihre kollektive Macht gespürt. Das hat die Mauer der Angst eingerissen und die Leute zusammengebracht. Wir haben uns unsere Würde zurück erkämpft, unter vielen persönlichen Opfern, aber es diente dem Allgemeingut. Und ich glaube, dieser Geist wird Ägypten auf lange Sicht verändern.

Das Interview führte Nina Rehfeld beim Sundance Festival in Utah