Film über Serge Gainsbourg Die Frauen, die Fresse, die Musik

Einer Ikone der Dreistigkeit kann man nur mit gebührender Radikalität begegnen: In seinem Regiedebüt macht der französische Comic-Künstler Joann Sfar aus dem Leben des Pop-Provokateurs Serge Gainsbourg einen knallbunten Film, der es mit der Wahrheit nicht allzu genau nimmt. 

Universal Pictures

Irgendwann kommt es dann. Das unvermeidliche "Je t'aime...moi non plus", die notorische, längst zum Klischee geronnene Bumsballade. Aber bevor der Song im Film "Gainsbourg - Der Mann, der die Frauen liebte" erstmals erklingt, hat Regisseur und Autor Joann Sfar schon so viel richtig gemacht, dass dieses heute eigentlich unhörbare Stück ein wenig von seiner ursprünglichen Radikalität zurückgewinnt.

Comic-Künstler Sfar ("Die Katze des Rabbiners") nähert sich in seinem Kinodebüt der Figur Serge Gainsbourg mit einer befreienden Dreistigkeit, die den 1991 verstorbenen Über-Chansonier vom Denkmalsockel zurück ins überbordende Leben holt. Denn kein klassisches Biopic, sondern vielmehr ein biografisches Märchen will der Film sein. Historische Eckdaten und Ereignisse finden darin gleichwohl ihren Platz, doch in den besten Momenten entwirft Sfars prallvoller Bilderbogen aus der Perspektive seines Helden heraus eine angeschrägte Parallelwirklichkeit. Den Fortgang der Erzählung bestimmen dabei jene zwei Triebfedern, die Gainsbourgs öffentliches Image bis heute prägen: die Musik und die Frauen.

Letztere dominieren im Film als Fluchtpunkte der Sehnsucht schon die Kindheit des Mannes, der 1928 als Lucien Ginsburg in Paris in eine russisch-jüdische Familie geboren wurde. Der kleine Lucien (Kacey Mottet Klein) wird selbst oft für ein Mädchen gehalten und ob seines zarten Äußeren Ginette gerufen. Seine Schüchternheit überwindet er mit einer trotzigen Vorstellungskraft, der die feindselige Welt nicht widerstehen kann. Indem er sich als romantischen Rebellen imaginiert - dabei schon immer die obligatorische Gitanes im Mundwinkel -, übersteht er auch die Traumata der Besatzungszeit, die Verfolgung durch die Nazis und das Leben im Versteck, getrennt von Eltern und Geschwistern.

Zweifel und innere Rastlosigkeit

Nach dem Krieg findet die Familie in Paris wieder zusammen, und in den fünfziger Jahren beginnt der erwachsene Lucien (Éric Elmosnino) seine kreative Sinnsuche. Zunächst in der Malerei, denn das vom Pianistenvater erlernte Klavierspiel scheint ihm anfangs nur für den schnöden Broterwerb in Bars geeignet. Doch dann begegnet er dem ebenso trinkfesten wie furchtlosen Boris Vian (Philippe Katerine): Der kompromisslose Dichter begeistert sich für eine Eigenkomposition des Kneipenmusikers und verpasst Lucien Ginsburg kurzerhand den kühnen Künstlernamen Serge Gainsbourg.

In diesen Episoden begeistern Tempo und narrative Freiheit des Films sowie die phantastischen Projektionen des jungen Gainsbourg: So findet er sich immer wieder im Zwiegespräch mit einer monströsen Karikatur seiner Selbst: "La gueule", die Fresse, nennt er dieses psychologische und physische Zerrbild, das er verachtet und dessen Einflüsterungen er doch nicht ignorieren kann. La gueule verkörpert seine Zweifel und die innere Rastlosigkeit. Mit einer überdimensionierten Ausgabe von Gainsbourgs prominenter Nase stößt sie auf die wunden Punkte des Künstlers.

So flüchtet er aus Beziehungen und Ehen, allein um sich gleich wieder zu verlieben. Das getriebene Dasein verleiht zugleich seiner Musik Flügel: Die große Juliette Gréco (Anna Mouglalis) interpretiert sein Stück "La Javanaise", und mit "Poupée de cire, poupée de son" gewinnt die junge France Gall den Eurovision Song Contest. Als Komponist oszilliert Gainsbourg nun scheinbar mühelos zwischen Chanson und Beat, lyrischem Konzeptalbum und Schlagersingle.

Mutige Ansatz statt biederen Biografie

Joann Sfar lässt den Liedern gebührend Raum, und ohne Frage ist seine Sicht auf die Entstehung von bekannten Ballladen wie "Bonnie and Clyde" kurzweilig inszeniert. Aber ab dem Moment, in dem der Erfolg Serge Gainsbourg zum Star und damit zur öffentlichen Person macht, erstarrt sein Film zusehends in der Rekonstruktion vertrauter Motive: Die Muse Brigitte Bardot (Laetitia Casta), die sich nur in ein Bettlaken gehüllt auf dem Flügel räkelt, fehlt da ebenso wenig wie die grazilen Posen der großen Liebe Jane Birkin. Die wird, mit viel Verve und Herz, von der Britin Lucy Gordon gespielt, die - ein tieftrauriger Aspekt der Produktion - im Frühjahr dieses Jahres Selbstmord beging.

Zweifellos meistern die Darsteller, allen voran der formidable Éric Elmosnino, die mimetischen Herausforderungen perfekt. Doch das Anarchische und Verspielte, das Sfars Vision eines unheiligen Heldenlebens über weite Strecken vermittelte, weicht im letzten Drittel akkuraten, aber uninspirierten Abbildern von Skandalen und Schicksalsschlägen. Damit werden es dann doch noch recht lange 130 Minuten. Als unstrittiger Verdienst des Films bleibt der mutige Ansatz, das biedere Format der Künstlerbiografie aufbrechen zu wollen.

So ist die Zeit im Kino keineswegs ganz vertan, macht sie doch Lust, danach Gainsbourgs singuläres Schaffen neu oder wieder zu entdecken: immer der großen Nase nach in die Popgeschichte.



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