Filmdrama "Winterreise" Blutige Pferde im Kopf

Die Auseinandersetzung mit einer dominanten Vaterfigur fand schon in Hans Steinbichlers imposantem Regiedebüt "Hierankl" statt. In seinem neuen Film "Winterreise" spielt Josef Bierbichler einen Mann, der außer Kontrolle gerät - ein wandelndes Epizentrum am Rande des Wahnsinns.
Von Gabriele Meierding

Manchmal löst sich der unerträgliche Druck des Seins in einem Kalenderspruch auf. Gerne werden diese kleinen Weisheiten des Alltags auch mit dem Zucker zum Kaffee gereicht. "Um an die Quelle zu kommen, muss man gegen den Strom schwimmen", ist auf einem Portionstütchen zum Heißgetränk zu lesen. Tatsächlich dient sich dieses Naturgesetz nach einem Gespräch mit Hans Steinbichler über seinen neuen Film "Winterreise" als Lebensbilanz seines gegen den Strom ringenden Protagonisten Brenninger an.

In seinem Fall wäre lediglich "Quelle" durch das Wort "Erlösung" zu ersetzen. Denn die will er in Afrika finden, wo die Farben dann doch nicht so mythisch leuchten wie im ersten Bild. Dennoch scheint sich hier in der inneren Geografie eines Getriebenen etwas zu verschieben. "Winterreise" erzählt die Geschichte eines Mannes, der als wandelndes Epizentrum im engen oberbayerischen Wasserburg außer Kontrolle gerät.

Naturereignis hat man solche Kerle wie Franz Brenninger immer genannt. Gelegentlich sagt man das auch von Josef Bierbichler, der diesen strapaziösen Charakter imposant verkörpert. Brenninger ist der klassische Vertreter jener Vätergeneration, die etwas aufgebaut hat. Nur um welchen Preis? Auf den Schultern der Ehefrauen, auf Kosten der Kinder und am Ende auch auf Kosten der eigenen mentalen Gesundheit. Dem Eisenwarenhandel droht die Pleite, die Ehefrau (Hanna Schygulla) bemüht sich auch von Krankheit geschwächt noch um Stärke, und Brenninger randaliert. In der Kirche pöbelt er bei einer Schubertmesse wegen des mickrigen Gesangs, im Büro macht er die "Arschlochpost" schon gar nicht mehr auf, zu Hause dröhnt er sich unter Kopfhörern mit Rockmusik zu, und wenn er die innere Hitze nicht mehr aushält, stellt er sich nackt ins offene Fenster und atmet gierig die kalte Winterluft ein.

Depression als Volkskrankheit

Brenninger droht, an sich selbst zu ersticken. Blutige Pferde galoppieren durch seinen Kopf. Wenn nichts mehr geht, kann auch sein Seelenverwandter nicht mehr helfen. "Schubert, du bist ein Arschloch!" beschimpft er dann den Komponisten der "Winterreise", die doch sein Lebenselixier ist und das Leitmotiv seiner eigenen Reise. "Wie ein innerer Strom", sagt Hans Steinbichler, durchzieht das Musikstück diesen Film. Auch den Regisseur verbindet viel mit diesem Liederzyklus, der ihn bereits in der Kindheit fasziniert hat. "Für mich war es wie ein Geschenk: Einen Film nur auf den Sepp Bierbichler zuzuschneiden und das mit der ‚Winterreise’ zusammenzubringen."

Die Melancholie der Winterreise ist ein Hinweis, die Inhaltsangabe vermittelt es, ohne es explizit zu sagen. Franz Brenninger ist manisch-depressiv. Auch im Film wird dieses stigmatisierende Wort vermieden. "In der ersten Drehbuchfassung wurde das Manisch-Depressive stark thematisiert, Ärzte kamen zu Wort, dagegen hatte ich Bedenken", erklärt Steinbichler. "Denn ich glaube nicht, dass es für einen Charakter gut ist, wenn der Zuschauer ihn und seine Emotionen von vornherein als krank einstuft. Ich wollte, dass wir das Manisch-Depressive in diesem Film so wie im Alltag wahrnehmen." In einer Zeit, da sich die Depression zwar zur Volkskrankheit ausweitet - dies aber diametral entgegengesetzt zum allgemeinen Wissensstand - mögen viele Zuschauer der Empfehlung des Regisseurs folgen.

Sie werden Brenninger also als einen Menschen mit extremen Stimmungsschwankungen erleben. "Mir war wichtig, den Menschen in den Vordergrund zu stellen", betont Steinbichler, "und ihm nicht gleich den Stempel ‚krank’ aufzudrücken sondern ihn einfach agieren zu lassen." Das Etikett "krank" verbunden mit der dringenden Empfehlung, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, lässt der sich eh nicht gefallen. "Ich bin gut drauf, du Arschloch" belehrt er seinen Sohn und organisiert sich Geld für die Afrikareise.

Mit dem Aufbruch nach Kenia bricht auch der Film aus seiner Geschlossenheit auf in die Heimatlosigkeit. Verkörpert wird sie von Sibel Kekilli in der Rolle einer jungen Kurdin. Leyla, von Brenninger als Übersetzerin für die Kommunikation mit den Geschäftsleuten aus Kenia engagiert, begleitet ihn. Ihre Funktion in dieser Geschichte erscheint ebenso metaphysisch wie die eingeschriebene Erlösung. "Ein Schutzengel", wie der Regisseur sagt. Dass die Winterreise in Afrika ihre Konsistenz verliert, hört er nicht so gerne. "Wenn ich diesen Film jetzt sehe, bin ich immer heilfroh, wenn wir in Afrika ankommen, weil ich dieses Stakkato des Untergangs davor fast schon nicht mehr ertrage. Dieses Scharfkantige, diese Gemeine und Brutale von Brenninger muss sich zwangsläufig in einem Land verlieren, wo er merkt, dass er mit seinem Problem keinen Sonderstatus hat."

Trotz der erfreulich realistischen Bilder von Bella Halben erwartet uns in Afrika das elegische Finale der bis dahin packenden Winterreise. Das mag daran liegen, dass Schuberts Lieder schon lange vor Brenninger dort angekommen sind. Ein Deutscher (André Hennicke), der hier in Kenia etwas verloren hat, hört sie, wenn ihm nach Weinen zumute ist und spricht es auch endlich aus: Die "Winterreise" ist die Chronik einer Depression.

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