Die besten Filme der Woche Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs

Eine gelungene Kitschkomödie von und mit Karoline Herfurth, ein herzergreifendes Drama über Schuld und Sühne – sowie der unglaubliche Fall des Tinder-Schwindlers: Das sind unsere Filmtipps für Kino und Streaming.
Karoline Herfurth in »Wunderschön«: Gutes Gespür für Rhythmus und Timing

Karoline Herfurth in »Wunderschön«: Gutes Gespür für Rhythmus und Timing

Foto: Warner Bros.

»Wunderschön« (ab jetzt im Kino)

Wer versucht, sich selbst zu optimieren, hat es schwer, sich selbst zu verwirklichen. Auf dieser Annahme basiert Karoline Herfurths Episodenfilm »Wunderschön«. Er handelt von Frauen verschiedenen Alters, die mit sich und den an sie gestellten Anforderungen hadern. Eine zweifache Mutter will zurück ins Berufsleben (Herfurth), eine Lehrerin hält sich für beziehungsunfähig (Nora Tschirner), eine Buchhändlerin (Martina Gedeck) fühlt sich in ihrer Ehe wie gefangen, ein Model (Emilia Schüle) kämpft mit dem Schlankheitswahn, und eine Schülerin (Dilara Aylin Ziem) leidet unter den Erwartungen ihrer Mutter.

Herfurth ist ein gefühlvoller und vergnüglicher Film gelungen. Man mag einwenden, dass sie die Konflikte, in die ihre Heldinnen geraten, zwar zuspitzt, sie aber nicht so weit eskalieren lässt, dass ein böses Ende unausweichlich wäre. Den Weg zum glücklichen Ausgang ihrer Geschichten will sie sich nicht verstellen. Aber seit ihrem Regiedebüt »SMS für Dich« (2016) hat sie wenig Zweifel daran gelassen, dass sie Unterhaltungskino machen möchte. Die Zuschauerinnen und Zuschauer sollen gut gelaunt aus dem Kino kommen.

Sie hat ein gutes Gespür für Rhythmus und Timing und gibt den Staffelstab rechtzeitig von einer Figur an die nächste weiter. Es ist nicht einfach, bei diesem Tempo in die Tiefe zu gehen. Herfurth gelingt dies nicht immer, aber ziemlich oft. Die Freundschaft, die das Model zu einem Mädchen in der Nachbarschaft entwickelt, hat enormes Kitschpotenzial: Die Kleine ist Halbwaise, sieht aus wie ein Engel und kümmert sich um eine streunende Katze. Doch selbst daraus macht Herfurth eine wirklich anrührende Episode. Lars-Olav Beier
»Wunderschön«, Deutschland 2022. Regie: Karoline Herfurth. Buch: Lena Stahl, Monika Fäßler, Karoline Herfurth. Mit: Martina Gedeck, Nora Tschirner, Emilia Schüle, Dilara Aylin Ziem, Herfurth. 132 Minuten.

»Ballade von der weißen Kuh« (ab jetzt im Kino)

Die Schauspielerin und Regisseurin Maryam Maghaddam und der Regisseur Behtash Saneeha haben einen nüchternen, wunderbar klaren und herzergreifenden Film über Schuld und Sühne gedreht. Er spielt im Iran der Gegenwart und erzählt von einer Frau, die mit ihrer Tochter allein in der Großstadt lebt – nachdem ihr Mann hingerichtet wurde, wegen Mordes.

Monate nach der Exekution teilen ihr die Behörden mit, dass das Todesurteil ein Justizirrtum war. Man sieht Maghaddam in der Rolle der Heldin Mina am Tisch einer Amtsstube überrascht und empört aufstehen und losschluchzen, als ihr der Befund des Gerichts verkündet wird. Ein anderer Mann hat die Tat gestanden, für die ihr Gatte getötet wurde. »Uns ist klar, dass nichts den Ehemann ersetzen kann«, sagt der Justizbeamte. »Aber sicher ist, dass es Gottes Wille war.«

Regisseurin und Hauptdarstellerin: Maryam Maghaddam in »Ballade von der weißen Kuh«

Regisseurin und Hauptdarstellerin: Maryam Maghaddam in »Ballade von der weißen Kuh«

Foto: Amin Jafari / Weltkino

Der Film »Ballade von der weißen Kuh« ist das Werk eines unter den Augen der iranischen Zensur arbeitenden Regieduos – Maghaddam und Saneeha sind im realen Leben miteinander verheiratet – und überlässt es den Zuschauerinnen und Zuschauern, über solche Aussagen zu urteilen. Der Titel spielt offenbar auf ein Zitat aus dem Koran an, zu Beginn des Films sieht man eine große bleiche Kuh auf einem Gefängnishof stehen. Aber es sind nicht solche großen poetischen Bilder, die einen als Zuschauer mit verblüffender Wucht treffen. Es sind die eher alltäglichen Szenen, in denen die Heldin mal mit und mal ohne ihre siebenjährige Tochter durch die Alltagswelt der Großstadt irrt.

Man sieht Mina auf langen Autofahrten mit dem Bruder ihres toten Mannes und mit der Nachbarin, deren Ehemann die womöglich unkeusche Witwe aus der Wohnung nebenan schnellstmöglich aus dem Haus haben will. Man sieht Mina an ihrem Arbeitsplatz, einem riesigen Milchwerk, und im Kampf mit den Behörden, die ihr eine lächerliche Entschädigung zu bezahlen bereit sind.

Reza, ein zunächst rätselhafter Mann, der sich als Freund ihres toten Gatten vorstellt, drängt Mina seine Hilfe auf, will ihr mit Geld beistehen und eine neue Wohnung besorgen. Bald kommt heraus, dass Reza (Alireza Sanifar) einer der Richter ist, die für das Todesurteil verantwortlich waren. Von Reue gepeinigt, ist er dabei, seinen Beruf hinzuwerfen. »Ballade von der weißen Kuh«, der im vergangenen Jahr auf der Berlinale im Wettbewerb lief, ist ein zur Trauer entschlossener und doch sanft tröstlicher Film. Kein lauter Aufruf zum Widerstand und auch keine zornige Anklage gegen ein ungerechtes Herrschaftssystem, sondern eher eine bedächtige Erforschung der Frage, was Gerechtigkeit und was Strafe bedeuten kann in einer Welt voller sichtbarer und unsichtbarer Zwänge. Ihr Film handle von »Ehrlichkeit«, sagt die Co-Regisseurin Maghaddam über dieses wirklich berührende Gesellschaftsdrama. Wolfgang Höbel

»Ballade von der weißen Kuh«, Iran/Frankreich 2021. Regie: Behtash Sanaeeha, Maryam Moghaddam. Buch: Mehrdad Kourashniya, Sanaeeha, Maghaddam. Mit: Maryam Maghaddam, Alireza Sanifar, Pourya Rahimisam. 105 Minuten.

»Der Tinder-Schwindler« (Netflix)

Der Mann, der Shimon Hayut heißt und sich wahlweise als Diamantenhändler Simon Leviev oder Waffenhändler Mordechay Tapiro ausgibt, sieht auf Fotos und Videoclips auf fast schon komische Weise aus wie der Inbegriff des Jetsetters. Er trägt wahrscheinlich sündhaft teure karierte Stoffhosen und Slipper mit goldenen Bordüren, die Brille einer Luxusmarke, einen gepflegten Dreitagebart und ein gewinnendes Lächeln. Wahlweise lichtet er sich selbst in Privatjets oder schweren Limousinen ab und kreiert auf Tinder und Instagram das Bild eines reichen, schwer arbeitenden, ständig reisenden Erfolgsunternehmers. In Wahrheit ist Hayut ein Gewohnheitsverbrecher, der Frauen belügt und bestiehlt.

Nahaufnahme eines Verbrechers: Standbild aus der Doku »Der Tinder-Schwindler«

Nahaufnahme eines Verbrechers: Standbild aus der Doku »Der Tinder-Schwindler«

Foto: Courtesy of Netflix / Netflix

Die Geschichte seines Raubzuges in ganz Europa ging vor zwei Jahren durch die Presse, auch DER SPIEGEL berichtete darüber . Jetzt schickt Netflix eine Dokumentation hinterher, die zunächst eine Liebesgeschichte nachzeichnet und endet wie ein Rachethriller. Die Norwegerin Cecilie steht dabei im Mittelpunkt. Sie ist eines der vielen Opfer von Hayut, der ihr mit großem Aufwand vorgaukelt, der Erbe eines Diamanten-Imperiums zu sein. Sie verliebt sich in ihn, sucht schon eine gemeinsame Wohnung, die er bezahlen will, als die Forderungen nach Geld beginnen. Hayut behauptet, von »Gegnern« verfolgt zu werden und keinen Zugang zu seinen Konten zu haben.

Cecilie verschuldet sich für ihn und landet, nachdem er ihr droht und immer mehr Geld verlangt, schließlich gar in der Psychiatrie. Erst, als sie sich an die Presse wendet, dreht sich das Blatt. Mit der Unterstützung von Journalisten und anderen Opfern findet sie Hayut und macht seine Masche publik.

Die Doku über den Fall wird sicher nicht in die Annalen des Dokumentarfilms eingehen, dafür fehlen eine eigene Handschrift und eine fundiertere psychologische Analyse. Aber der Fall an sich ist so unglaublich und schillernd, dass er bis zum Schluss spannend bleibt. Oliver Kaever

»The Tinder-Swindler«, GB 2022. Regie: Felicity Morris. 113 Minuten.

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