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"Der verlorene Sohn": Mit Gebeten gegen das Begehren

Foto: Universal Pictures

Filme über Konversionstherapie Verlorene Söhne, verbotene Töchter

Modethema Konversionstherapie: "Der verlorene Sohn" mit Nicole Kidman und Russell Crowe ist nicht der einzige Film, der von dubiosen Umerziehungskursen für Homosexuelle erzählt. Was steckt hinter dem Trend?

Als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am vergangenen Freitag ankündigte, sogenannte Konversionstherapien verbieten zu wollen, war die Überraschung groß. Sind Kurse, mit denen Homosexuelle von ihrer sexuellen Orientierung "geheilt" werden sollen, wirklich ein Thema in Deutschland?

Sie sind es in jedem Fall im Kino, denn jüngst haben gleich drei Filme die Konversions- oder auch Reparativtherapie genannte Behandlung aufgegriffen: "Der verlorene Sohn" von Joel Edgerton, "The Miseducation of Cameron Post" von Desiree Akhavan und "Temblores" von Jayro Bustamante.

"Der verlorene Sohn" kommt diese Woche in Deutschland in die Kinos, er stellt gewissermaßen die Hollywood-Behandlungsmethode des Themas dar. Basierend auf den Memoiren des US-Journalisten Garrard Conley spielt Shootingstar Lucas Hedges ("Manchester by the Sea") einen jungen Mann namens Jared, der in einem strengen Baptistenhaushalt aufwächst.

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"Der verlorene Sohn": Mit Gebeten gegen das Begehren

Foto: Universal Pictures

Zunächst macht er nur Gewalterfahrungen in Zusammenhang mit seiner Homosexualität: Sein erster homoerotischer Flirt auf dem College vergewaltigt ihn und verrät anschließend auch noch Jareds Neigung an die Eltern (Nicole Kidman und Russell Crowe). Angsterfüllt lässt sich Jared deshalb zu einer Konversionstherapie überreden. Als er dort Zeuge eines brutalen Exorzismus-ähnlichen Rituals an einem anderen Teilnehmer wird, überwindet er jedoch seine Selbstzweifel und flieht.

Mit großem Staraufgebot mobilisiert "Der verlorene Sohn" so gegen die Konversionstherapie, obwohl die nach einer Hochzeit in den Neunzigerjahren allein in Teilen der religiösen Rechten der USA noch nennenswerten Rückhalt hat. Gleichzeitig streift der Film bestenfalls die Rolle von Religion bei der Verfolgung von Homosexuellen. Kidman und Crowe stellen als die streng gläubigen Eltern nicht das religiös Andere, sondern das kulturell Andere dar: Sie trägt eine gelb-blonde Perücke und Modeschmuck, er kurzärmelige Hemden und üppigen Hüftspeck, gemeinsam sind sie Oscar-Gewinner in Themen-Drag.

Im Schauspielspektakel, das von Kurzauftritten von Sänger Troye Sivan und Regisseur Xavier Dolan weiter befeuert wird, gerät so die gesellschaftspolitische Dimension des Themas aus dem Fokus. Hier muss sich niemand in seinem Glauben oder seiner Geschlechterrolle infrage gestellt fühlen.

Juan Pablo Olyslager (Mitte) in "Temblores"

Juan Pablo Olyslager (Mitte) in "Temblores"

Foto: TuVasVoir/ Berlinale

Solche Verunsicherungen gelingen Jayro Bustamantes "Temblores" (Erschütterungen) umso besser. In dem guatemaltekischen Drama, das soeben auf der Berlinale in der Sektion Panorama Weltpremiere feierte, steht der zweifache Vater Pablo (Juan Pablo Olyslager) im Mittelpunkt, der sich gegen die Familie und für seinen Liebhaber entscheidet.

Diese Entscheidung wollen weder seine auf Status fixierte Ehefrau noch sein reicher Familienclan akzeptieren. Sie verweigern Pablo den Kontakt zu den Kindern und streuen Gerüchte, er habe sie missbraucht. Pablo verliert daraufhin seinen hoch dotierten Job bei einer Kanzlei. Am Ende ist es nur die Kirche, bei der er eine Anstellung findet - hier glaubt man schließlich noch an Sühne. Weil er sonst augenscheinlich keine Vergebung erwarten kann, lässt sich Pablo schließlich auf eine Behandlung ein und spricht auf Anleitung einer selbst ernannten Therapeutin bald Dankesgebete, dass er kein Sklave, kein Heide und keine Frau ist.

Geschickt fängt Bustamante so ein, wie vielschichtig Homophobie in die Gesellschaft verwoben ist, wie eng sie mit Heteronormativität und starren Vorstellungen von "richtigen" Familien verbunden ist - und wie wirkmächtig das Vorurteil noch immer ist, dass männliche Homosexualität und Pädophilie etwas miteinander zu tun hätten. Am Ende erscheint Pablos Einwilligung in eine Therapie nicht wie eine eigenständige Entscheidung, sondern wie eine von der Gesellschaft getroffene.

Während "Temblores" und "Der verlorene Sohn" in der Gegenwart bzw. in der jüngeren Vergangenheit spielen, setzt "The Miseducation of Cameron Post" (bislang nur auf DVD erschienen) in den Neunzigerjahren an - und damit zu einer Zeit, als mit "Weil ich ein Mädchen bin" zum ersten Mal ein US-Film Konversionstherapien aufgriff.

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Mit Jamie Babitts Regiedebüt von 1999 (Originaltitel: "But I'm a Cheerleader") teilt Desiree Akhavan die lesbische Teenagerin als Hauptfigur. Sie bringt mit ihrem Begehren die starre Highschool-Hetero-Ordnung von Prom Kings und Queens, Jocks und Cheerleadern durcheinander und wird prompt zur Umerziehung verdonnert.

Wo Babitt auf satirische Überzeichnung setzte, schlägt Akhavan jedoch melancholischere Töne an. Sie erzählt die titelgebende Fehlerziehung von Cameron Post (Chloë Grace Moretz), die von ihrer Pflegemutter zu der Therapie gedrängt wird, einerseits als typisches Coming-of-Age. In einer Mischung aus Ferienlager und Sonderschule muss sich Cameron neue Freunde suchen, von falschen Autoritäten emanzipieren und ihren eigenen Weg durchs Lebensdickicht finden.

Andererseits arbeitet Akhavan hervor, wie viel schwieriger dieser Prozess für queere Jugendliche ist. Wenn ihr Begehren so grundsätzlich infrage gestellt wird, dass es spezielle Umerziehungsprogramme für sie gibt, dann langt nicht die einfache Emanzipation, dann kann eigentlich nur der komplette Ausbruch aus den bisher gelebten Strukturen die Konsequenz sein.

Am Ende von "The Miseducation von Cameron Post" stehen der schmerzhafteste Konflikt, aber auch die größte Befreiung. Das eine ist sozial bedingt, das andere von Cameron persönlich verantwortet. So gelingt Akhavan ein Film, der die Geschichte ihrer Hauptfigur in deren Händen belässt, ohne sie gleichzeitig zu privatisieren - eine prekäre, aber entscheidende Balance, die die anderen Filme nicht halten.


"Der verlorene Sohn" läuft seit 21. Februar in den deutschen Kinos. "Temblores" hat bislang noch keinen Kinostart.