Filmemacher John Singleton Hollywood sieht schwarz

Afroamerikanisches Kino wird immer noch als Nischenprodukt gehandelt. Der Regisseur und Produzent John Singleton, berühmt geworden mit dem Ghettodrama "Boyz N The Hood", ist dabei, dies nachhaltig zu ändern: mit dem Rachethriller "Vier Brüder" und dem exzellenten Rapfilm "Hustle & Flow".
Von Uh-Young Kim

John Singleton weiß nur zu gut, dass es afroamerikanische Filmemacher in Hollywood nicht leicht haben: "Entweder du wirst auf Klischees von Schwarzen reduziert, oder du musst dich an die glatten Formeln des weißen Hollywood anpassen." Zwischen Stereotypen und Selbstbehauptung hat sich der 35-jährige Regisseur dennoch als eigensinniger Macher etabliert und genießt regelmäßig die Gunst von Publikum und Kritik.

Anfang der Neunziger galt Singleton neben Spike Lee und den Hughes Brüdern als größte Hoffnung des New Black Cinema. Unter den Autorenfilmern aus der HipHop-Generation ist er der klassischste. Sein Werk umfasst so unterschiedliche Filme wie die Blaupause des Ghetto-Genres ("Boyz N The Hood"), ein Hollywood-Remake ("Shaft"), die Verfilmung eines rassistischen Massakers ("Rosewood") und stumpfes Popcornkino ("2 Fast 2 Furious").

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Zweimal John Singleton: "Hustle & Flow" und "Vier Brüder"

Foto: UIP

War sein fulminantes Debüt mit "Boyz N The Hood" noch stark regional gefärbt, weiß Singleton heute um die Universalität schwarzer Popkultur in der Unterhaltungsindustrie. So überschreitet er in seinem neuen Film "Vier Brüder" mühelos ethnische Grenzen, indem er zwei schwarze und zwei weiße Schauspieler als Adoptivbrüder besetzt. Das gemischte Doppel kommt in dem neuzeitlichen Blaxploitation-Western zusammen, um den Mord an ihrer Mutter zu rächen.

Als Produzent wiederum hat Singleton der Independent-Produktion "Hustle & Flow" jüngst die Schubkraft eines Blockbusters verschafft. Die Geschichte eines Zuhälters, der zum Rapper wird, ist die geerdete Antithese zu 50 Cents neureicher Lebensverfilmung. Regie bei diesem leidenschaftlichen HipHop-Film führte ausgerechnet der weiße Südstaaten-Redneck Craig Brewer.

Gibt es denn überhaupt noch Merkmale einer schwarzen Filmkultur? Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE antwortet John Singleton nüchtern: "Es geht einfach darum, schwarze Menschen auf der Leinwand zu zeigen." Der Marvin-Gaye-Fan fügt hinzu: "Da ist auch immer eine Verbindung zur Musik." So gingen die Blütezeiten des afroamerikanischen Kinos in der Tat mit denen von schwarzer Musik einher.

1971 startete mit "Sweet Sweetback's Baad Asssss Song" die Blaxploitationwelle. Auf Melvin van Peebles' Pionierarbeit folgte der populäre Detektivfilm "Shaft", dessen Soundtrack von Isaac Hayes mit dem Oscar prämiert wurde. Unterlegt mit Musik von Curtis Mayfield etablierte "Superfly" wiederum den schwarzen Kriminellen als Antihelden - eine Figur, die später konstituierend für den Gangsta-Rap und seine kintopphafte Qualität werden sollte. 1975 hatte sich das einst radikale Genre in kommerziellen Variationen erschöpft.

In den Achtzigern kündigten Komödianten wie Richard Pryor und Eddie Murphy sowie der Erfolg der "Cosby Show" die Übernahme der Popkultur durch afroamerikanische Stars an. Aber erst als die goldene Ära von Rap eingeläutet wurde, erfand Spike Lee mit "She's Gotta Have It" (1986) den schwarzen Autorenfilm neu. Im Geiste der jungen HipHop-Kultur fand das New Black Cinema 1991 seinen Höhepunkt: "New Jack City", "Jungle Fever" und "Boyz N The Hood" führten das Jahr des afrozentrischen Films an, John Singelton wurde mit 23 Jahren für den Oscar nominiert. So wie Lees Filme von Brookyln handelten, wählte Singleton seine Heimat South Central L. A. als Setting für sein Debüt.

In "Boyz N The Hood" hatte der zum Filmstar gewordene Ice Cube sein Leinwanddebüt. Mit dieser Besetzung hat Singleton die Tore von Hollywood für Rap-Stars Will Smith, LL Cool J, Snoop Dogg oder Mos Def geöffnet. Erst neulich beschwerte sich Samuel L. Jackson darüber, dass Rapper ausgebildete schwarze Schauspieler verdrängen und lehnte eine Rolle neben dem Laien 50 Cent ab. Singleton hingegen beweist immer wieder ein sicheres Gespür bei der Auswahl charismatischer Talente aus dem HipHop. So verpflichtete er Tupac an der Seite von Janet Jackson, bildete den R'n'B-Sänger Tyrese Gibson zum Schauspieler aus und entdeckte den Publikumsliebling Ludacris für die Kamera.

Western goes Motown

In "Vier Brüder" spielt das Multitalent Andre Benjamin - auch als Andre 3000 von der Gruppe Outkast bekannt - eine Hauptrolle an der Seite von Mark Wahlberg, der seine Karriere ebenfalls am Mikrofon begann. Wie in allen Singleton-Filmen treiben Männerbündnisse den Plot an. Wahlberg als ältester Bruder rauft sich mit den jüngeren, man macht im Auto Jagd auf Verdächtige, und auf der Suche nach dem Mörder der Mutter werden einige Clubs aufgemischt, als seien sie Saloons.

Auf den Western greift auch das Motiv des persönlichen Rachefeldzugs zurück. Nur zeichnen sich am Horizont nicht mehr hoffnungsvolle Weiten ab. Unterlegt von Soulmusik aus der psychedelischen Ära von Motown bewegen sich die Figuren durch das eisige Wasteland der schrumpfenden Metropole Detroit - ein Ort des Niedergangs und der Lebensfeindlichkeit.

Singleton zollt auch urbanen Vendetta-Klassikern wie "Dirty Harry" Tribut, ohne allerdings an ihren Nihilismus heranzureichen. Auch wenn die Brüder mitunter die Justiz in einer gesetzlosen Welt selbst in die Hand nehmen, folgen sie einem Ehrenkodex: Unrecht muss wieder gut gemacht werden - im Idealfall durch einen ordentlichen Faustkampf.

Von der Straße ins Studio

In "Hustle & Flow" dagegen ist die soziale Struktur aufgelöst, im Milieu des Ghettos herrschen Hobbes'sche Verhältnisse. Nur eine zufällige Begegnung führt dazu, dass der Zuhälter DJay versucht, sich als Rapper aus der Midlife-Krise zu ziehen. Der erste Film, der den Südstaaten-HipHop-Stil Crunk portraitiert, ist im rohen Blaxploitation-Stil gehalten. Die Schwüle und Hitze von Memphis lassen Schweiß und Goldzähne besonders authentisch glänzen. Isaac Hayes hat einen Gastauftritt als Barbesitzer und Säulenheiliger.

Die obligatorische Rapperrolle ist mit Ludacris solide besetzt, muss aber gegen die kraftvolle Darstellung des verzweifelt getriebenen DJay durch Terrence Howard abfallen. Dessen Hochspannungsperformance bei der Entstehung einer Demoaufnahme überträgt die Power von Rapmusik unverfälscht auf die Leinwand.

In die Kritik geraten ist der Film für den maskulinen Blick, der der bürgerlichen Presse schon in den Siebzigern am Blaxploitation-Genre missfiel. Besonders die Darstellung von Frauen lässt wenig Raum für Zwischentöne: Da ist die heilige Schwangere, die Karrierefrau und die Prostituierte. Zur letzten unterhält der philosophierende und prügelnde DJay ein ambivalentes Verhältnis zwischen Hörigkeit und Geschäftspartnerschaft. Das Stereotyp des Pimps, des Zuhälters wie er heute im kommerziellen HipHop glorifiziert wird, erfährt in dieser Ghettofabel jedoch einen bitteren Realitätsabgleich.

Als Regisseur musste sich Singleton erst gekonnt für hohlen Actionspaß empfehlen, um sich vom eindimensionalen Ruf des sozialkritischen, schwarzen Filmrebellen zu befreien. Durch die Hintertür ist es ihm nun auch als Produzent gelungen, Autonomie und Kontrolle im Mainstream zu bewahren: "Es gibt keine schwarzen Studiobosse in Hollywood, die dir grünes Licht geben können. Ich will nur sicher stellen, dass ich Filme außerhalb des Systems drehen und unterstützen kann."

Dass dabei die kreativen Impulse nach wie vor von den Rändern kommen, beweist "Hustle & Flow" eindringlich. Gegen dessen kontroverse Leidenschaftlichkeit wirkt Singletons auf breite Masse angelegtes Lynchjustizdrama fast schon wieder brav.