Filmen in Tschernobyl Wo ein Kätzchen zum Todfeind wird

Marcus Schwenzel Filmproduktion

2. Teil: Alles, was hier lebt, trägt den Tod in sich


Es gibt in der Zone ein Restaurant, in dem man angeblich gesundes Essen bekommt. Da streunen ständig rund 30 Katzen herum. Sie schnurren, sie streichen um deine Beine herum, sie wollen gestreichelt werden. Tu das bloß nicht, warte, bis sie gehen! Die Zone ist ein umgekehrter Schöpfungsort. Alles, was dort lebt, trägt den Tod in sich.

Im Kühlwasserbecken schwimmen zwei Meter große Welse. Sie kommen jeden Tag zur gleichen Zeit unter eine Brücke, auf der die Reaktorarbeiter ihre Mittagspause machen. Von denen werden sie gefüttert. Du darfst das Geländer der Brücke nicht anfassen, denn es ist schwer verstrahlt. Und dann kommt ein Spatz angeflogen, landet mitten auf dem Geländer und zwitschert fröhlich vor sich hin!

Du hast keine Lust, dort zu drehen, keine. Du kannst niemals vergessen, wo du bist, egal, wie sehr du dich konzentrierst. Du arbeitest wie eine Maschine und willst nur noch raus. Jedes Bild musst du diesem Ort abringen. Jeder im Team ist extrem angespannt, jeder kann sofort explodieren. Da muss man sich gut im Griff haben.

Ich bilde mir ein, dass man die Radioaktivität spüren kann. Dem ganzen Filmteam ging es so. Der Kopf fühlt sich leer und wattig an. Es herrscht eine Art emotionales Vakuum. Man hat das Gefühl, alle Energien werden in einem riesigen unsichtbaren Trichter zum Himmel hin abgesogen. Ein fast spirituelles Erlebnis.

Katastrophe in Japan? Hier will es niemand wahrhaben

Es soll Menschen geben, die süchtig nach Strahlung geworden sind. Strahlenjunkies, je mehr Strahlung, desto besser. Strahlung hat für viele Menschen anscheinend etwas Anziehendes. Uns ging es nicht so. Wir fühlten uns so schmutzig wie noch nie zuvor. Einige Mitglieder des Teams haben nach dem Drehtag alle Klamotten entsorgt, einer hat gleich seinen Pass versehentlich mit weggeschmissen.

Als ich von Fukushima erfuhr, waren wir gerade vom Dreh in der Zone zurück nach Kiew gekommen. Es war ein zunächst sehr irreales, dann sehr erschreckendes Déjà-vu. In meinem Kopf überlagerten sich die Bilder wie bei einer Mehrfachbelichtung: die Aufnahmen, die ich gerade selbst gedreht hatte, mit den alten Nachrichtenbildern aus Tschernobyl und den neuen aus Fukushima.

Ich erzählte sofort allen, was passiert war. Die Reaktionen waren eigenartig. Oft nur ein kurzes Entsetzen, es wirkte fast gespielt. Ich dachte: Ist euch klar, was gerade passiert? Wollt ihr es nicht wahrhaben? Doch was ein GAU bedeutet, hatten sie in solcher Intensität erlebt, dass der Gedanke, am anderen Ende der Welt könnte sich gerade eine ähnliche Katastrophe abspielen, wohl einfach unerträglich war.

Du kommst als anderer Mensch aus Tschernobyl zurück

Jede Nachricht aus Fukushima rief die Erlebnisse in der Zone wieder wach, oft mit überwältigender Wucht. Vor ein paar Tagen war ich hier in Deutschland auf der Autobahn unterwegs und hörte die Nachrichten, da rollte Tschernobyl plötzlich wie eine riesige Welle über mich, ich bekam einen Weinkrampf, musste anhalten. Du nimmst Tschernobyl mit, trägst es in dir.

Tschernobyl krempelt dich komplett um. Du kommst als anderer Mensch wieder raus. Du kommst nach Hause, gehst durch den Wald und bist glücklich. Du darfst die Blätter anfassen, du darfst dich auf den Rasen setzen und denkst: Toll, die Vögel sind ja in Ordnung. Das kommt dir vor wie ein großes Geschenk.

Von Tschernobyl kann man viel über das menschliche Wesen lernen. Darüber, wie der Mensch funktioniert, verdrängt, denkt und handelt und lenkt. Eines habe ich begriffen: Die pure Existenz dieses Ortes lässt einen an der Lernfähigkeit des Menschen zweifeln, vielleicht sogar daran, dass er ein Vernunftwesen ist.

Eine amerikanische Zeitschrift hat die Zone von Tschernobyl unlängst zu einem der 100 verrücktesten Orte auf diesem Planeten erklärt, die man dringend besuchen sollte. Im kommenden Jahr, zur Fußball-Europameisterschaft, soll die Zone für Touristen geöffnet werden, man rechnet mit einer Million Besucher pro Jahr.

Jetzt, nach Fukushima, werden's vielleicht sogar noch ein paar mehr.

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insgesamt 61 Beiträge
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Seite 1
bmg7652 20.04.2011
1. Keine schlechte Idee
Tja, wäre doch keine schlechte Idee, alle die Atomenergie-Enthusiasten und -Profiteure mal für einen Tag in die Sperrzone zu schicken. Leider lernen wir Menschen ja meist nur durch Erfahrungen am eigenen Leib wirklich nachhaltig. In seinem eigenen Vorgarten hätte nämlich wohl keiner der Großmanns(RWE)& Co. gerne ein Atomkraftwerk, ein Endlager oder ähnliches. Wie bei den Chirurgen, die auch deutlich weniger Operationen an sich selber durchführen lassen, als sie ihren Patienten verordnen. Wie es mal ein indischer Soziologe gesagt hat: Das Problem für unsere Erde sind die Armen und die Reichen. Die Armen, weil sie sich häufig kein Umweltbewusstsein leisten können, die Reichen, weil sie einfach weg gehen können, wenn sie irgendwo Verschmutzung (oder Verstrahlung) verursacht haben. Und da wundert sich noch jemand über die bürgerliche Mitte in unserem Land, die zunehmend für Bündnis90/Die Grünen stimmt?
F.Siegert 20.04.2011
2. Leben nach der Apokalypse
Stellt sich mir die Frage warum diese Gegend vor anscheind gesunden Tier- und Pflanzenleben nur so wimmelt und nicht nur verkrebste Mutanten ihr kärgliches Darsein fristen? Treten die dortigen Pferde, Hunde und Kätzchen nicht auf das so tödlich verstrahlte Moos?
Mulharste, 20.04.2011
3. -
Zitat von sysopNichts anfassen, nichts abstellen, nicht anlehnen: Der Regisseur Marcus Schwenzel hat in Tschernobyl seinen Kurzfilm "Seven Years of Winter" gedreht. Die Sperrzone erlebte er als umgekehrten Schöpfungsort, in dem alles, was lebt, den Tod in sich trägt. Er kam als neuer Mensch zurück. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,757685,00.html
Alles was lebt, trägt generell den Tod in sich. Welse im Kühlwasserbecken Spatzen auf Brücken Touristen am Sarkopharg Busleiter am offenen Fenster Zahme Wölfe ein paradiesischer Ort für die NAtur 2000 Arbeiter alle Leben - scheinbar nicht mal krank -- das ist Tschernobyl nach 25 Jahren --- Was haben wir im SPon Forum zum Thema Fukushima? ( ich las von einer Foristin zum Thema Tschernoby, es wäre dort alles tot) Alles tot 35 Mio Strahlentote unbewohnbar für 1000000 Jahre die Welt am Abgrund ein toter Planet dumme JApaner die nicht flichtartig ihr Land verlassen
robinho09 20.04.2011
4. ist das notwendig?
Sehr interessant, dennoch wäre ich - als Teammitlgied - dort nicht hingefahren. Muss man einen Film unter gefährlichen bzw. unsicheren Bedingungen drehen? Ist eine Geschichte so wichtig, dass man über "Leichen" gehen muss und seine Gesundheit riskiert, wenn man z.B. auf ein Stück Moos tritt? Leider vergißt so mancher allzu leidenschaftlicher Regisseur und Produzent was wirklich wichtig ist im Leben - die Gesundheit! Klar, jeder hat es freiwillig gemacht, aber trotzdem: Muss man wirklich in und herum Tschernobyl drehen, um seinen Film in den Kasten zu bekommen??? Ich finde es etwas verantwortungslos und grenzt an Sensationsgier ("WIR haben in Tschernobyl gedreht"). Jedes Teammitglied, das vielleicht irgendwann mal chronisch erkrankt (auch wenn es nicht direkt an dem Tschernobly Besuch liegt), wird sich Vorwürfe machen jemals dorthin gegangen zu sein. Das steckt dann im Kopft drinnen - wie auch in dem Bericht beschrieben.
Crom 20.04.2011
5. ...
Zitat von F.SiegertStellt sich mir die Frage warum diese Gegend vor anscheind gesunden Tier- und Pflanzenleben nur so wimmelt und nicht nur verkrebste Mutanten ihr kärgliches Darsein fristen? Treten die dortigen Pferde, Hunde und Kätzchen nicht auf das so tödlich verstrahlte Moos?
In der freien Natur sterben missgebildete Tiere einfach kurz nach der Geburt. Die Lebenserwartung der "gesunden" Tiere ist sicher unterdurchschnittlich. Allerdings sind nicht die verstrahlten Tiere und Pflanzen gefährlich sondern die kontaminierten, die also strahlende Stoffe in oder an sich tragen.
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