Filmfest in Rom Millionen für den schönen Schein

Das neu gegründete Filmfest von Rom wucherte mit großem Budget und vielen Stars - und wollte mit dem renommierten Festival von Venedig konkurrieren. Doch trotz der Glamour-Offensive misslang der Sprung auf die A-Liste des internationalen Festival-Zirkus.

Von Julia und Rüdiger Sturm


Sie besaßen keine Tickets, wohl nicht einmal eine italienische Aufenthaltsgenehmigung. Und doch gehörten ein paar afrikanische Ramschhändler zu den wichtigsten Protagonisten des Filmfests von Rom. Denn dank ihrer Mitwirkung übernahm eine Kino-Ikone auch in der Realität die Heldenrolle. Vor einer Woche wurden die "Billigen Jakobs" im Park der Villa Borghese von jugendlichen Hooligans malträtiert, doch diesmal blieb es nicht bei einer Episode alltäglichen Rassismus: "Herr der Ringe"-Star Viggo Mortensen, der beim Festival sein neuestes Mantel-und-Degen-Werk, "Captain Alatriste", vorstellte, flanierte in diesem Moment vorbei, und als wär’s eine Filmszene, jagte er die Angreifer mit Worten und Fäusten davon.

Effektvoller hätte der öffentliche Auftritt eines Schauspielers wohl kaum verlaufen können. Und in gewisser Weise passte Mortensens Heldennummer in das Konzept der gestern beendeten Filmparade. Denn wenn eines am ersten "Cinema. Festa Internazionale di Roma" bemerkenswert war, dann war es der unverbrämte Starkult. Während des eine gute Woche dauernden Festivals wurden einige der größten Legenden des Weltkinos an den Tiber transportiert, von Nicole Kidman über Leonardo Di Caprio bis zu Sean Connery und Robert De Niro. Diese Jagd nach Glamour war für jeden offensichtlich, der in diesen Tagen die römische U-Bahn nutzte. In jedem Waggon flimmerten die Werbe-Clips des Festivals, die großen Geister der Vergangenheit, von Bogart bis Bergman, bei ihren Rom-Visiten zeigten.

Cineastischer Angriff auf die Lagune

Dabei hatte die Branche ursprünglich mehr von dieser Kinofeier erwartet als glitzernden Starkult. Immerhin hatte Bürgermeister Walter Veltroni, ein erklärter Kulturfanatiker, rund zehn Millionen Euro dafür zur Verfügung gestellt. Zum Veranstaltungszentrum wurden die überdimensionalen Hallen von Renzo di Pianos Parco della Musica auserkoren. Mit einer solchen Ausstattung kann das sechs Wochen zuvor stattfindende Festival von Venedig nicht aufwarten. "Wir müssen erstmal eine Infrastruktur aufbauen", versuchte Rom-Chef Giorgio Cosetti alle übersteigerten Erwartungen zu dämpfen. Aber den Verdacht, die Hauptstadt setze zum cineastischen Angriff auf die Lagune an, vermochte er mit seinen Beteuerungen nicht aus der Welt zu räumen. Nicht zufällig unkte Biennale-Leiter Marco Müller, im römischen Programm fände sich nur die "Ausschussware Venedigs".

Und tatsächlich – die Filmpalette des 'Cinemafest' besaß bei weitem nicht die Strahlkraft seiner Besucherriege. Die Star-Vehikel hatten schon längst anderenorts ihre Uraufführung erlebt, ob die bizarre Diane Arbus-Biografie "Fur" mit Nicole Kidman, Martin Scorseses Krimi "The Departed" oder der Zauberer-Thriller "The Prestige", für den weder Scarlett Johansson oder Hugh Jackman einfliegen mochten. Von den größeren internationalen Produktionen war lediglich die amüsante Posse "The Hoax" über den Fälscher einer Howard Hughes-Biografie ein Novum. Richard Gere holte sich dafür den verdienten Applaus persönlich ab.

Streng genommen bot nicht einmal der Festival-Gewinner Neues: Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow verfilmte das schwarzhumorige Bühnenstück "Izobrajaya Zhertvy - Playing the Victim" über einen Oblomow-haften Philosophen, der sich als Opfer in polizeilichen Mordrekonstruktionen sein Geld verdient. So gesehen war das einzig wirkliche Ereignis der neue Film von Giuseppe Tornatore, "La Sconosciuta". Nach fünfjähriger Kinopause konnte der Oscarpreisträger ("Cinema Paradiso") mit seinem düster-verwickelten Drama weitgehend positive Kritiken für sich verbuchen. Ganz anders als etwa Guillaume Nicloux’ Esoterik-Thriller "The Stone Council", in dem sich Monica Bellucci als Tierforscherin in abstrusen Spökenkiekereien verstrickt.

Kein Dolce Vita ohne das nötige Kleingeld

Schon im Vorfeld war für jeden offensichtlich, dass die römischen Veranstalter nicht die künstlerischen Ambitionen Venedigs hegten. Ihr Festival war eindeutig als Publikumsereignis konzipiert – nicht für die internationalen Beobachter, sondern sozusagen für ‚Senatus Populusque Romanus’. Und das war nicht nur ein Lippenbekenntnis: Die Jury unter Vorsitz von Ettore Scola setzte sich aus 50 römischen Kinozuschauern zusammen, die einen mehrstufigen Auswahlprozess absolvierten. Obwohl der Festivalzirkus im touristischen Trubel der Ewigen Stadt nur bedingt zu spüren war, scheint die Rechnung aufgegangen zu sein. Über 100.000 Zuschauer fanden sich zu den Screenings ein; vor den Star-Herbergen drängelten sich die Schaulustigen. Bei den professionellen Teilnehmern befanden sich die nicht-italienischsprachigen Besucher eindeutig in der Minderheit.

Trotzdem ist Roms Status alles andere als gefestigt. Wie wenig ein Glamour-Konzept allein trägt, zeigte sich bereits, als nach dem U-Bahn-Unfall am 17. Oktober sämtliche roten Teppiche und Partyveranstaltungen abgesagt wurden. Und solches Dolce Vita kostet Geld. Für die Reisekosten von Nicole Kidman und Gefolge mussten die Veranstalter rund eine halbe Million Euro aufbringen.

Walter Veltronis Spendierpolitik ist indes nicht unumstritten. Bei der Eröffnung rumorten Demonstranten, die die Kino-Millionen lieber in Roms Infrastruktur gesteckt gesehen hätten. Ob das Festival in dieser Form das Ende von Veltronis zweiter Amtszeit 2010 überlebt, ist keinesfalls garantiert. Auch der Termin wird bereits jetzt in Frage gestellt. Schon gibt es Gerüchte, die Veranstalter könnten sich ein Plätzchen im Juni suchen – wenige Wochen nach der übermächtigen Konkurrenz von Cannes. Wäre Rom ein reines Fun-Festival, ließe es sich als Erfolg bewerten – zumal auch die organisatorischen Abläufe weitgehend funktionierten. Aber ob es dem Potenzial gerecht wird, das sein Budget und seine Besetzung versprechen, bleibt abzuwarten. Nach der Premiere hat die Identitätsfindung erst begonnen.



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