SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

07. September 2008, 11:04 Uhr

Filmfest in Venedig

Kino im Schwitzkasten

Aus Venedig berichtet

Großes Halligalli für einen durch den Fleischwolf gedrehten Champion: Das Filmfestival in Venedig endete mit einem triumphalen Auftritt von Mickey Rourke, der für den Ringerfilm "The Wrestler" den Goldenen Löwen bekam - ein großer Kinomoment, der für vieles bei den Lido-Spielen entschädigte.

Man sah vor dem Festivalpalast auf dem Lido von Venedig in diesem Jahr viele Menschen, die mit mürrischen Gesichtern und merkwürdiger Hektik um sich schlugen, als kämpften sie gegen einen unsichtbaren Feind. Verursacher dieses bizarren Theaters war aber nicht eine plötzliche allergische Reaktion gegen das oft ätzend langatmige, in endlosen Einstellungen auf kargen Landschaften verharrende Erzählverweigerungskino, das den Wettbewerb um den goldenen Löwen lange Zeit beherrschte; nein, eine Mückenplage, wie man sie in Venedig schon Jahre nicht mehr erlebt hat, animierte viele Besucher dazu, sich zappelnd auf die eigene Haut zu patschen.

Mit vollem Körpereinsatz geführte Kämpfe gegen unsichtbare Feinde waren es, die das Festival in Venedig auch drin in den Kinosälen herausrissen aus jener verschwitzten Missgelauntheit, die sich in den Tagen zuvor breitgemacht hatten.

In Kathryn Bigelows "The Hurt Locker" sieht man über zwei Stunden einem Trupp von harten amerikanischen Draufgängertypen bei der Arbeit zu. Es sind die Männer eines Bombenräumkommandos in Bagdad, die in diesem mit unglaublicher physischer Wucht auf die Spannungstube drückenden Spielfilm Drähte abklemmen, in Funkgeräte brüllen und mit Maschinengewehren herumballern. Bigelow zeigt das Machogehabe dieser Männer, ihre nächtlichen Faustkämpfe in der Kaserne, ihre Angst, vor allem aber den Aberwitz ihres manchmal tödlichen Handwerks. Die wirklich nervenzerfetzende, schlimm aufs Gemüt schlagende Beunruhigung des Films aber entsteht nicht durch die Explosionen, von denen er erzählt, sondern daraus, das die Regisseurin keine politische und keine militärische Partei ergreift: Sie zeigt nur den Kampf einer zufällig zusammengepferchten Männergemeinschaft ums Überleben.

Vermutlich sind diese kluge Ambivalenz und das daraus resultierende Unbehagen, die "The Hurt Locker" bei aller Brillanz verbreiten, daran schuld, dass dieser herausragende Film am Samstagabend bei der Verleihung der diesjährigen Löwen leer ausging. Die Jury unter Wim Wenders vergab den Hauptpreis lieber an einen anderen US-amerikanischen, in jeder Hinsicht eindeutig zu entschlüsselnden Wettbewerbsfilm: "The Wrestler" von Darren Aronofsky feiert die Lebendigkeit des alten großen amerikanischen Traums, wonach es jeder ganz nach oben aufs Siegertreppchen schaffen kann, wenn er nur seinen inneren Schweinehund besiegt.

Die beiden unsichtbaren Feinde, gegen die Mickey Rourke in diesem Wrestling-Film kämpft, sind das Alter und die eigene Vergangenheit. Rourke spielt einen mit riesigen Muskeln bepackten Dreckskerl, dem seine groteske blonde Haarlockenpracht bis kurz vor die Popofalte reicht. Der Typ heißt Randy "The Ram" Robinson und war in den Achtzigern ein Star im Kampfring, ist besoffen vom Ruhm und behandelt seine Tochter und die Menschen um sich herum mit Verachtung. Dann macht sein Herz nicht mehr mit, und er wird aus dem Rampenlicht hinter eine Metzgertheke verbannt. Doch natürlich will es dieser Champion, den das Leben in den Schwitzkasten genommen und durch den Fleischwolf gedreht hat, noch ein allerletztes Mal wissen.

Es war ein toller, großer, herzzerreißender Kinomoment, als der von vielen nur noch hämisch belächelte Achtziger-Jahre-Star Rourke am Samstagabend in Venedig aufsprang in der Sekunde, als verkündet wurde, dass "The Wrestler" den Goldenen Löwen erhält. Er jubelte, hüpfte wie wild im Kinosaal herum und zerrte seinen Regisseur, das gleichfalls nach bösen Flops fast abgeschriebene einstige Hollywood-Wunderkind Darren Aronofsky, mit auf die Bühne. Und dort strahlte aus Rourkes famosem, durch allerlei chirurgische Eingriffe kurios verwandeltem Boxergesicht ein Siegerlächeln, das für fast alles entschädigte, was das venezianische Festival in diesem Jahr seinen Besuchern zumutete. Übrigens auch für die restlichen Preisentscheidungen der Jury, die zum Beispiel das von vielen Kritikern (auch von mir) heißgeliebte brasilianische Regenwalddrama "Birdwatchers" des Regisseurs Mario Bechis mit keinem noch so popeligen Nebenpreis bedachte.

Dafür bekamen die Französin Dominique Blanc und der italienische Schauspieler Silvio Orlando für prinzipiell schwächliche Filme die Auszeichnungen als beste Darsteller; der Russe Alexeij German junior erhielt für einen schwer surrealen Bilderbogen über russische Kosmonauten in den Sechzigern den Silberlöwen für die beste Regie; sogar der deutsche Regisseur Werner Schröter, der in seinem Wettbewerbsfilm "Nuit de Chien" auf rührend altmodische Weise im Opernkitsch schwelgte und von italienischen Kritikern dafür übel beschimpft wurde, räumte noch einen Löwen für sein Lebenswerk ab.

Schwamm drüber: Ein starkes Finale mit dem Überraschungsstar Mickey Rourke im Zentrum hat es geschafft, die in wütenden Kommentaren schon total abgeschriebenen diesjährigen Filmfestspiele am Lido zu retten. Und für alle, die in Venedig schon von einer allgemeinen Krise der Kinokunst im Computerzeitalter schwadronierten, bietet dieser späte Sieg des allerletzten Wettbewerbsfilms auch eine schöne Lehre: Man kann einem alten Schlachtross der Unterhaltungskunst, wie es das Kino ist, noch so viel aufs Maul geben. Was wirklich in ihm steckt, zeigt es oft erst, wenn der Gong zur letzten Runde geschlagen. Mickey Rourke drückte es am Samstagabend in Venedig so aus: "Auf die Balls kommt es an, Leute - wer gewinnen will, muss Eier haben!"

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung